Jeden Abend dasselbe Lied: Lünerin bewirkt damit Erstaunliches

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Der Mond geht seit 61 Tagen immer zur selben Zeit auf über Lünen: Punkt 19 Uhr. Dass es dann noch taghell ist, ändert nichts. Petra Wetzel bläst zur guten Nacht. Damit löst sie einiges aus.

Lünen

, 20.05.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Etwas bewölkt ist es an diesem Sonntagabend (17. Mai). Dennoch prangen hell und klar die goldenen Sternlein. Und der Wald steht schwarz und schweigt, obwohl die nächste größere Ansammlung von Bäumen fast zwei Kilometer entfernt ist.

So ist das jeden Abend im Wohngebiet an der Dr.-Hans-Greef-Straße. Dort geht der Mond um Punkt 19 Uhr auf: rund und schön - auch wenn die schmale Sichel heute kaum auszumachen ist am blassblauen Himmel. So viele singende Nachbarn können nicht irren.

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Jeden Abend in Lünen: "Der Mond ist aufgegangen"

Paul-Martin Wetzel auf der Terrasse singt. Hinter den Lebensbäumen schallt es mehrstimmig, aus den geöffneten Haustüren an der Straße und den Dachfenstern gegenüber ebenfalls . Und nebenan hat ein Nachbar sein Akkordeon umgeschnallt und spielt mit. Alle begleiten Petra Wetzel.

Die 61-Jährige setzt Abend für Abend ihre Trompete an die Lippe und spielt drei Strophen von Matthias Claudius‘ Abendlied: „Der Mond ist aufgegangen“ - an diesem Sonntag zum 61. Mal.

Kinder singen das Abendlied nachmittags im Sandkasten

„Anfangs war das gewöhnungsbedürftig“, sagt Nachbar Stefan Radau, der junge Familienvater aus einem der Dachfenster. Doch jetzt könnten er und seine Frau es sich gar nicht mehr anders vorstellen. Und vor allem nicht Lini. Nicht nur die Erwachsenen, auch die Dreijährige ist inzwischen textsicher: Sie weiß vom wunderbaren weißen Nebel und vom kalten Abendhauch. Und sie besteht darauf, die Verse vor dem Schlafengehen zu singen - wenn es sein muss, nur mit Mama und Papa, am liebsten aber mit allen aus dem Wohngebiet, so wie heute.

Petra Wetzel (r.) tropmpetet auf ihrer Terrasse. Ihr Mann Paul-Martin singt dazu. Sandra Horn kommt ein- bis zweimal in der Woche dazu, um im Duett zu blasen.

Petra Wetzel (r.) tropmpetet auf ihrer Terrasse. Ihr Mann Paul-Martin singt dazu. Sandra Horn kommt ein- bis zweimal in der Woche dazu, um im Duett zu blasen. © vom Hofe

Mina (7), die aus dem Dachfenster nebenan winkt, teilt die Begeisterung. Einfach schön sei das Lied, sagt sie: der Text, die Melodie - ein echter Ohrwurm, den man Mina und Lini auch nachmittags singen hört: auf der Schaukel oder im Sandkasten.

Singen: Inzwischen festes Ritual in manchen Familien

Ohne das Abendlied geht es nicht mehr in den Familien. Selbst wenn sie gar nicht zuhause seien, bestehe Mina darauf, um 19 Uhr zu singen, erzählt Mutter Sabrina Denies und lacht. „Das ist inzwischen ein echtes Ritual bei uns geworden“ - und gibt Struktur in einer Zeit, in der Kinder auf den täglichen Besuch in der Schule und der Kita verzichten müssen.

„Das Coronavirus schränkt immer mehr das Leben ein, wie wir es gewohnt sind“, hatte die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) im März an die kirchlichen Musiker im Land geschrieben. Deshalb gelte es, neue Wege zu suchen, mit Menschen in Kontakt zu treten - zum Beispiel durch sogenannte Balkonkonzerte. Petra Wetzel las das und war erst unsicher.

Nachbarin hat den Text verteilt

So eine Trompete ist schon laut. Und die Häuser in den ehemaligen Westfalia-Gärten stehen nah beieinander. Wie das wohl ankommen mag? Die Wetzels probieren es aus, damals noch im Schutz der gegen 18.40 Uhr einsetzenden Dunkelheit: sie, Mitglied in den Posaunenchören Lünen und Bergkamen, mit der Trompete, er, der ehemalige Alstedder Pfarrer im Ruhestand, mit der Stimme: eine Premiere, die gleich Beachtung findet.

„Wir der Zufall es wollte, kam gerade die Tochter einer Nachbarin heim“, erzählt Petra Wetzel. Die habe spontan beschlossen, den Text der drei Strophen auszudrucken und an alle umliegenden Haushalte zu verteilen. Nach und nach hätten immer mehr mitgesungen - irgendwann nicht nur in Altlünen, sondern auch in Witten und anderswo. Auch an diesem Sonntag hallt es aus der Ferne herüber - aus einem aufgeklappten Notebook auf der Gartenbank.

Skype-Konferenz mit der ganzen Familie

Drei Kacheln sind auf dem Monitor zu sehen: die Familien der drei Wetzelkinder, zugeschaltet via Skype. „Wir fangen immer gegen 18.50 Uhr an“, sagt Petra Wetzel. Neuigkeiten erzählen, fragen, wie es geht. Dann singen alle das Abendlied mit. Und dann folgt Familienprogramm. Abwechselnd wird eine Geschichte erzählt oder vorgelesen oder ein Musikstück präsentiert. Ein Plan legt fest, wer wann an der Reihe ist - oder frei hat. Das gibt es auch. „Ohne Corona“, sagt Mutter Wetzel, „hätte unsere Familie wohl nie angefangen, miteinander zu skypen“.

Die drei Kinder von Petra Wetzel und ihrem Mann und die Enkel sind jeden Abend dazugeschaltet per Skype.

Die drei Kinder von Petra Wetzel und ihrem Mann und die Enkel sind jeden Abend dazugeschaltet per Skype. © Sylvia vom Hofe

Und wäre die Nachbarschaft an der Dr.-Hans-Greef-Straße nie so eng zusammengerückt. Klar, sagt Stefan Radau, gegrüßt habe man sich immer. „Aber so intensiv wie jetzt war es nicht.“ Wenn die letzten Verse des Abendlieds verklungen sind - „und lass uns ruhig schlafen, und unsern kranken Nachbar auch!“ -, würden ja nicht gleich die Fenster zugehen. Es gebe oft noch ein kurzes Gespräch. Und alle winkten sich zu.

Und wann ist Schluss mit dem Mondlied?

„Musik verbindet eben wirklich“, sagt Sandra Horn und strahlt. Die studierte Trompeterin und Jazz-Musikerin, die als Musik- und Sport-Lehrerin an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule unterrichtet, ist begeistert von der Aktion. Ein bis zweimal stimmt sie im Duett mit Petra Wetzel das Abendlied an, obwohl sie gar nicht in dem Viertel wohnt.

„Wir wollen das 100 Mal machen“, sagt Paul-Martin Wetzel. Dann hofften, er und seine Frau trotz Corona in Urlaub fahren zu können. Mit dem täglichen Abendlied sei es dann vorbei. Mit der guten Nachbarschaft nicht.

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