Homeschooling: Das sind die Sorgen der Eltern und Schüler in Lünen

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Einige Klassen sind in Quarantäne, das Damoklesschwert Distanzunterricht schwebt über Schulen und Familien. Fühlen sie sich gerüstet für Homeschooling? Mütter, Väter und Schüler erzählen.

Lünen

, 07.11.2020, 08:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die erste Homeschoolingphase hätte sie noch eiskalt erwischt, sagt Steffi, Mutter zweier Söhne aus dem Lüner Norden, „diesmal aber sind wir vorbereitet“. Man wisse ja nun, wie es ablaufen wird und Oma hat schnell noch einen Laptop für den Jüngsten besorgt. Denn das habe sie gelernt: Jedes Kind braucht ein eigenes Gerät. Wie sonst sollten alle parallel zuhause arbeiten?

Die digitale Infrastruktur im Schulwesen ist eines der großen Probleme in ganz Deutschland, die die Corona-Krise aufgedeckt hat. Welches Kind hat überhaupt ein passendes Endgerät für digitalen Unterricht? Gibt es in der Schule Tablets, W-Lan und wie ist das mit dem Datenschutz? Viele Fragen, die landesweit bis heute nicht geklärt werden können. Das Distanzlernen aber könnte schon morgen wieder an der Tagesordnung sein. Also werden viele Familien selbst aktiv.

Auch bei Martin, Vater aus Brambauer, wird wohl der Opa noch ein Tablet besorgen, sollte es zum Distanzlernen kommen. Wie die Schule das Homeschooling organisieren will, wisse er nicht. Ohnehin ist es ein Umstand, auf den Martin so lange wie möglich verzichten möchte. „Homeschooling kann nur wieder in die Hose gehen! Ich weiß gar nicht, wie ich das machen soll“, sagt der alleinerziehende Vater. Weil er nicht im Homeoffice arbeiten kann, bekommt er Betreuungsprobleme. Erst neulich war er mit seinem Jüngsten zwei Wochen in Quarantäne. „Eine schwierige Zeit!“, sagt Martin rückblickend. Jetzt wieder fehlen im Job? Wird schwierig.

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Motivationsprobleme im Homeschooling

Schwierig könnte es aber auch mit seinen beiden großen Kindern werden. Die beiden Gymnasiasten hatten in der ersten Homeschooling-Phase große Motivationsprobleme. „Sie haben eigentlich gar keine Aufgaben gemacht. Dazu hätten sie jemanden gebraucht, der sie die ganze Zeit antreibt. Aber ich musste ja arbeiten“, erzählt der Vater. Die verpassten Inhalte hätten sie zwar gut aufgeholt, aber noch einmal wird das nicht klappen, glaubt Martin. „Da wird dann einfach etwas auf der Strecke bleiben — Personen oder eben Unterrichtsstoff.“

Sandra, Mutter zweier Gesamtschüler, sieht das Homeschooling in gewissem Maße sogar als Chance für ihre Kinder. „Gerade für meine Große ist das Homeschooling tatsächlich eine gute Variante. Sie ist mündlich nicht so stark, lernt aber gut und selbstständig. Daher käme ihr das Distanzlernen sogar ganz entgegen“, sagt die zweifache Mutter.

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Noten und Versetzung

Eine Neuerung in diesem Schuljahr sieht sie aber kritisch: Anders als im Frühjahr fließen die zuhause erarbeiteten Aufgaben nun in die Notengebung ein. Die Mutter fragt sich, wie kontrolliert werden soll, wer am Ende tatsächlich die Aufgaben erfüllt hat. „Für meine Tochter geht es um die Versetzung in die Oberstufe, es hängt also wirklich was daran. Trotzdem würde ich natürlich nicht die Aufgaben für sie erledigen“, sagt Sandra. „Allerdings kenne ich genug andere Eltern, die das durchaus machen würden.“

