Julius (16): „Wir brauchen Europa, um weiter voranzukommen“

mlzLüner Gymnasien

Europa mag für viele Menschen weit weg sein. Lüner Schüler leben den Gedanken der Gemeinsamkeit bereits. Bei Austauschfahrten lernen sie Gleichaltrige in anderen Ländern besser kennen.

Lünen

, 10.03.2019, 11:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium (FSG) trägt seit 2012 den Titel „Europaschule“. Aber auch das Altlüner Gymnasium setzt darauf, seinen Schülern den europäischen Gedanken näher zu bringen. Beide Schulen bieten den Jugendlichen Austausch-Wochen mit befreundeten europäischen Schulen.

Am FSG ist Matthias Noé seit 2009 Europa-Verantwortlicher, zuerst zusammen mit dem mittlerweile pensionierten Kollegen Detlef Suckrau. Als sich Noé, der Politik und Philosophie unterrichtet, am Stein bewarb, war er gerade Fremdsprachenassistent in Portugal.

Das fiel Suckrau auf und er fragte den jungen Kollegen, ob er Lust hätte, sich um das Thema Europa zu kümmern. Derzeit befindet sich das Stein in der Rezertifizierung, um den Titel „Europaschule“ zu behalten.

Lehrer Matthias Noé ist Europabeauftragter des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums, der bisher einzigen Lüner Europa-Schule.

Lehrer Matthias Noé ist Europabeauftragter des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums, der bisher einzigen Lüner Europa-Schule. © Beate Rottgardt

Das Interesse an Europa ist bei den Jugendlichen durchaus vorhanden. So sagt Julius Westermann vom Stein-Gymnasium: „Ich finde, dass Europa wichtig ist, um voran zu kommen. Aber ich meine, dass Europa ein bisschen seine Ziele aus den Augen verloren hat. Ein paar Entscheidungen waren für mich nicht so akzeptabel.“

Dabei denkt der 16-Jährige an die Urheberrechtsreform, den Streit um Artikel 13, aber auch an die Flüchtlingswelle. „Da wurde Deutschland von anderen europäischen Ländern alleine gelassen.“

Erst nach Frankreich, dann nach Rotterdam

In der achten Klasse können Schüler des Stein nach Etampes in der Nähe von Paris fahren. Später dann ist ein Austausch mit der Zuider-Schule in Rotterdam möglich. Die Technik in der Zuider-Schule ist, so die Feststellung von fünf Schülern, erheblich weiter als in Lünen. „In jedem Klassenraum sind Whiteboards und ein Beamer“, so Marlene Heide (15).

Und Julius Westermann (16) hat Unterschiede beim Umgang zwischen Lehrern und Schülern festgestellt: „Es war fast freundschaftlich.“ Der Unterricht in Rotterdam laufe eher wie eine Vorlesung ab. In Lünen findet Marlene es besser, dass hier sowohl mündliche wie schriftliche Leistungen bewertet werden, weil ja jeder unterschiedliche Stärken und Schwächen habe. Mündliche Leistungen seien in den Niederlanden eher nicht gefragt.

Die Schüler des FSG halten noch Kontakt mit ihren Gastgebern aus den Niederlanden. Genauso wie es die Altlüner Gymnasiasten tun. Schon bevor Finn (15), Jana und Hannah (beide 14) im September zur Austauschwoche starteten, gab es regen Mailaustausch mit ihren Gastgebern in Polen, Italien und Bulgarien.

Und das ist auch so geblieben, als die Neuntklässler des Altüner Gymnasiums zurückkamen. Jana Streppel hat ihre italienische Austauschschülerin schon im Dezember in Lünen wiedergetroffen. „Wir schreiben uns auch weiter“, erzählt sie.

Die Lehrer Annette Zimmermann (l.) und Christopher Konermann (r.) mit den Schülern (v.l.) Hannah Gunaban, Finn Ölbracht und Jana Streppel am Gymnasium Altlünen.

Die Lehrer Annette Zimmermann (l.) und Christopher Konermann (r.) mit den Schülern (v.l.) Hannah Gunaban, Finn Ölbracht und Jana Streppel am Gymnasium Altlünen. © Beate Rottgardt

Finn Ölbracht hatte sich für einen Austausch mit der polnischen Partnerschule des Altlüner Gymnasiums entschieden. „Meine Mutter stammt aus Polen, meine Oma wollte mir, als ich klein war, Polnisch beibringen. Damals hatte ich keine Lust dazu, heute bedaure ich das“, sagt der 15-Jährige Er wird seinen Austauschgast im Mai in Lünen begrüßen. Hannah Gunaban freut sich auf das Wiedersehen mit ihrer bulgarischen Gastgeberin im April.

