So sieht ein Unterrichtsraum im harten Lockdown aus. © Freiherr-vom-Stein-Gymnasium
Schüler kommen zu Wort

Homeschooling im harten Lockdown: So denken Lüner Schüler

Die einen im Homeschooling, die anderen vor Ort in der Schule, so sieht der Schul-Alltag im neuen Lockdown aus. Wir haben mit Fünftklässlern einer Lüner Schule über ihre Erfahrungen gesprochen.

Heute steht Biologie auf dem Stundenplan, die artgerechte Rinderhaltung. Es klingelt und die Kinder treffen ein. Was klingt wie eine normale Schulstunde, wird im Teil-Lockdown der Schulen zur Herausforderung. Acht Kinder einer fünften Klasse des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums sitzen tatsächlich im Klassenraum. Die anderen 21 Kinder müssen sich online dazuschalten, das klappt mehr schlecht als recht. Immer wieder fliegen die Kinder aus der Konferenz, werden kurz angezeigt und verschwinden wieder. Es scheint, als würde ganz Deutschland versuchen eine Videokonferenz zu starten. Immer wieder, berichtet die Schule, lassen sich Videokonferenzen nicht starten.

Die Kinder vor Ort sind zwiegespalten, ob der Unterricht vor Ort besser ist. Onur* erzählt: „Ich vermisse meine Freunde, dann hätten wir jetzt draußen spielen können.“ Auch Charlotte gefällt es besser, wenn alle zusammen in der Schule sind: „Ich finde es schöner, wenn alle hier zusammen sind, aber es ist eigentlich auch ganz gut, weil man sich besser konzentrieren kann, wenn weniger Leute da sind.“

Nico findet, dass es Vorteile haben kann, wenn weniger Kinder da sind: „Es ist viel ruhiger. Ich finde es gut in der Schule, wenn nur acht Kinder da sind, dann kann man sich besser konzentrieren.“ Die Schüler im Klassenraum spüren aber auch, dass der Unterricht anders ist als vorher. Ahmet: „Wir beginnen gar kein neues Thema mehr und alle Arbeiten schreiben wir nicht mehr.“ Mit ihrem Freunden stehen die anwesenden Schüler aus der fünften Klasse trotzdem in Verbindung, über Video Messenger und WhatsApp schreiben sich die Kinder.

Homeschooling wurde trainiert

Schon zu Beginn der Woche, berichtet Lehrerin Kirstin Gröne, haben Schüler das Homeschooling verteufelt: „Jakob hat sich allerdings schon gleich in der ersten Stunde beschwert, dass seine Freunde alle nicht da sind, er hat prophezeit, dass es eine schreckliche Woche wird.“ Viele der Kinder seien aber ganz heiß darauf gewesen, die vorher erworbenen und trainierten Fähigkeiten mit der Lernplattform unter echten Bedingungen zu testen.

Die Kinder aus dem Homeschooling sitzen vor ihren Handys, Laptops und Tablets, bei einigen ruckelt das Bild, bei anderen ist der Ton verzerrt, aber sie können teilnehmen. Einer der Schüler aus dem Homeschooling kündigt an, das Meeting zu verlassen: „Mein Handy ist so heiß gelaufen, ich kann das nicht mehr anfassen Frau Gröne.“ Die Kinder im Klassenraum können ihre Klassenkameraden sehen, weil das Bild der Konferenz auf die digitale Tafel gespiegelt wird. Die Kinder zuhause vermissen die Schule mehr, als sie es wahrscheinlich zugeben wollen. Melinda: „Es ist in der Schule viel besser, weil es nicht so langweilig ist.“

Sven: „Eigentlich klappt das relativ gut, ich kann später aufstehen“, wenn es Fragen gebe, seien die Lehrer immer über die Messenger der Lernplattform erreichbar. Die Schüler aus der Ferne wollen keinesfalls immer im Homeschooling sein. Sophia: „Das könnte ich mir nicht für immer vorstellen. Zuhause wird man viel leichter abgelenkt.“

Auch das in der Schule verbotenen Handy lenkt die Schüler zuhause ab. Ronja gibt zu, dass sie öfter mal auf ihr Handy guckt: „Ich finde das Homeschooling ab und zu mal schön, aber man wird oft vom Messenger oder dem Handy abgelenkt. Die Videokonferenzen funktionieren ganz oft nicht und manchmal ist es schwierig, die Aufgaben zu bekommen.“ Trotz der ein oder anderen technischen Panne finden die meisten Schüler an diesem Morgen, dass die Aufgaben und Texte immer gut ankommen. Im Vorfeld hat die Klasse in den Methodenstunden die Module der neuen Lernplattform IServ kennengelernt, zum Beispiel Aufgaben mit Textrückmeldung, Dateien hochladen, Messenger nutzen oder Mails schreiben.

Schüler wollen Schulalltag zuhause

Nicht selten sind die Ablenkungen auch banalerer Natur erzählt Moritz: „Wenn dann jemand reinkommt, staubsaugt oder mein Hund nervt, dann kann ich mich nicht konzentrierten.“ Die Verlorenheit, die Erwachsenen durch das Wegfallen ihres Arbeitsalltages spüren, lässt sich auch auf die Kinder übertragen, besonders der feste Schulalltag fehlt den Kindern. „Durch Corona freut man sich gar nicht mehr auf die Ferien. Wenn man durch Corona ständig zuhause ist und dann Ferien hat, merkt man gar keinen Unterschied.“

Wenn die Videokonferenzen nicht funktionieren, läuft der Unterricht über den Messenger und das Hochladen von Aufgaben. Die Kinder im Homeoffice würden sich sehr nach der Routine der Schule sehnen, berichtet Biologielehrerin Kirstin Gröne. Die Zuwendung für den einzelnen Schüler vor Ort sei natürlich deutlich größer, als das sonst möglich wäre. Aus dem parallel zum Unterricht geführten Chatroom kommen von zu Hause Fragen wie „Haben wir jetzt auch Fünf-Minuten-Pause?“, „Darf ich was essen und trinken?“ Auch das pünktliche Aufräumen im Kunstraum werde von zu Hause aus eingefordert.

Kirstin Gröne: „So langsam lernen die Kinder, den Messenger auch sinnvoll zu nutzen, und nicht jede Äußerung ungefiltert hinein zu kippen, die Schüler erinnern und ermahnen sich mittlerweile gegenseitig, unpassende Äußerungen wegzulassen, das klappt in mancher Erwachsenen-Chatgruppe nicht.“

*Die Namen aller Kinder wurden von der Redaktion geändert.

Über die Autorin
Volontärin
Jahrgang 2000. Ist in Bergkamen aufgewachsen und nach Dortmund gekommen, um die große, weite Welt zu sehen. Überzeugte Europäerin mit einem Faible für Barockmusik, Politik und spannende Geschichten
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Nora Varga

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