Karfreitag 1945 ermordeten Nazis sechs Widerstandskämpfer aus Lünen

mlzVor 75 Jahren

Am 12. April 1945 wurden sechs Lüner Widerstandskämpfer von den Nazis in der Bittermark ermordet. Kurz bevor amerikanische Truppen in Dortmund einmarschierten. Der Mord geschah Karfreitag.

Lünen-Süd

, 10.04.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Februar 2019 im Lüner Süden. Gunter Demnig, Initiatior der Aktion „Stolpersteine“, setzt den ersten der sechs neuen Stolpersteine vor dem Haus Derner Straße 129. Hier wohnte Widerstandskämper Jakob Bink.

An diesem Tag kommen in Lünen-Süd und Gahmen noch fünf weitere zu den mittlerweile über 70.000 Stolpersteinen weltweit hinzu, die an die Opfer der Gewaltherrschaft der Nazis erinnern. Sie werden ins Pflaster vor den Häusern eingelassen, in denen Johann Berg, August Dombrowski, Bernhard Höltmann, Johann König und Josef Kriska lebten, bevor die Nazis sie verhafteten und am Karfreitag 1945 in der Bittermark erschossen.

Jeden Karfreitag Gedenken im Südpark

Seit den 60-er Jahren treffen sich an jedem Karfreitag im Südpark am Gedenkstein Menschen, um an die sechs Lüner Widerstandskämpfer zu erinnern, so Manfred Kolodziejski (SPD).

Manfred Kolodziejski (l.), Vorsitzender SPD Lünen-Süd, und Jens Hebebrand, Mitglied der SPD im Kreistag und im Humanistischen Verband, legten im Südpark einen Kranz nieder.

Manfred Kolodziejski (l.), Vorsitzender SPD Lünen-Süd, und Jens Hebebrand, Mitglied der SPD im Kreistag und im Humanistischen Verband, legten im Südpark einen Kranz nieder. © Magdalene Quiring-Lategahn

So war es auch dieses Jahr geplant, 75 Jahre nach dem Mord in der Bittermark. Doch aufgrund der Kontaktsperre wegen der Corona-Krise muss das Gedenken im Südpark verschoben werden, wahrscheinlich auf den 1. August.

Zwischen 7. März und 12. April 1945 wurden auf einer Waldlichtung in der Bittermark, im Rombergpark und auf dem Eisenbahngelände zwischen Hörde und Berghofen etwa 300 Menschen von der Gestapo ermordet. Es waren Widerstandskämpfer und politisch anders Denkende wie die sechs Lüner. Aber auch Zwangsarbeiter aus verschiedenen Ländern. „Die Nazis haben so, weil sie ahnten, dass der Krieg für sie verloren war, verhindern wollen, dass die politisch anders Denkenden sich aktiv am Wiederaufbau des Landes beteiligen. Aber auch, dass sie die Gräuel der Nazis bezeugen konnten,“ so Udo Kath vom Lüner Arbeitskreis „Stolpersteine“.

Dort, wo sich heute der Phoenixsee ist, war ein Lager, nahe einer Polizeistation. Das Lager platzte im Frühjahr 1945 aus allen Nähten. Von dort aus wurden Bink, Berg, Dombrowski, Höltmann, König und Kriska mit anderen Gefangenen auf Lkw geladen und dann in die Bittermark gebracht, wo sie am 12. April 1945 erschossen wurden.

Das ist über die sechs Lüner Nazi-Opfer bekannt:

Johann Berg war überzeugter Kommunist, er wurde am 30. März 1945 verhaftet und kurz darauf erschossen.

Johann Berg

Johann Berg © Stadtarchiv, Sammlung Bock

Jakob Bink war verheiratet und Vater von fünf Kindern. Der gelernte Maurer engagierte sich politisch als KPD-Stadtverordneter in Lünen (1923 bis 1927). Von Dezember 1935 bis April 1939 war Bink fast ununterbrochen inhaftiert in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern. Am 30. März 1945 wurde er verhaftet und am 20. April für tot erklärt.

Jakob Bink

Jakob Bink © Stadtarchiv

August Dombrowski war ebenfalls Kommunist, er wurde am 30. März 1945 verhaftet und kurz darauf erschossen.

August Dombrowski

August Dombrowski © Stadtarchiv, Sammlung Bock

Bernhard Höltmann gehörte zu den Kommunisten, auch er wurde am 30. März 1945 verhaftet und kurz darauf erschossen.

