Kampf gegen Wohnungslosigkeit: Bericht liefert viele Zahlen und Empfehlungen für Lünen

mlzWohnungslosigkeit

Ein Bericht der Jugendhilfe und Sozialplanung der Stadt Lünen beschäftigt sich jetzt intensiv mit Wohnungslosigkeit in der Stadt. Die Politik soll jetzt über die Empfehlungen beschließen.

Lünen

, 20.02.2020, 11:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Zahl der wohnungslosen Menschen in Lünen hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Das besagen nicht nur die Zahlen der Wohnungslosenhilfe der Diakonie. In einem 20-seitigen Bericht der Abteilung Jugendhilfe und Sozialplanung hat die Stadt Lünen sich dem Thema angenommen.

Über die damit verbundenen Handlungsempfehlungen entscheidet der Ausschuss für Soziales in seiner nächsten Sitzung (26. Februar). Das Ziel: Die Teilhabe von Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht bzw. betroffen sind, soll

verbessert werden.

Für viele Menschen ein Problem

Laut Bericht sei die Wohnungslosigkeit in Lünen zwar nicht besonders stark öffentlich zu bemerken, „jedoch existiert sie und ist für viele Menschen ein

reales Problem“.

Jetzt lesen

Problematisch ist dabei nicht nur die Situation der Betroffenen, auch die Erhebung von belastbaren Zahlen ist schwer. Denn eine offizielle oder gesetzliche Definition, wann man in Deutschland als wohnungslos gilt, gibt es nicht. Genauso wenig existieren bundesweit einheitlich erhobene Zahlen zu von Wohnungslosigkeit betroffenen oder bedrohten Menschen.

Schätzung: 337.000 bundesweit ohne Wohnung

Eine Studie der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung (GISS) spreche von 337.000 Menschen deutschlandweit (Stand Mai 2018), die keinen festen Zugang zu mietvertraglich gesichertem Wohnraum haben.

Definition

Wer ist „wohnungslos“?

Auf Grundlage von Definitionen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. und dem europäischen Dachverband der Wohnungslosenhilfe (FEANTSA) unterscheidet der Bericht zwischen drei Arten der Wohnungslosigkeit in Lünen:
  • „Drohende“ Wohnungslosigkeit: Betroffene leben noch in einer eigenen Wohnung, sind jedoch akut von dem Verlust der Wohnung bedroht.
  • „Temporäre“ Wohnungslosigkeit: Betroffene leben ohne eigenes gefestigtes Wohnverhältnis, kommen zum Beispiel kurzzeitig bei Freunden oder Familie unter.
  • „Dauerhafte“ Wohnungslosigkeit: Betroffene leben überwiegend auf der Straße und nutzen gelegentlich Übernachtungsmöglichkeiten.
Hier setzen Stadt und freie Träger entweder mit präventiven Maßnahmen oder mit ordnungsrechtlichen Maßnahmen und begleitenden Hilfen an.

Für Lünen als mittelgroße Stadt mit bis zu 100.000 Einwohner ergibt sich laut Studie rechnerisch ein Wert von 273 Wohnungslosen. Im Weiteren bezieht der Bericht Zahlen aus einer Landesstatistik, der sogenannten integrierten Wohnungsnotfallberichterstattung NRW. Die weist einen enorm starken Anstieg bei ordnungsrechtlich untergebrachten Personen von 7 (2014) auf 388 (2018) in Lünen aus.

Ein erwartbares Ergebnis, denn dort fließen auch die Zahlen der Geflüchteten mit anerkanntem Aufenthaltsstatus ein. Ein massiver Anstieg der Zahlen ist seit 2016 zu beobachten. Rund 90 Prozent der untergebrachten Personen über 18 Jahren haben 2018 eine ausländische Staatsangehörigkeit.

Die Zahl der untergebrachten Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit stieg von 3 auf 16 Personen. Unabhängig von den niedrigen absoluten Zahlen ist das eine hohe prozentuale Steigerung (433 Prozent).

Nicht abgebildet werden hier die Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Diese Gruppe taucht in der Statistik nicht auf.

Mehr Lüner sind wohnungslos

Auch die eigenen Zahlen der Wohnungslosenhilfe Lünen der Diakonie – 266 Klienten 2013 zu 392 Klienten 2018 – und der Männerübernachtungsstelle – 88 Gäste 2013 zu 208 Gäste 2018 – zeigen den deutlich steigenden Bedarf in beiden Einrichtungen.

In der Regel bleiben die Gäste der Männerübernachtungsstelle dort für eine kurze Zeit, also wenige Tage bis wenige Wochen. Etwa 40 Prozent bleiben jedoch länger. Mehrere Monate bis hin zu einem halben Jahr. In 6 Prozent der Fälle bleiben sie länger als sechs Monate.

Die Kapazitäten der Männerschlafstelle werden als ausreichend eingeschätzt. 16 Personen können hier übernachten, je nach Bedarf auch bis zu 20.

Jetzt lesen

Angebote für Frauen im Kreis überlastet

Kritischer sind die Zahlen der Frauenübernachtungsstelle und des Frauenhauses im Kreis Unna. 2018 mussten in der Übernachtungsstelle immer wieder Frauen abgewiesen werden. Im Frauenhaus konnten im gleichen Jahr 17 Frauen (35 Prozent) aufgrund von Überbelegung nicht aufgenommen werden. Laut Bericht sind zu wenig Plätze in Frauenhäusern nicht nur ein Problem im Kreis Unna.

Auch das Angebot der Mädchen- und Frauenberatungsstelle aus Lünen ist 2018 viel stärker genutzt worden als im Jahr 2017. 113 Mädchen und Frauen wurden beraten, 230 Prozent mehr als noch ein Jahr zuvor. Das liege auch an der Aufnahme einer Außensprechstunde in Lünen-Nord.

Amtsgericht verzeichnet Anstieg bei Räumungsklagen

Hinzu kommt ein leichter Anstieg der beim Amtsgericht Lünen eingereichten Räumungsklagen. Die Zahlen aus den Jahren 2013 (85 Klagen) bis 2018 (145 Klagen) wurden hier nachträglich erfasst und sind teilweise unvollständig, also mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Hinzu kommt laut Bericht, dass nur etwa 10 Prozent der Räumungen auch tatsächlich vollzogen werden. In der Regel könne dieser massive Schritt in Richtung Wohnungslosigkeit mithilfe von Wohnungsunternehmen, der Stadt und des Jobcenters vermieden werden.

Entwicklung soll aufgehalten werden

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, gibt der Bericht ein ganzes Bündel an Empfehlungen, mit dem die Politik die Verwaltung beauftragen soll. Unter anderem:

  • Aufbau einer systematischen und ganzheitlichen Statistik zum Thema Wohnungslosigkeit in Lünen.
  • Prozesse und Abläufe sollen künftig möglichst in einer zentralen Fachstelle gebündelt werden.
  • Zwischen allen beteiligten Institutionen soll ein regelmäßiger Austausch etabliert werden.
  • Spezifische Zielgruppen sollen stärker in den Blick genommen werden, etwa die Angebote für Frauen.
  • Präventionsangebote sollen gestärkt werden.
  • Der Mastplan Wohnen (Zusammenleben 2030) soll konsequent umgesetzt werden. Darin beschrieben und politisch bereits beschlossen ist ein Konzept für öffentlich geförderten Wohnungsbau.
Lesen Sie jetzt
Münsterland Zeitung Serie „Wenn die Eltern älter werden“
Letzte Folge unser Serie: Lünerin (93) plante schon mit 60 konsequent ihr Leben im Alter