Hat Lünerin ihr Baby zu Tode geschüttelt?

Prozess in Dortmund

Nils wäre jetzt sieben Jahre alt. Er würde zur Schule gehen, sich mit Freunden verabreden und vielleicht im Fußballverein trainieren. Doch es kam anders. Der Lüner starb schon als Baby im Juni 2010 an den Folgen eines Schädelbruchs mit Hirnblutung. Der Fall gibt bis heute Rätsel auf.

LÜNEN

28.12.2016, 14:13 Uhr / Lesedauer: 2 min
Der Prozess gegen eine Mutter aus Lünen, die ihr Baby zu Tode geschüttelt haben soll, geht weiter.

Der Prozess gegen eine Mutter aus Lünen, die ihr Baby zu Tode geschüttelt haben soll, geht weiter.

Seit nunmehr fast drei Jahren verhandelt das Dortmunder Schwurgericht gegen die Mutter des Jungen. Staatsanwältin Sandra Lücke wirft der Lünerin vor, den damals sieben Monate alten Säugling heftig geschüttelt und dabei mit dem Kopf gegen einen harten Gegenstand geschlagen zu haben. Die Angeklagte selbst streitet das ab. Sie kann sich die schweren Kopfverletzungen nur damit erklären, dass Nils in einem unbeobachteten Moment aus dem Elternbett auf den Fußboden gefallen ist.

Der Dortmunder Prozess füllt mittlerweile unzählige Aktenbände. Zahlreiche Mediziner haben sich mit dem Fall befasst und ihre Sicht der Dinge vorgetragen. Die einen halten das von der Mutter behauptete Sturzgeschehen für unwahrscheinlich bis unmöglich. Andere sagen genau das Gegenteil.

Einblutungen in die Netzhäute der Augen

Genauso verhält es sich mit der Frage, ob die Frau den Kopf des Kindes heftig geschüttelt hat. Tatsache ist: Bei der Obduktion fanden sich winzige Einblutungen in die Netzhäute der Augen. Das können Hinweise auf ein sogenanntes Schütteltrauma sein, müssen es aber nicht. Das macht den Fall nur noch komplizierter.

Zuletzt hat das Dortmunder Schwurgericht einen der führenden deutschen Neurochirurgen als Sachverständigen beauftragt: Prof. Dr. Erst Johannes Haberl von der Uniklinik in Bonn. Der 61-Jährige hat sämtliche ärztliche Unterlagen eingesehen und sich danach seine eigenen Gedanken über das Schicksal des kleinen Nils gemacht. Was er den Richtern vortrug, machte jedoch das ganze Dilemma dieses Falles auf einen Schlag offensichtlich.

„Todesursache war eindeutig die Schädelfraktur“

Haberl sagte: „Todesursache war eindeutig die Schädelfraktur mit dem großen Hämatom.“ Es handele sich um ein einziges massives Trauma. Er kenne jedoch „keinen Fall, bei dem ein Sturz aus nur 40 Zentimeter Höhe eine solche Fraktur und eine solche Blutung bewirkt hätte.“

Diesen Satz werden die Angeklagte und ihre Verteidiger nicht gerne gehört haben. Wer daraus jedoch den Schluss zieht, dass dann eben die Anklagevorwürfe der Staatsanwaltschaft richtig seien, liegt falsch. Denn: Dass der Kopf des Babys geschüttelt wurde, kann Prof. Haberl ganz und gar nicht sicher feststellen.

Einblutungen bei Reanimation entstanden?

Die Einblutungen in die Netzhäute der Augen könnten auch bei der Reanimation des Jungen entstanden sein, sagt der Neurochirurg. Das gelte aber seiner Ansicht nach nicht für die ebenfalls festgestellten Einblutungen in die Sehnervenscheide. Auf der anderen Seite gebe das Gehirn aber keinerlei weitere Hinweise auf eine Schüttelverletzung: kein Beschleunigungstrauma, keine Mikroblutungen, nichts. Mit anderen Worten: Der Experte kann weder Ja noch Nein sagen.

Festgelegt hat sich Prof. Haberl allein in der Frage, ob die Kinderklinik die Schwere der Kopfverletzungen zu spät erkannt und damit den Tod des kleinen Nils möglicherweise mitverschuldet hat. „Zum Zeitpunkt der Einlieferung wäre ein neurochirurgischer Eingriff mit hoher Wahrscheinlichkeit schon sinnlos gewesen“, sagte der Gutachter. Der Prozess geht auch im nächsten Jahr weiter.

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