Kostenloser ÖPNV für Lünen? SPD-Forderung würde ein „finanzieller Kraftakt“

mlzMobilität in Lünen

Die SPD in Lünen folgt einem Vorschlag der Jusos und fordert einen kostenlosen ÖPNV. Im ersten Schritt soll das für Schüler und Auszubildende gelten. Aber auch das würde teuer.

Lünen

, 20.02.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) - also im Lüner Falle des Bus-Verkehrs - gehöre zur Daseinsvorsorge und sollte deshalb für alle Menschen kostenfrei sein, sagt der Lüner SPD-Vorsitzende Norbert Janßen. Das sei „ein wichtiger Baustein, um die Städte und die Umwelt vom Autoverkehr zu entlasten“, heißt es in einer Mitteilung der Sozialdemokraten.

Mehr als ein Drittel im „Ausbildungsverkehr“

Geht es nach der Lüner SPD, wird dieses Projekt schrittweise umgesetzt und startet mit Minderjährigen, SchülerInnen und Auszubildenden. „Natürlich wissen wir, dass dies ein finanzieller Kraftakt ist“, ergänzt der Lüner Kreistagsabgeordnete Jens Hebebrand, Sprecher der Projektgruppe Mobilität der Lüner SPD, in der Mitteilung. Aber dann werde man eben dicke Bretter bohren müssen.

Wie dick die Bretter wohl sein werden, zeigt eine Anfrage bei der Verkehrsgesellschaft Kreis Unna (VKU), die im Kreis und damit auch in Lünen für den Busbetrieb zuständig ist. 15 Millionen Fahrgäste hat die VKU 2018 laut Andreas Feld, Leiter Verkehrsmanagement, kreisweit transportiert. Davon sind immer noch über 6 Millionen im Ausbildungsverkehr - dazu zählt der Transport von Schülern, Studenten und Auszubildenden.

Zwar sinke der Anteil, aber er mache immer noch einen beträchtlichen Teil des Gesamtverkehrs aus. Das heißt: Brächen die Einnahmen weg, entstünde auch im ersten Schritt des SPD-Plans ein großes finanzielles Loch.

Busbetrieb ist ohnehin ein Zuschuss-Geschäft

Dass der Busbetrieb ohnehin schon ein Zuschuss-Geschäft ist, zeigt der Blick auf den Geschäftsbericht 2018. Da fehlten der VKU zur Deckung der Kosten am Ende 7,57 Millionen Euro. Eine Hälfte davon übernimmt der Kreis. Die andere Hälfte wird unter den Kommunen aufgeteilt, für Lünen bleiben dabei noch einmal 25 Prozent der Kosten übrig. Die Prozentzahl ergibt sich laut Feld aus den Fahrplankilometern der Kommune.

Das Liniennetz der VKU in Lünen. Ungefähr ein Viertel der gesamten Fahrplankilometer der VKU fällt auf Lünen.

Das Liniennetz der VKU in Lünen. Ungefähr ein Viertel der gesamten Fahrplankilometer der VKU fällt auf Lünen. © Rolf Alexander

Würde der ÖPNV komplett kostenfrei, fehlten auf einmal alle Einnahmen aus den Ticketverkäufen. Immerhin 31,5 Millionen Euro waren das 2018. Rechnet man - analog zu den Fahrplankilometern - auch hier einen Lüner Anteil von 25 Prozent ein, wären das knapp acht Millionen Euro für Lünen.

Dabei wird es aber wohl nicht bleiben. Denn ein kostenloser ÖPNV ist attraktiver und wird mehr genutzt. Heißt: Die Kosten für die VKU steigen. „Wir müssten zusätzliche Kapazitäten schaffen“, sagt Feld. Dabei brauche es Vorlauf, neue Busse zu kaufen, auch die Rekrutierung von Busfahrern werde schwieriger.

Das sagt die Stadtverwaltung zum kostenlosen ÖPNV in Lünen

Der Verband der Verkehrsunternehmen, dem auch die VKU angehört, hat erst am 30. Januar eine Stellungnahme zum Thema „kostenloser ÖPNV“ veröffentlicht. Die Anmerkungen der Interessenvertretung: Hohe Kosten und überlastete Verkehrsnetze.

Die Recherche zeigt also: Konkrete Zahlen gibt es nicht, zu neu ist der konkrete Vorschlag für Lünen und den Kreis Unna. Auch die Stadtverwaltung gibt auf Anfrage zu Protokoll, sich nicht noch nicht konkret mit dem Thema befasst zu haben.

Bürgermeister Jürgen-Kleine Frauns sagt zur Idee allgemein: „Den ÖPNV für Kinder und Jugendliche kostenfrei zu gestalten ist aus Sicht der Stadtverwaltung eine große Chance. Alle Kinder und Jugendlichen könnten gleichermaßen Zugang zu Mobilität bekommen. Auch unter Umweltaspekten wäre es sinnvoll, mehr Menschen am ÖPNV teilhaben zu lassen.“

Auch er weist darauf hin, dass erst genauere Informationen zu den Kosten nötig seien. Sagt aber auch: „Die reinen Kosten wiederum dürfte man aber auch nicht isoliert betrachten, sondern müsste sie beispielsweise mit den dann entfallenden Kosten für die Schülerbeförderung gegenrechnen.“ Und am Ende bräuchte es so oder so eine politische Entscheidung.

Kommentar von Marc Fröhling

Geld und Aufwand zählt nicht als Ausrede

Der Vorstoß der SPD in Lünen für einen kostenlosen ÖPNV in Lünen ist richtig - egal ob dem Wahlkampf geschuldet oder nicht. Allzu schnell wird die Idee häufig mit Verweis auf Kosten und Aufwand weggebügelt. Das Thema ist viel zu wichtig, um es sich so einfach zu machen. Denn am Ende führt kein Weg daran vorbei: Der Individualverkehr muss, vor allem im Sinne der Umwelt, so gut wie möglich reduziert werden. Und was Geld und Aufwand angeht: Dass die Kommunen das kaum alleine leisten können, leuchtet ein. Heißt: Es braucht Hilfe von Land und Bund. Dort pumpt man Milliarden in klimaschädliche Industrie, subventioniert Diesel und klammert sich an die Schwarze Null. Das ist fatal. Das Geld wird anderswo viel dringender gebraucht. Zum Beispiel beim Ausbau des ÖPNV.
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