Bernhard Höltmann

Bernhard Höltmann © Foto Stadtarchiv

Johann König war auch Kommunist, wurde am 30. März 1945 verhaftet und kurz darauf erschossen.

Johann König war, daran erinnerte sich seine Tochter, ein sehr geselliger Mensch.

Johann König war, daran erinnerte sich seine Tochter, ein sehr geselliger Mensch. © Lars Hübchen

Josef Kriska war Betriebsrat auf den Zechen Gneisenau und Scharnhorst und KPD-Mitglied. Am 29. März 1945 wurde er von der Gestapo verhaftet, ins Lager auf dem Werk Phoenix gebracht und in einem der zahlreichen Bombentrichter erschossen.

Josef Kriska

Josef Kriska © Stadtarchiv, Sammlung Bock

Urenkel recherchiert Schicksal von Johann König

Lars Hübchen hat erst spät die Geschichte seines Urgroßvaters Johann König entdeckt. „Meine Großeltern fuhren jedes Jahr an Karfreitag erst zur Gedenkfeier im Südpark und anschließend zur Veranstaltung in den Dortmunder Rombergpark. Aber erst als ich meine Großmutter das erste Mal begleitete und mitbekam, wie sehr es sie auch nach so vielen Jahrzehnten noch mitnahm und bewegte, da verstand ich, welches traumatisches Erlebnis es für sie und die ganze Familie gewesen war, als Johann König am 30. März 1945 von den Nazis abgeholt wurde und für immer aus ihrem Leben verschwand“, schildert Hübchen.

Er begann zu recherchieren.

Schon 1933, nach der Machtergreifung der Nazis, wurde Johann König zum ersten Mal von der Polizei verhaftet und verbrachte eine Nacht im Gefängnis. Hübchens Großmutter war damals acht Jahre alt und bekam alles hautnah mit. Hübchen: „Ihr kamen die Tränen als sie mir erzählte, wie sie damals, am 6. April 1933, im Nachbarhaus gespielt hatte. Nun hörte sie, wie es plötzlich Geschrei unten vor dem Haus gab. Und als sie aus dem Fenster blickte, stand da ein Polizist im dunklen Mantel, der seine Pistole auf ihren Vater richtete.“

Im Stadthaus sah die Tochter ihren Vater das letzte Mal

Am 30. März 1945 erschien ein Gestapo-Beamter vor dem Haus der Familie und verlangte von Königs Frau Natalie, ihren Mann zu sprechen. Er war beim Friseur, wo er kurz danach verhaftet wurde. Zunächst brachte man ihn in die Polizeiwache Lünen-Süd. Dorthin wollte seine Frau ihm noch etwas zu essen bringen, aber er war schon ins Lüner Stadthaus Lünen gebracht worden.

Seine Tochter Frieda hat ihn, so Hübchen, am nächsten Tag noch besucht, um ihm Essen vorbei zu bringen. Hübchen: „Das war das letzte Mal, dass jemand von meiner Familie ihn gesehen hat.“

Künstler Gunter Demnig setzt den ersten der sechs neuen Stolpersteine vor dem Haus Derner Straße 129. Hier wohnte Widerstandskämper Jakob Bink.

Künstler Gunter Demnig setzt den ersten der sechs neuen Stolpersteine vor dem Haus Derner Straße 129. Hier wohnte Widerstandskämper Jakob Bink. © Günther Goldstein

Nachdem Gerüchte über Erschießungen im Rombergpark die Runde machten, fuhr Königs Tochter hin, um nach ihrem Vater zu suchen. Hübchen: „Und so schaute sie durch die Berge von Leichen, die dort aus den Massengräbern geholt und aufgereiht lagen. Doch sie konnte ihn nicht finden. Die Leiche meines Urgroßvaters blieb für immer verschollen.“

Königs Frau hatte die Ermordung ihres Mannes so sehr getroffen, dass sie nicht in

der Lage war, sich um ihre Familie zu kümmern. Sie brachte es erst 1948 übers Herz, ihn für tot erklären zu lassen.

Gunter Demnig führt die Aktion „Stolpersteine“ seit 28 Jahren erfolgreich durch; bislang hat er seit 1992 über 70.000 Steine als größtes dezentrales Mahnmal weltweit verlegt. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. In Lünen kümmert sich der ehrenamtlich tätige Arbeitskreis Stolpersteine um die Aktion.
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Zahlreiche Teilnehmer gedachten der sechs Lüner, die vor 74 Jahren von den Nazis im Rombergpark ermordet wurden. Die Gedenkfeier war Mahnung und Aufruf zugleich. Von Magdalene Quiring-Lategahn

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