Kontakt zum Lehrer fehlt

Auch für Noah ist dieses Schuljahr besonders relevant. Der Gymnasiast besucht die Q1, also die elfte Klasse, und fängt an, mit den Noten Punkte fürs Abitur zu sammeln. Mit bangem Blick schaut er auf die kommenden Wochen. Die Sorge, im Distanzunterricht zu viel Stoff fürs Abitur zu verpassen, ist groß. „Zwei Wochen Lockdown würden wir schaffen. Dann wird es schwierig“, glaubt der Gymnasiast. „Wir haben bei uns an der Schule zwar inzwischen eine digitale Lösung, die das Lernen auf Distanz vereinfachen soll. Trotzdem mache ich mir Sorgen, weil ich gar keine Vorstellung davon habe, wie das im Ernstfall ablaufen soll.“ Zwar seien viele Lehrer motiviert, aber längst nicht alle beherrschten die digitalen Werkzeuge. „Vor allem aber der Kontakt zum Lehrer, der einem die Inhalte vermittelt, der fehlt im Homeschooling einfach“, sagt Noah. Auf seine Eltern als Hilfslehrer könne er schlecht bauen: „Ich bin im Leistungskurs Mathe. Da können mir auch meine Eltern beim besten Willen nicht mehr helfen.“

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Dabei braucht es nicht einmal ein Kind im Mathe-LK, um an der Rolle des Hilfslehrers zu verzweifeln. „Ich bin kein Pädagoge“, sagt Daniel, Intensivmediziner im Lüner Klinikum und Vater eines Zweitklässlers über die Schulschließungen im Frühjahr. Natürlich verstehe er den Stoff aus der zweiten Klasse, „ihn aber so zu vermitteln, dass das auch ein Zweitklässler versteht, ist doch schwieriger als gedacht.“

„Herrschaftswissen“ aufgeben

Umso wichtiger sei es, den Eltern beim Homeschooling nicht einfach nur ein paar Aufgaben zum Ausdrucken zur Verfügung zu stellen, findet Kathi, alleinerziehende Mutter einer Grundschülerin aus Brambauer. „Mir würde es wirklich helfen, wenn die Lehrkräfte ihr Herrschaftswissen aufgeben und sagen, wie wir den Kindern die Lerninhalte beibringen sollen.“ Sinnvoll fände sie einen Anhang zu den Materialien, eine Art Elternbereich, in dem erklärt wird, wie etwa Rechendreiecke funktionieren oder wie viel Abstand zwischen den Kästchen sein sollten. „Dinge, die für die Lehrkräfte selbstverständlich sind, von denen wir Eltern aber keine Ahnung haben — und im Zweifel alles falsch erklären.“

Das sagen Lehrer zum Distanzlernen

Und wie sieht es an den Schulen aus? „Das Gute ist: Wir haben jetzt Erfahrungen!“

Roland Ebert, Leiter der Matthias-Claudius-Grundschule, über Chancen und Grenzen im Distanzlernen. „Sollte es erneut zum Distanzlernen kommen, fangen wir nicht bei Null an, sondern wissen, was gut funktioniert und wie wir mit den Eltern gut kommunizieren können. Inzwischen haben wir so gut wie alle Emailadressen und Plattformen wie EduDocs oder die digitale Pinnwand Padlet haben sich bewährt. Videokonferenzen allerdings können wir, wenn überhaupt, nur noch zur Kontaktaufnahme nutzen. Einem richtigen Digitalunterricht per Video, wie ihn sich viele erhofft haben, wird es aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht geben können. Trotzdem arbeiten wir an unterschiedlichen digitalen Lösungen und werden auch weitere Fortbildungen dazu machen.“

Lösungen über Leihgeräte frühestens 2021

Susanne Oberreuter, didaktische Leitung der Geschwister-Scholl-Gesamtschule:

„Im Frühjahr hat uns der Distanzunterricht noch überrollt. Inzwischen aber haben wir ein umfangreiches Konzept ausgearbeitet, das in den nächsten Tagen — nach Abstimmung im Kollegium — an die Eltern ausgegeben wird. Ziel ist es, dass der Präsenzunterricht so aufgebaut wird, dass im Falle eines Lockdowns mit wenig Reibungsverlust ins Distanzlernen gewechselt werden kann. An der Schule haben wir für alle Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler Mircosoft-Teams eingerichtet und das Kollegium in einer Auftaktveranstaltung in Mikrofortbildungen selbst geschult. Klar muss fürs Distanzlernen auch die Infrastruktur da sein. Eine Umfrage hat ergeben, dass etwa 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler auch mittelfristig kein passendes Endgerät haben. Da arbeiten wir an Lösungen über Leihgeräte in Zusammenarbeit mit dem Schulträger, die aber frühestens 2021 bereitgestellt werden können. Das Thema Digitalisierung wird auch weiterhin sehr weit oben auf unserer Agenda stehen.“

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