Reporter Daniel Claeßen hat als "Fretful Father" mit einem Quarantäne-Fall in der Familie zu kämpfen. © Kristina Schröder / Montage Klose
The Fretful Father

Hilfe in der Krise: Familien sind wichtig, aber anderes ist wichtiger

Der Wechselunterricht kommt spät, Gebührenerstattungen noch später. Familien müssen sich hinten anstellen, wenn es um Unterstützung geht. Das bringt unseren „Fretful Father“ auf die Palme.

Na also, es geht doch: Ab dem 15. März dürfen auch Kinder von weiterführenden Schulen wieder vor Ort unterrichtet werden. Natürlich Corona-konform im Wechselunterricht, jeweils zwei Gruppen pro Klasse, um das Infektionsrisiko so gering wie möglich zu halten. Eine umsichtige und weise Vorgabe des NRW-Schulministeriums, das lediglich ein Jahr gebraucht hat, um eine passende Reaktion auf die Pandemie zu finden.

Gut, manche Eltern stellen sich vielleicht die Frage, ob das nicht schneller möglich gewesen wäre. Andere wundern sich vielleicht, dass das Wechselmodell bereits im vergangenen Jahr zum Beispiel an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen erfolgreich umgesetzt worden war – bis es im November durch das Schulministerium verboten wurde. Das gleiche Ministerium übrigens, das dieses Modell nun als der Weisheit letzter Schluss verkauft.

Familien sind wichtig, anderes ist wichtiger

Na ja, aber so sind Eltern eben: immer was zu meckern. Anstatt sich zu freuen, dass die Politik sich auch um die Familien kümmert und damit im Grunde das umsetzt, was in jedem Wahlkampf aufs Neues gepredigt wird.

Bildung hat Priorität, wir müssen Familien unterstützen, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, und so weiter. Was halt nie dazu gesagt wird: Es gibt noch ein paar wichtigere Themen, die wir vorher abarbeiten müssen, ehe wir uns um Familien kümmern können.

Anders ist es kaum zu erklären, dass zum Beispiel die Erstattung von Elternbeiträgen für Kitas und den Offenen Ganztag scheibchenweise beschlossen wird – wenn überhaupt. Die Beiträge für den einen Monat sind bereits abgebucht, obwohl die Betreuung de facto nicht in Anspruch genommen werden kann (und soll). Das ist auch schon seit mehreren Wochen bekannt, aber auf die Idee, den Familien dann auch die Gebühren zu erlassen, kommt das Parlament erst später – nach mehreren dezenten Hinweisen aus der Elternschaft.

Das Geld gibt es natürlich nicht zurück, wo kämen wir dahin, sondern man verzichtet auf die Gebühren des Folgemonats. Das Familien in diesem und weiteren Monaten ebenfalls nicht die Betreuung in Anspruch nehmen können, für die sie eigentlich bezahlen, fällt auch wieder erst mit vierwöchiger Verzögerung auf. Und natürlich funktioniert die Erstattung nur, wenn die Kommunen die Hälfte der Kosten übernehmen. Für eine komplette Unterstützung der Familien hat Nordrhein-Westfalen kein Geld, das muss man schon verstehen. Da helfen auch einige dubiose Masken-Deals von Angehörigen hoher Politiker nichts.

Familien haben keine andere Wahl

Aber was ist denn wichtiger als Familien, als Bildung? Blöde Frage, die Wirtschaft natürlich. Erstmal müssen Gelder in die Unternehmen gepumpt werden, allerdings nur dort, wo es sich auch lohnt (und das nicht unbedingt nur für die Unternehmen). Kleine Betriebe und Selbstständige müssen sich schon selbst drum kümmern (warum heißen die auch so?), aber wenn die Kumpels aus Auto-, Reise- oder Industriebranche anrufen, oder sogar die Spitzenvertreter von Profi-Fußballvereinen vorbeikommen, hat das erstmal Vorrang.

Warum das trotzdem alles funktioniert? Weil Familien keine Wahl haben. Wir können nicht damit drohen, unsere Aktivitäten ins Ausland zu verlegen, haben keine Millionendeals mit menschenverachtenden Scheich-Regimes, und wenn wir mal jemandem Geld für eine kleine Gefälligkeit zustecken, ist das höchstens der Babysitter. Wir müssen uns mit Nebensächlichkeiten wie Erziehung, Job und Haushalt herumschlagen.

Wer weiß – wenn Familien konsequent betrügen würden, sich Sklavenarbeiter hielten oder öfter Lustreisen anbieten würden, vielleicht wäre dann einiges anders. Stattdessen müssen Familien lieber dankbar sein, dass sie nicht auf eine Stufe mit Kulturschaffenden und Künstlern gesetzt werden.

ZWISCHEN BESORGT UND VERÄRGERT

In seiner Kolumne „The Fretful Father“ schreibt Reporter Daniel Claeßen über Dinge, die ihn als Familienvater bewegen. Und auch wenn er die Probleme seiner Kinder stets ernst nimmt, ist hier nicht immer alles ernst gemeint. Der Titel der Kolumne ist angelehnt an das „Fretful Mother Magazine“ aus der Serie „Die Simpsons“. Womit auch klar ist, dass hier immer mal wieder das Kind im Manne durchkommt. Außerdem kann „fretful“ nicht nur „besorgt“, sondern auch „quengelig“, „weinerlich“ und „verärgert“ bedeuten – womit die Gefühlsspanne unseres Autors ziemlich gut abgebildet wird.

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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