Auch Fahrten nach England

„In der Jahrgangsstufe 9 gehört der Austausch zum festen Programm. Außerdem bieten wir für die Schüler des bilingualen Zweigs noch eine Fahrt nach England an, derzeit nach Eastbourne. Wir hoffen, das bleibt auch nach einem möglichen Brexit so“, sagt Lehrer Christopher Konermann.

Er organisiert am GA zusammen mit seiner Kollegin Annette Zimmermann den Austausch. Beide sind auch für das Thema Europa am GA zuständig.

Mehr über andere europäische Länder erfahren, Freundschaften mit Gleichaltrigen schließen - das sind die Ziele des Austauschs. Finn: „Mein Gastgeber konnte ziemlich gut Deutsch, das lernt er in der Schule.“ Dass dort, in der Nähe von Opole der Deutsch-Unterricht einen wichtigen Stellenwert hat, weiß auch Lehrerin Annette Zimmermann, die die Reisen nach Polen begleitet.

Zwei Tage gehen die Altlüner Pennäler jeweils in die polnische Schule. Und da gibt es einen Unterschied zu Deutschland. „Die zeigen nicht auf, aber alle sind einfach so leise, dass die Schüler auch so zu Wort kommen, wenn sie was sagen wollen“, hat Finn beobachtet.

„Hab mich für Bulgarien entschieden, weil ich nichts vom Land wusste“

Ähnlich ist es auch in Bulgarien. In Lovech, zweieinhalb Autostunden nordöstlich der Hauptstadt Sofia, war Hannah eine Woche zu Gast. „Ich hab mich für Bulgarien entschieden, weil ich fast nichts von dem Land wusste. Nach der Woche würde ich auf jeden Fall noch mal hinfahren“, so die 14-Jährige.

Lovech hat immerhin 30.000 Einwohner, der kleine Ort in Polen, wo die Partnerschule liegt, gerade mal etwas mehr als 1000. Auch das war für Finn eine neue Erfahrung.

In Bergamo erlebte Jana italienische Gastfreundschaft: „Es war mein erster Besuch in Italien, ich will auf jeden Fall wieder hin.“ Die 14-Jährige lernt am GA neben Englisch auch Französisch und Spanisch, könnte sich auch vorstellen in der Oberstufe noch einen Italienischkurs nebenbei zu besuchen. In der Partnerschule in Bergamo unterrichten auch Nonnen. Und auch dort zeigen die Schüler nicht auf, wie in Polen.

Verona und Mailand standen auf dem Ausflugsprogramm, in einzelnen Stunden standen die Lüner Gäste dann auch im Mittelpunkt - das lief in englischer Sprache ab. Auch Jana kann sich gut vorstellen, noch mal nach Bergamo zu reisen. Finn hat schon konkrete Pläne, er wird in den Osterferien nach Polen fahren.

Mailand - hier die berühmte Oper Scala - war ein Ziel der Altlüner Gymnasiasten in der Austauschwoche in Bergamo.

Mailand - hier die berühmte Oper Scala - war ein Ziel der Altlüner Gymnasiasten in der Austauschwoche in Bergamo. © picture alliance / dpa

Das Stein-Gymnasium befindet sich gerade in der Re-Zertifizierung, um den Titel „Europaschule“ behalten zu können. In den vergangenen Jahren hat sich die Schule an mehreren europäischen Schulprojekten beteiligt, zusammen mit Schulen aus anderen Ländern.

Themen waren beispielsweise Raumplanung und Nachhaltigkeit. In kleinen Gruppen erarbeiteten Schüler des Stein Präsentationen, die dann in den Partnerschulen in Portugal, Italien, Norwegen, Dänemark oder der Türkei vorgestellt wurden.

Leitbild des GA passt zum Thema Europa

Das Thema Europa nimmt am GA einen großen Raum ein, auch wenn es noch nicht mit dem Zertifikat „Europaschule“ geklappt hat. „Das Leitbild einer Schule des Miteinanders passt dazu“, so Konermannn. Die Schule nahm auch an dem Kunstprojekt „Europa nimmt Platz“ im vergangenen Jahr teil.

Nun überlegt man, ein weiteres Austauschziel mit ins Boot zu holen. „Vielfach läuft so was auch über persönliche Kontakte“, so der Lehrer.

So initiierte ein bulgarischer Austauschlehrer am GA den Austausch mit Lovechh. Die Kontakte mit Bergamo kamen durch eine engagierte Mutter zustande und andere Eltern kamen auf den heutigen Schulleiter Rainer Hohl zu und regten den Austausch mit einer polnischen Schule an.

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