Auf diese Post kann Sven Wagner (Name geändert) gut verzichten - Rechnungen und Mahnbriefe aus Lettland. Der Lüner soll Potenzpillen bezahlen, die er gar nicht bestellt hat.

Lünen, Werne, Selm

, 23.07.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Alles beginnt mit einem Klick auf eine Werbung bei Facebook - daran erinnert sich Sven Wagner. Das war vor ein paar Monaten. „Ich hab nur draufgeklickt, bin sofort wieder rausgegangen“, sagt der 43-Jährige.

Kurze Zeit später hat er dann ein kleines Päckchen im Briefkasten. Absender: Eine Firma aus der lettischen Hauptstadt Riga. Inhalt: Eine Packung mit dem Aufdruck Horse Power und 60 Pillen, bei denen man erst beim dritten Hinsehen darauf kommt, dass es wohl ein Potenzmittel ist.

Wagner wundert sich, denn er ist sich sicher, nichts bestellt zu haben. Kurze Zeit später flattert dann ein Brief der Firma mit einer Rechnung über knapp 40 Euro für die Pillen ins Haus.

Post ins Ausland hätte 20 Euro gekostet

Als er nicht zahlt, weil er ja nichts bestellt hat, kommt ein weiterer Brief - die Rechnungssumme plus fünf Euro Mahngebühr. Weil Wagner tagsüber arbeitet, bittet er seine Mutter, zur Post zu gehen und das unverlangte Päckchen zurück zu schicken.

„Das hätte aber 20 Euro gekostet, weil es ins Ausland ging“, so Wagner. Der Rat der Postmitarbeiterin: Einfach das Päckchen nicht annehmen. Wagner: „Da ich tagsüber nicht zuhause bin, sehe ich den Postboten nie, außerdem ist das Päckchen so klein, dass es in den Briefkasten passt, da muss der Postbote nicht mal klingeln.“

„Am besten gar nicht reagieren, wenn man keinen Vertrag abgeschlossen hat“

Wagners Mutter wandte sich an die Lüner Verbraucherberatung. Deren Leiterin Jutta Gülzow gab ihr einen Musterbrief, den man in solchen Fällen unbestellter Ware an die Firma schicken sollte.

„Wenn man ausschließen kann, dass man einen Vertrag abgeschlossen hat, sollte man am besten gar nicht reagieren“, so Verbraucherberaterin Hannah Pick.

Ansonsten könne man seinen Widerspruch erklären und könne die unverlangte Ware sogar benutzen.

Das will Sven Wagner auf keinen Fall: „Das wäre mir viel zu gefährlich, man weiß ja gar nicht genau, was da drin ist. Das Kleingedruckte auf der Rückseite ist kaum zu lesen.“

Zweite Packung mit höherer Rechnung

Der 43-Jährige reagierte also nicht auf die Mahnbriefe. Dann kam das zweite Päckchen aus Lettland. Inhalt: wieder eine Packung mit 60 Pillen, dem selben Aufdruck, nur in Weiß statt wie beim ersten Mal in Blau.

Und gleich danach folgte die Rechnung per Post. Da staunte der Lüner nicht schlecht: Nun sollte er 149 Euro für die Pillen und noch jeweils 19,95 Euro für Versandkosten und Rechnungsgebühr bezahlen.

Das Päckchen kam nicht überraschend: „Dass wohl eine zweite Lieferung kommt, hatten mit schon die Beraterinnen der Verbraucherberatung gesagt.“

Hannah Pick kennt solche Fälle zur Genüge: „Wir kennen die Firma aus Lettland schon länger. Sie schicken die unterschiedlichsten Produkte an Verbraucher. An Männer oft Potenzmittel, an Frauen Kosmetika.“ Früher seien es immer wieder auch Schlankheitspillen gewesen, die unverlangt aus Lettland an Verbraucher in Lünen geschickt wurden.

Und es bleibt nicht bei einem Päckchen. „Die Firma unterstellt offensichtlich, dass die Verbraucher ein Abo abgeschlossen haben und schickt mindestens zwei Päckchen.“

Masche ist seit 2016 immer wieder aufgetaucht

Auch die Preise für die unverlangten Produkte seien immer gleich. Zuerst knapp 40 Euro und dann 149 Euro plus Gebühren. Weil die meisten Verbraucher nicht reagieren, kommen dann auch noch Mahngebühren hinzu.

Das kennt auch Sven Wagner. Gleich mehrere Schreiben hat er schon zur Verbraucherberatung gebracht. Inhalt: Mahnschreiben mit jeweils fünf Euro Zusatzgebühr und dem Zusatz „letzte Mahnung“.

Die Verbraucherzentrale NRW warnt schon seit 2016 immer wieder vor dieser Firma und ihrer Masche. Hannah Pick: „Es gibt auch weitere Firmen, die immer wieder ihren Namen ändern, aber die gleiche Masche benutzen. Die Firma aus Lettland hat noch den selben Namen.“

Hannah Pick vermutet, dass die Dunkelziffer der Lüner, die solche Ware bekommen haben, hoch ist. Nicht alle Verbraucher haben so starke Nerven, nicht zu zahlen. Manche überweisen die geforderte Summe, um ihre Ruhe zu haben.

Sven Wagner wird das nicht tun. Seine Mutter hat bereits in seinem Namen einen ausführlichen Brief nach Riga geschickt und darin geschildert, dass er nichts bestellt hat und auch nicht zahlen wird. Trotz Einschreiben: Keine Reaktion, keine Antwort aus Lettland.

Unterschwellige Drohung auf Umschlag

Genauso wie auch auf das Schreiben, das Jutta Gülzow an die Firma geschickt hat. Dennoch wird sie für Wagner noch einen Brief schreiben und die Zahlung ablehnen.

Immerhin - in letzter Zeit sind keine Briefe aus Riga mehr bei Wagner angekommen. Die übrigens auch noch auf dem Umschlag mit einem Hammer bedruckt sind, wie sie Richter benutzen. Eine unterschwellige Drohung, findet Hannah Pick.

Im bisher letzten Schreiben hatte die Firma dem Lüner eine Frist gesetzt, innerhalb von zwei Wochen zu zahlen. „Jetzt sind drei Wochen vorbei, ich habe nicht gezahlt und auch erstmal nichts mehr aus Lettland gehört“, sagt er.

Und auch: „Die kriegen von mir keinen Cent.“ Die Pillen-Packungen und die Schreiben aus Riga liegen jetzt bei der Verbraucherberatung. Und die rät, auch bei Werbung in sozialen Medien vorsichtig zu sein und am besten nicht drauf zu klicken.

Die Verbraucherberatung bietet Rat und Hilfe in der Beratungsstelle, Kirchstr. 12., Tel. (02306) 30 13 801, Mail: luenen@verbraucherzentrale.nrw, Öffnungszeiten: Montag 9 bis 13 Uhr, 13.30 bis 17 Uhr, Mittwoch: 9 bis 13 Uhr, 14 bis 18 Uhr, Donnerstag 9 bis 13 Uhr, 13.30 bis 17 Uhr und Freitag 9 bis 13 Uhr.
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