Häusliche Gewalt in der Corona-Krise in Lünen: Warum viele Opfer schweigen

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Häusliche Gewalt ist leider immer ein Thema. Derzeit, in der Corona-Krise, offenbar noch mehr als sonst. Ein Thema, um das sich die Lüner Gleichstellungsbeauftragte sorgt.

Lünen

, 14.05.2020, 16:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Durchschnittlich 12,5 Fälle häuslicher Gewalt im Monat aus Lünen werden bei der Polizei angezeigt. So lautet die Statistik der Polizei, die seit 2017 erhoben wird. Für diesen April sind 13 Fälle gemeldet worden - also nicht mehr als der Durchschnitt aus Vor-Corona-Zeiten.

Wie hoch allerdings die Dunkelziffer ist, weiß man nicht. „In Berlin beispielsweise sind die Fälle häuslicher Gewalt durch die Corona-Krise deutlich in die Höhe gegangen“, sagt Heike Tatsch. Die neue Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Lünen ist seit April im Amt. Eines der Themen, um das sie sich kümmern will, ist der Kampf gegen häusliche Gewalt.

Heike Tatsch ist seit April die neue Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Lünen.

Heike Tatsch ist seit April die neue Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Lünen. © Beate Rottgardt (A)

Direkt in den ersten Tagen ist sie aktiv geworden, hat Infomaterial über das Hilfstelefon gegen Gewalt an Frauen in Geschäften und Apotheken in Lünen verteilt. Unter der kostenlosen Nummer (0800) 0116 016 gibt es Zuspruch und Ansprechpartner für Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind.

Befürchtung, dass Zahlen in der Krise steigen werden

„Ich teile die Befürchtung, dass die Zahlen in dieser Krise steigen werden.“ Viele Menschen sind zuhause, unter Umständen auf engstem Raum. Nicht alle Familien wohnen in Häusern mit Garten. „Da gibt es Reibungspunkte, auch durch Home Office und Home Schooling, die Stress mit sich bringen. Dazu kommen möglicherweise Existenzängste, mehr Alkoholkonsum - Extremsituationen, die dazu führen können, dass es mehr häusliche Gewalt gibt“, so Heike Tatsch.

Dass viele Fälle unter der Decke gehalten werden, hat Gründe. „Oft ist es Scham. Niemand offenbart gerne sich und anderen, dass man zum Opfer geworden ist.“

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Bei Frauen hat es auch wirtschaftliche Gründe. Finanzielle Abhängigkeit vom Partner, weil man wegen der Kinder nicht oder vielleicht nur in Teilzeit berufstätig ist.

Es gibt aber auch emotionale Abhängigkeit, die die Opfer den Absprung nicht schaffen lässt. „Frauen reden sich auch oft ein, dass sie den Kindern zuliebe den Schein wahren sollten“, weiß Heike Tatsch. Dabei merken Kinder genau, wenn in der Beziehung der Eltern etwas nicht stimmt.

Selbstbehauptung und Selbstverteidigung lernen

Heike Tatsch will langfristig immer wieder auf Hilfsangebote hinweisen und auch präventiv tätig werden. „Ich möchte Seminare zur Selbstbehauptung und Selbstverteidigung anbieten, wenn die Corona-Krise das wieder möglich macht.“

Konkret will sie den Antrag aller Ratsfraktionen unterstützen, zumindest eine Beratungsstelle für Frauen in Not in Lünen einzurichten. Die Fraktionen haben auch einen Antrag auf Einrichtung eines Frauenhauses in der größten Stadt des Kreises gestellt.

Leider gibt es sie wirklich - die klassischen Opfer. Menschen, mit wenig Selbstwertgefühl, die sich nicht gut selbst behaupten können. „Wer sich nicht wehren kann, über den können andere Menschen Macht und Kontrolle ausüben“, weiß die Gleichstellungsbeauftragte. Deshalb sei es wichtig, zu lernen, in Gestik, Mimik und Sprache zu zeigen, dass das Gegenüber nicht weiter gehen darf, dass man nicht in den persönlichen Wohlfühlbereich eindringen darf.

Zwar sind in den allermeisten Fällen häuslicher Gewalt Frauen betroffen. Aber in 18 Prozent der Fälle sind auch Männer betroffen. „Wobei es in der Hälfte der Fälle, in der Männer zum Opfer werden, Situationen sind, in denen Frauen in Notwehr gehandelt haben“, erläutert die Lüner Gleichstellungsbeauftragte.

Gewalt, die von Frauen ausgeht, sei meist nicht körperlich, sondern eher psychisch, weil Frauen Männern körperlich eher unterlegen seien. Psychische Gewalt könne ebenso Häme wie Erniedrigung oder Erpressung sein.

Häusliche Gewalt zieht sich durch alle Schichten, hat definitiv nichts mit Einkommen oder Gesellschaftsstand zu tun. „Man schaut den Menschen nur vor die Stirn“, sagt Heike Tatsch.

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