In „Meinung am Mittwoch“ haben Gastautoren das Wort. Sie beleuchten Themen, die ihnen wichtig sind. Heute befasst sich Jochen Otto mit der Europa-Wahl und den Folgen des Brexit.

von Jochen Otto

Lünen

, 20.03.2019, 11:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die etwas Älteren unter uns werden den Song noch kennen: Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang, wir leben nicht mehr lang...

1954 landete Kurt-Adolf Thelen, bekannter deutscher Sänger und Komponist auch vieler Karnevalslieder der damaligen Zeit, diesen Nummer-eins-Hit. Wie erwartet, blieb der Weltuntergang aus. Im Gegenteil, es kam viel besser: wir wurden Weltmeister im Fußball, widmeten uns dem wirtschaftlichen Wiederaufstieg und konnten unsere NS-Verbrechen noch besser verdrängen.

Brexit-Folgen: Politische und wirtschaftliche Erschütterung

Jetzt ist Karneval wieder vorbei und ich persönlich habe auch keine Angst vor dem Weltuntergang. Wenn ich aber an Großbritannien und den Brexit denke, den einige Pappnasen dort angerichtet haben, und mir Gedanken über die Folgen mache, dann befürchte ich gleichwohl ein mittleres Erdbeben, das uns wirtschaftlich und politisch erschüttern kann.

Jochen Otto.

Jochen Otto. © Magdalene Quiring-Lategahn

Jochen Otto ist Pesnionär. Er war ehemals Oberstudienrat am Lippe Berufskolleg.

Seit über zwei Jahren wird auf beiden Seiten darum gerungen, einen harten Brexit, das heißt einen ungeordneten Austritt Großbritanniens aus der EU, und die damit verbundenen unvorhersehbaren Folgen zu vermeiden. An der britischen Verhandlungsstrategie und dem bisherigen Ergebnis verzweifeln nicht nur große Teile des britischen Parlaments und viele Regierungsmitglieder, auch das Volk ist weiterhin zutiefst gespalten und in Sorge. Und täglich grüßt das Murmeltier - in Gestalt von Theresa May mit immer neuen Vorschlägen.

Ökonomen rechnen mit spürbaren Folgen

Wir können schon manches erahnen, was zwischen der Republik Irland und Nordirland möglich sein kann, wenn neue Grenzen aufgezogen werden. Der Bürgerkrieg der 70er-Jahre ist bei mir noch tief im Gedächtnis verankert. Ökonomen rechnen mit Einbußen in Milliardenhöhe und spürbaren Folgen auf dem Arbeitsmarkt auf beiden Seiten. Und ob es in einigen Jahren noch ein vereinigtes Königreich geben wird oder Schottland sich abspaltet und Irland sich wieder vereinigt - wer weiß.

Alles wäre sicher kein Weltuntergang - dem nähern wir uns eher klimatisch - könnte aber vielleicht im Zusammenhang mit Wahlerfolgen populistischer und nationalistischer Parteien bei der Europawahl am 26. Mai zu Ergebnissen führen, die dem Einschlag eines Meteoriten auf der Erdkugel nahe kommen. Das bereitet mir Sorgen.

„Herr Ober, noch ein Glas“

Wenn wir aber nach dem 30. Mai anstelle des Refrains lieber die 1. Strophe des Liedes von Kurt-Adolf Thelen singen wollen, die da lautet:„Wie schön ist doch das Leben, auf dieser bunten Welt. Wir können einen heben, so oft es uns gefällt. Das macht uns allen Spaß: ,Herr Ober, noch ein Glas!‘“

Ja, was machen wir dann? Wir bestellen entgegen der karnevalistischen Praxis alkoholfreie Getränke, damit wir nüchtern bleiben und daran denken, den Gang zur Wahlurne am 26. Mai nicht zu verpassen und unsere Stimme bei der Europawahl denjenigen geben, die sich für ein starkes, friedliches, solidarisches und soziales Europa einsetzen und nicht den Parteien, die dieses in über 60 Jahren gewachsene Erfolgsmodell zerschlagen wollen, um ihr Heil in Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus zu suchen. Wir haben die Zukunft mit dem Stimmzettel in der Hand. Machen wir`s Beste daraus! Danach ein hoffentlich frohes „Herr Ober, noch ein Glas!“

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