Arbeiten, bis der Arzt kommt? Ein Drittel der Hausärzte ist über 60 wird bald in Rente gehen. Nachfolger sind schwer zu finden. Drei Beispiele zeigen, wie Praxisübergaben klappen können.

Lünen

, 08.02.2019, 05:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Aus Berlin nach Lünen. Dr. Stephan Wismann (34) übernahm im April die Praxis seine Vaters Dr. Andreas Wismann in der Böcklinstraße 6. „Es war kein einfacher Schritt.“ Der junge Arzt hat nach seinem Studium in Gießen an der Berliner Charité internistisch gearbeitet und seine Weiterbildung in Berlin-Zehlendorf absolviert.

Hausärzte mit Nachwuchssorgen: Warum drei Praxen für junge Mediziner attraktiv sind

Dr. Stephan Wismann hat die Praxis seines Vaters an der Böcklinstraße übernommen. Dafür kam er aus Berlin nach Lünen. © Magdalene Quiring-Lategahn

Berlin und Lünen, das sind Welten. Dennoch hat die hohe Dienstbelastung mit acht Nachtdiensten im Monat und der Wunsch nach mehr Selbstständigkeit die Heimat wieder attraktiv gemacht: Stephan Wismann kam mit Frau und kleinem Kind zurück. Er stieg in die Praxis mit ein, in der sein Vater über 20 Jahre die Patienten behandelte.

„Eine extreme Umstellung“

Eine halbes Jahr lang waren beide dank einer Sonderregelung tätig. Jetzt führt der Sohn die Praxis alleine. „Es war eine extreme Umstellung.“ Froh ist er über ein bewährtes Team von sieben Mitarbeiterinnen, die sich auf ein neues Computersystem einstellen mussten. Denn Stephan Wismannn setzt auf Innovation. Dazu gehören auch einige Ultraschalluntersuchungen, die er neu anbietet.

Er habe jetzt mehr Verantwortung, der Austausch mit Kollegen fehle. Doch erste Anlaufstelle für Patienten zu sein, das mache es spannend. Die Verantwortung sei es, die viele Kollegen abschreckt, sagt Wismannn. Bürokratische Hürden der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen Lippe (KVWL) machten es jungen Ärzten zusätzlich schwer.

Jetzt lesen

„Ich habe zwar eine Patin an meiner Seite, aber erst einen Tag vor der Praxisübernahme bekam ich die Zusage von der KV. Planungssicherheit ist gleich Null.“ Schon am zweiten Tag wurde eine hundertprozentige Dokumentation eingefordert. „Da muss man sich nicht wundern, wenn keiner Hausarzt werden will.“ Je nachdem wie sich alles einspielt, kann sich Wismannn einen zweiten Mediziner in der Praxis vorstellen. Die Räumlichkeiten würden das ermöglichen.

Region mit 62 Hausärzten gilt als überversorgt

62 Hausärzte sind im sogenannten Mittelbereich tätig. So heißt die Planungsebene, die die Städte Lünen und Selm mit insgesamt 111.988 Einwohnern umfasst. Der Versorgungsgrad liegt laut Vanessa Pudlo, Sprecherin der KVWL, bei 110,1 Prozent. Das bedeutet: ab 110 Prozent gilt die Region als überversorgt und ist gesperrt. Ist die Relation von Arzt und Patienten mit den gesetzlichen Vorgaben ausgewogen, liegt der Versorgungsgrad bei 100 Prozent.

Zwei Mal im Jahr werden die Zahlen erhoben: Im Mai galt der Mittelbereich noch als gut versorgt und war nicht gesperrt. Zwischenzeitlich, so Vanessa Pudlo, hätten vier neue Ärzte Sitze übernommen. Drei Mediziner hätten ihren Sitz an vorhandene Ärzte abgegeben.

Trend geht zu größeren Praxen

Ein Beispiel ist Dr. Michael Funke (62). Der Vorsitzende des Lüner Ärztevereins zog aus seinen Praxisräumen an der Moltkestraße 56 aus und arbeitet seit dem 1. Oktober mit Dr. Martin Sobottka (45) unter einem Dach an der Dortmunder Straße 15a. Seinen Sitz hat er seinem Praxispartner verkauft. Er ist jetzt angestellter Arzt. „So kann ich langsam reduzieren.“ Das Modell eröffnet beiden Medizinern mehr zeitlichen Freiheiten. Mitte des Jahres soll eine neue Kollegin anfangen.

Bis dahin will die Gemeinschaftspraxis das neue Domizil an der Dortmunder Straße 8 im Stadtquartier bezogen haben.

