Grundschüler in Lünen vermissen Kontakt zu „ihren“ Lehrern

mlzCorona-Krise

Seit Wochen findet in der Corona-Krise kein regulärer Unterricht statt. Auch in Lünen suchen Grundschulen deshalb Wege, um mit den Schülern in Kontakt zu bleiben. Für manche Eltern geht das nicht weit genug.

Lünen

, 29.04.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die sechsjährige Mila eilt zum Computer. 10 Uhr. Die I-Männchen der Igelklasse kommen zur ersten Konferenz zusammen - online natürlich. Denn noch sind die Grundschulen für die unteren Klassen geschlossen. Mit jeder weiteren Woche im Homeschooling werden die Herausforderungen größer. Und auch Kritik wird lauter.

Noch sitzt der Kopfhörer mit Mikrofon etwas wackelig auf dem Kopf der Sechsjährigen. Nach und nach ploppen kleine Fenster auf. Das erste Mal seit Wochen sieht Mila ihre Lehrerin und ihre Klassenkameraden aus der Matthias-Claudius-Schule. Sie winken einander zu. Mila freut sich über das Lebenszeichen in dieser Krisen-Zeit. Die Menschen aus der Schule, sie fehlen ihr. Noch vor den Sommerferien sollen sie sich wiedersehen. Doch wann sie wieder ganz normalen Unterricht haben wird, ist noch immer ungewiss.

Einigen Eltern fehlt die persönliche Ansprache

Gerade läuft die fünfte Woche mit Unterricht zuhause, die siebte Woche im Lockdown. Wie Schulen, ja auch Lehrerinnen und Lehrer den Herausforderungen des Homeschoolings begegnen, ist höchst individuell. Viele werden kreativ, stehen in ständigem Austausch mit Kollegen und Familien und nutzen digitale Kanäle. Manche tasten sich gerade heran - und andere schicken Aufgaben kommentarlos an die Eltern.

Unter denen wiederum mehren sich inzwischen auch kritische Stimmen. Viele Eltern begleiten das Homeschooling ihrer Kinder parallel zum eigenen Arbeiten im Home-Office. Ein Kraftakt. Kommt dann aus der Grundschule außer einer allwöchentlichen Mail mit Arbeitsblättern nichts weiter, ist die Frustration groß. Fehlender Digital-Unterricht, keine persönliche Ansprache, so die Kritik einiger Eltern.

„Wir haben die Arbeitsblätter per Post nach Hause geschickt bekommen. Ohne Hilfsangebote, ohne einen Hinweis, sich bei Fragen melden zu können“, sagt die Mutter einer Viertklässlerin, die ihren Namen hier nicht lesen will. Dass auch nach etlichen Wochen keine neuen Angebote aus der Schule kämen, verstünde sie nicht. „Natürlich frage ich mich, warum man grundsätzlich Mails verschicken, aber keine Videokonferenzen machen kann.“

„Können keinen Drucker voraussetzen“

Tatsächlich bietet die Digitalisierung eine Menge verschiedener Möglichkeiten, auch um das Lernen für Grundschüler abwechslungsreich zu gestalten. Von echtem Digital-Unterricht aber, der Lehrer und Schüler konsequent und für Stunden zusammenbringt und Eltern so vom Homeschooling entlastet, ist die Schullandschaft der gesamten Bundesrepublik noch weit entfernt. Und manche Schulen entscheiden sich auch ganz bewusst für den analogen Weg.

Auch in Lünen?

  • Beispiel Overbergschule: „Wir können nicht voraussetzen, dass alle einen Drucker zuhause haben“, sagt etwa Silke Schnelle, Schulleiterin der Overbergschule. Die Materialien würden daher in unterschiedlicher Art zu Verfügung gestellt. Manche kämen per Mail an die Eltern, die Arbeitsblätter und andere Materialien könnten aber auch zu bestimmten Terminen abgeholt und fertiggestellte Aufgaben zur Korrektur in der Schule abgeben werden.
  • Beispiel Leoschule: Die Leoschule lasse laut Schulleiter Matthias Flechtner den Eltern und Kindern die Wahl. Etwa ein Drittel der Eltern hole die Materialen in ausgedruckter Form an der Schule ab. Zahlreiche Materialien stünden auch über Online-Plattformen oder der schuleigenen App zur Verfügung. Auch Videokonferenzen mit Schülern gebe es regelmäßig. Beide Schulleiter betonen, dass die Lehrerinnen und Lehrer auf verschiedenen Wegen versuchen, den persönlichen Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern zu halten. Auch um die wenigen Sorgenkinder nicht im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Blick zu verlieren.

Die Mutter der Viertklässlerin hat an der Schule ihrer Tochter andere Erfahrungen gemacht. „Gerade weil diese Schule in einem Lüner Brennpunkt liegt, müssten Lehrer doch die Aufgaben kontrollieren, den Kindern Hilfe anbieten und einfach mal danach schauen, wie es ihnen geht“, findet sie. Bislang aber käme kein persönliches Wort der Lehrerin.

„Schule ist eigentlich ein Schutzrahmen“

Dabei ist für Grundschüler der persönliche Kontakt zu den Lehrerinnen und Lehrern in der Corona-Krise besonders wichtig, betonten Experten wie der Berliner Bindungsexperte Klaus Koch. Auch der Lüner Dr. Thomas Kahlen, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie / Psychotherapie, sagt: „Lernen funktioniert nur in Beziehung.“ Gerade die Jüngsten lernten noch nicht für sich, „sondern ihrer Lehrerin zur Liebe“.

Und besonders die Kinder, die in der Corona-Zeit der schwierigen Situation zuhause ausgeliefert sind, bräuchten noch stärker als sonst jemanden, dem sie sich anvertrauen können. „Für diese Kinder ist Schule eigentlich ein Schutzrahmen“, so der Mediziner. Lehrer haben hier also eine besondere Funktion. „Aber auch Lehrer werden oft allein gelassen“, findet Dr. Kahlen.

Viele seien sich auch einfach gar nicht bewusst, welche Rolle sie für die Schülerinnen und Schüler spielen, unterstreicht der Berliner Psychologe Dr. Koch. Dabei seien gerade für Grundschüler Lehrer oftmals eine wichtige Bindungsperson.

Lehrer als wichtige Bindungsperson

Auch die Mutter eines Erstklässlers im Lüner Norden spürt, dass ihr Sohn seine Lehrerin regelrecht vermisst. Sie würde sich über etwas mehr als nur eine Mail die Woche freuen. Eine Videokonferenz, wie es seine Freundin Mila regelmäßig macht, muss es gar nicht unbedingt sein. „Nach so einer langen Zeit würde mein Sohn gerne einfach mal wieder mit seiner Lehrerin sprechen“ erzählt die Lünerin. „Und dafür würde ja ein Telefon schon reichen.“

Wie steht es mit dem Datenschutz?

Ob Anwendungen dem Datenschutz entsprechen, müssen Schulleitungen im Einzelfall prüfen. Empfehlungen speziell zu Videokonferenz-Anwendungen gibt das Schulministerium NRW nicht. Grundsätzlich seien Videokonferenzen und Webinare aber möglich und eine gute Gelegenheit, mit Schülerinnen und Schülern Kontakt zu halten, teilt das Ministerium auf Anfrage mit. Der Datenschutz dürfe aber auch in der Ausnahmesituation nicht vernachlässigt werden.
Lesen Sie jetzt