Häusliche Gewalt: Zahl der Taten in Lünen hoch, doch Zuflucht gibt es in der Stadt nicht

mlzKriminalitäts-Prävention

Wenn Frauen oder Mädchen Opfer von Gewalt werden, können sie sich an das Frauenforum im Kreis Unna wenden. Zumindest theoretisch. Denn in Lünen hat die Sache mittlerweile einen Haken.

von Kristina Gerstenmaier

Lünen

, 18.09.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es war ein besonderer Einsatz, zu dem die Polizei am 9. September nach Lünen-Gahmen gerufen wurde. Ein 42-Jähriger hatte seine Ex-Freundin geschlagen, die sich leicht verletzt zu Nachbarn retten und die Ordnungshüter alarmieren konnte.

In der Zwischenzeit randalierte der Mann weiter vor dem Haus und versetzte den eintreffenden Beamten so harte Schläge, dass einer von ihnen anschließend „nicht mehr dienstfähig“ war, wie die Polizei Dortmund meldete. Nach Festnahme und Gefährderansprache wurde dem Mann gegenüber ein zehntägiges Rückkehrverbot ausgesprochen.

Dabei handelt es sich um einen von vielen Fällen der häuslichen Gewalt in Lünen. 2018 waren es im Bereich der Gewaltkriminalität insgesamt 104, 2019 bereits 98 (Stand: August 2019). Und das sind nur diejenigen, die zur Anzeige gebracht werden oder bei denen die Polizei eingeschaltet wird.

Zusammen mit der sexualisierten Gewalt (2018 waren es 69 bekannte Fälle in Lünen) stellt sie aber nach allgemeiner Einschätzung den Bereich der Kriminalität dar, bei dem die Dunkelziffer am höchsten ist.

Frauenforum bringt Licht ins Dunkel

Ende August hat das Landes-Innenministerium eine Studie in Auftrag gegeben, die Dunkelfelder der Gewaltkriminalität ans Licht bringen soll. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet das Frauenforum e.V. für den Kreis Unna, also auch für Lünen.

Seit über 30 Jahren ist das Forum Anlaufstelle für in Not geratene Mädchen und Frauen. Hier bekommen sie Schutz und Hilfe, wenn sie körperliche oder seelische Gewalt erfahren haben oder sich in anderen schwierigen Lebenslagen befinden.

Der Bereich „Frauen- und Mädchenberatungsstelle“ kümmert sich um Betroffene, die den Weg selbstständig nach Unna finden. Außerdem ist die Polizei per Gesetz verpflichtet, bei Fällen der häuslichen Gewalt auf das Hilfsangebot hinzuweisen und informiert die Sozialarbeiter.

Häusliche Gewalt: Zahl der Taten in Lünen hoch, doch Zuflucht gibt es in der Stadt nicht

Heike Bagusch (l.) und Karin Gottwald von der Frauen- und Mädchenberatungsstelle möchten Frauen stärken und sie durch schwere Zeiten wie Trennungen begleiten. © Kristina Gerstenmaier

„Wir tragen dazu bei, das Dunkelfeld zu verkleinern. Die Frauen, die zu uns kommen haben den Weg zu uns ja schon gefunden und bewegen sich dann im Hellfeld“, beschreibt Karin Gottwald, Sozialarbeiterin und Leiterin der Frauen- und Mädchenberatungsstelle einen Aspekt ihrer Arbeit.

2018 kamen 354 Frauen aufgrund von Erfahrungen der häuslichen Gewalt in die Beratungsstelle. Nur 58 davon wurden zur Anzeige gebracht.

Dem Innenministerium gemeldet wurden aber alle. „Vergangene Studien gehen davon aus, dass jede vierte Frau von häuslicher und jede siebte Frau von sexualisierter Gewalt betroffen ist“ sagt Gottwald. Man sei gespannt, was die aktuelle Studie ergibt. Sie geht aber davon aus, dass die Dunkelziffer im Kreis Unna deutlich höher sei als die Zahl der bekannten Fälle.

Außensprechstunde für Lünen eingestellt

Um mehr Frauen und Mädchen zu erreichen, ihnen den Weg zu den Hilfsangeboten möglichst barrierefrei zu gestalten, wurde im Sommer 2017 eine 14-tägliche „Außensprechstunde“ der Frauen- und Mädchenberatungsstelle für Lünen eingerichtet. Damit kam man Forderungen von Experten wie der städtischen Gleichstellungsbeauftragten Gabriele Schiek nach, möglichst flächendeckenden Angeboten zu schaffen.

Nun wurde sie vor den Sommerferien nach nur zwei Jahren schon wieder eingestellt. Und das nicht etwa, weil das Klientel fehlte. „Es gab eine relativ hohe Resonanz“, sagt Karin Gottwald, „2018 waren es in Lünen 20 Frauen, mit denen wir meist jeweils mehrere Gespräche führten, aber wir können es kapazitätsmäßig einfach nicht mehr leisten.“

Jetzt müsse man auf andere Anlaufstellen vor Ort, wie zum Beispiel die Angebote zur allgemeinen Lebensberatung des Bistum Münster, der Caritas oder der Diakonie verweisen. Eine spezielle Anlaufstelle für Opfer von häuslicher oder sexualisierter Gewalt gibt es in Lünen nun erneut nicht.

Durch Angebote konnten 79 Frauen mehr in Lünen erreicht werden

Außerdem sei man unbedingt auf die Zusammenarbeit mit der Polizei angewiesen. „Nach deren Einsätzen im Bereich der häuslichen Gewalt bekommen wir, falls die betroffene Frau einverstanden ist, ein Fax. In Einzelfällen fahren wir dann auch direkt zu ihnen“, beschreibt Karin Gottwald den Vorgang. „Es ist wichtig, jede Frau an Ihrem individuellen Punkt abzuholen. In diesem Jahr bekamen wir allerdings von der Polizei aus Lünen erst 20 Faxe.“

Im Zeitraum Januar bis Juni 2019 erfasste die Polizei Dortmund laut Kriminalitätsstatistik 98 Delikte aus dem Bereich der Gewaltkriminalität insgesamt. Eine Aufdröselung nach häuslicher oder sexualisierter Gewalt gibt es für dieses Jahr noch nicht.

Im Fall des eingangs beschriebenen Falls der häuslichen Gewalt aus Gahmen klärte die Polizei die betroffene Frau über die Hilfsangebote auf. „In diesem Fall war es so, dass die Frau keine Hilfe in Anspruch nehmen wollte und sich nicht damit einverstanden erklärte, dass ihre persönlichen Daten weiter gegeben werden“, sagt Polizeisprecher Peter Bandermann.

Zeigt sich eine Frau in einem solchen Fall jedoch einverstanden, haben die Sozialarbeiter für die Dauer des Rückkehrverbots Zeit, gemeinsam mit der Frau zu überlegen, wie es weiter gehen soll und ihr Hilfsangebote, wie zum Beispiel einen Platz im Frauenhaus oder eine eigene Wohnung zu vermitteln.

Kontakt

Die Frauen- und Mädchenberatungsstelle des Frauenforums im Kreises Unna ist erreichbar unter Tel. (02303) 82202 oder per E-Mail an frauenberatungsstelle@frauenforum-unna.de. Die telefonische Beratung findet montags und mittwochs von 10 bis 12 Uhr, dienstags und donnerstags von 15 bis 16 Uhr statt. Postanschrift: Postfach 15 43, 59405 Unna.
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