Ende des Jahres könnte ein Ausbildungsassistent in der Praxis beginnen, der „wenn es passt, mich später ablösen kann“, schildert Funke seine Pläne. Die Konstellation einer größeren Praxis habe viele Vorteile: Sie sei attraktiv für junge Kollegen, weil sie mehr lernen können. Die Gemeinschaft ermögliche eine freiere Zeiteinteilung. Patienten werden versorgt, auch wenn einer in Urlaub ist. „Für eine Einzelpraxis kann man von außerhalb kaum noch jemanden gewinnen“, so Funke.

Von der Notfallmedizin zum Hausarzt

Einzelkämpfer ist zurzeit Dr. Arne Krüger (44). Seit Anfang des Jahres führt er die Hausarztpraxis an der Münsterstraße 30 als Nachfolger der Dres. Paul Lohmann und Hans-Wilhelm Söthe. Der Zufall brachte den Anästhesisten und ehemaligen Leiter der Zentralen Notaufnahme des St.-Marien-Hospitals dorthin. Er wollte ein neues Feld kennenlernen und sich zum Allgemeinmediziner weiterbilden: im Spagat halb Klinik, halb Praxis. Die Zusatzqualifikation sah er als hilfreich für die Arbeit in der Notaufnahme. Krüger kam über eine Patientin zu Söthe/Lohmann und lernte anfangs in Teilzeit. „Man muss es machen, sonst weiß man nicht, ob die Arbeit einem liegt.“

Hausärzte mit Nachwuchssorgen: Warum drei Praxen für junge Mediziner attraktiv sind

Dr. Arne Krüger (r.) hat Anfang des Jahres die Praxis von Dr. Hans-Wilhelm Söthe (l.) und Dr. Paul Lohmann (nicht auf dem Bild) übernommen. © Quiring-Lategahn

Zu dem Zeitpunkt blickten die beiden Mediziner, die sich 1987 in der Praxis niedergelassen hatten, schon Richtung Ruhestand. Irgendwann musste sich Arne Krüger entscheiden: Er wählte die Praxis, weil er selbstbestimmter arbeiten und mehr Freiräume für seine Kinder haben wollte.

Inzwischen hat Krüger die Organisation verändert: Früher konnten Patienten ohne Termin kommen, heute geht das nur noch in der Akutsprechstunde. Das Spektrum unterscheide sich gar nicht so sehr von der Notaufnahme. Die Patienten herauszufiltern, die schwer krank einer intensiveren Behandlung bedürfen, sei auch jetzt seine Aufgabe. „Die Notfälle sind versteckter.“

Vier Patienten mit Herzinfarkt habe er schon in der Praxis erstversorgt. „Man lernt die Menschen und ihre Geschichten kennen.“ Seine neue Aufgabe füllt ihn aus. An Wochenenden allerdings ist er nach wie vor als leitender Notarzt des Kreises Unna im Einsatz.

KVWL bietet Nachwuchsärzten Unterstützung

Ein Drittel der Hausärzte in Lünen und Selm sind jünger als 49 Jahre. Eine differenzierte Altersstruktur darf die KVWL aus Datenschutzgründen nicht mehr veröffentlichen. Praxisnachfolgen sind dort schon lange ein Thema.

„Im Rahmen der Nachwuchskampagne Praxisstart unterstützt die KVWL junge Ärzte mit einem breiten Beratungsangebot auf ihrem Weg in die (eigene) Praxis“, teilt Sprecherin Vanessa Pudlo auf Anfrage mit.

Jetzt lesen

Neben der klassischen Praxisberatung zu allen Fragen rund um das Thema Niederlassung und Zulassung könnten die Ärzte auch von einer BWL- und Investitionskostenberatung, einem Patenschaftsprogramm sowie zahlreichen Workshops und Seminaren zu verschiedenen Themen aus dem Praxisalltag profitieren. Dennoch scheint gerade die Bürokratie eine Bürde für junge Mediziner zu sein.

Wie Stephan Wismannn würde auch Arne Krüger gerne noch einen weiteren Arzt mit in die Praxis nehmen. Nach einem Monat Selbstständigkeit sagt er: „Ich bin frohen Mutes.“

  • Als Kinderärztin hat sich Ende des Jahres Eleni Vitetzaki niedergelassen. Sie übernahm die Praxis von Dr. Maria Pate in der Bäckerstraße.
  • In Lünen ist die Kinder- und Jugendheilkunde jung und weiblich. Sieben Ärztinnen sind hier tätig und alle jünger als 50 Jahre.
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Münsterland Zeitung Gynäkologin in der Innenstadt
Frauenärztin Daniele Weißenbach bietet in neuer Praxis auch eine Teenie-Sprechstunde an