Diskussionen bei Facebook zu kommentieren, lohnt sich meist nicht, meint RN-Redakteur Marc Fröhling. Als es um den Holocaust und hanebüchene Relativierungen ging, machte er eine Ausnahme.

Lünen

, 04.01.2019, 12:13 Uhr / Lesedauer: 2 min

Zum Hintergrund: Nach den Weihnachtsfeiertagen veröffentlichten wir meinen Text über Joseph K. aus Wethmar, der, wie die Recherchen ergaben, als SS-Stabsscharführer ein wichtiges Puzzleteil in der Mordmaschine von Auschwitz war. Wie bei einigen Texten üblich, posteten wir den Artikel auch in zwei Lüner Facebook-Gruppen, wo die Texte auf - mal mehr, mal weniger - interessierte Leserschaft stoßen.

In beiden Fällen entwickelte sich eine hässliche Diskussion darunter. Der Chef der Gruppe „Lünen“ löschte meinen Beitrag kurz darauf. Auf Nachfrage sagte er später, er habe den Inhalt des verlinkten Textes „nicht toll gefunden“. In der Gruppe „Du kommst aus Lünen, wenn“ blieb der Text stehen. Die Kommentatoren fanden den Text größtenteils unnötig. Das sei ja schon lange her, es habe ja auch andere Verbrechen gegeben, man musste ja mitmachen, wenn man nicht selbst Opfer werden wollte - kurz: die ganze Standard-Litanei der Relativierer und Leugner. Erschreckend. Das wollte ich so nicht stehen lassen. Und habe Folgendes geantwortet:

„Nachdem ein paar Tage vergangen sind und ich für viele der Kommentare hier mindestens genau so wenig Verständnis habe wie die Kommentatoren für meinen Text über Joseph K. möchte ich noch einmal ein paar allgemeine und spezielle Anmerkungen machen.

Das wichtigste zuerst: Die Vergleiche mit anderen Unrechtsstaaten wie der DDR, Kriegen der Amerikaner oder Vergewaltigungen von sonstwem: Solche Vergleiche überhaupt zu ziehen, ist eine Relativierung des Holocaust. Eine derartig industrielle Vernichtung von Menschen ist und bleibt eine allein deutsche Tugend. Wer auf Unrecht anderswo verweist, lenkt davon nur ab. Damit ist ganz besonders uns nicht geholfen.

Angeblich sollte ich außerdem mal mehr über den Wiederaufbau nach dem Krieg schreiben und der Großeltern-Generation viel eher dankbar sein. Das ist so banal dumm, dass es schwer ist, darauf normal zu antworten. Hätte die Großeltern-Generation nicht aktiv oder passiv dafür gesorgt, dass unser Land in Asche gebombt wurde, hätte sie es auch nicht wieder aufbauen müssen. Ende.

Zum Punkt „Das ist schon lange her und überall wird man damit bombardiert“. Auch ich habe den Eindruck, dass das Thema in der Schulzeit ziemlich präsent war. Das ist auch gut so. Bei vielen scheint das Thema Holocaust im Gegenteil aber gar nicht mehr präsent zu sein, wie diese Studie zeigt. Genau das aber ist ein Riesen-Problem, gerade jetzt in einer Zeit, in der die letzten Zeitzeugen wegsterben und rechte Arschlöcher überall auf der Welt wieder selbstbewusster werden.

Zum Punkt „Wer nicht mitmacht kommt selbst in die Gaskammer“ ist ja schon gut geantwortet worden. Es ist mittlerweile nachgewiesen, dass man hätte nein sagen können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Nicht mitmachen wollte nur keiner. Tja.

Auf alle anderen Provokationen wie Propaganda, Willkommensstaat für Einwanderer und die, die in ihren Antworten hier nur noch frei assoziieren, gehe ich jetzt mal nicht ein. Die Diskussion hier zeigt aber, dass die Berichterstattung über den Holocaust und die, die ihn möglich gemacht haben, vielleicht wichtiger denn je ist.“

Subjektiv, wertend oder politisch unkorrekt – RN-Redakteure sprechen freitags einmal „ganz unter uns“ über Themen, die sie und Lünen bewegen. Dabei möchten sie nicht so ganz ernst genommen werden. Zumindest nicht immer. In diesem Fall aber schon. Und zwar ausdrücklich. Schreiben Sie unserem Autor: Marc.Froehling@ruhrnachrichten.de
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