In der Corona-Krise erkranken mehr Menschen an Depressionen. Wie geht man mit einer Krankheit um, für deren Bekämpfung soziale Kontakte lebensnotwendig sind? Eine Patientin erzählt.

Lünen

, 14.06.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dass Heike König (Name von der Redaktion geändert) ein Problem hat, wusste sie. Beziehungsweise: Sie hätte es wissen können. „Einige Freunde haben mir gesagt, dass ich mich verändert hätte.“ Doch sie tat diese Hinweise ab: „Das stimmt doch gar nicht, ihr übertreibt.“ Schließlich kam sie gut klar, hatte einen Job, eine Wohnung, ein Leben eben.

Gut, sie sei immer häufiger lustlos und müde gewesen, selbst das Ausgehen mit Freunden habe sie irgendwann nicht mehr motivieren können. „Man lässt die sozialen Kontakte einfach schleifen, reagiert nicht mehr auf WhatsApp-Nachrichten und Anrufe.“ Und irgendwann verabschieden sich die Freunde dann auch.“ Das Problem: Die Mittvierzigerin bemerkte das zwar, aber es machte ihr nichts aus. Dachte sie.

Ihre Hausärztin war es schließlich, die Heike König klipp und klar sagte, was Sache ist: „Sie leiden an Depressionen.“ Rückblickend ist das alles einfach: Die Demenz-Erkrankung ihrer Mutter, die schließlich starb, kurz darauf der plötzliche Tod der besten Freundin. „Das waren alles Auslöser, die letztlich zur Depression geführt haben“, ist Heike König überzeugt. Nur brauchte es jemanden, der das in aller Deutlichkeit auch formuliert.

Freunde und Familie wandten sich ab

Was folgte, war das lange Warten auf einen Therapieplatz. „Ich hatte mein Erstgespräch im Mai 2015. Den Rückruf, dass ich einen Platz bekommen kann, erhielt ich im September 2016.“ Es dauerte nochmal einen Monat, bis Heike König die regelmäßigen Gespräche mit ihrer Therapeutin aufnehmen konnte.

Doch das allein reichte nicht. Denn nur weil Heike König ihre Krankheit akzeptierte, hieß das nicht, dass es auch ihre Freunde taten. Oder ihre Familie. „Einige Freunde haben sich abgewandt, weil sie mit der Situation nicht klar kamen.“ Selbst ihre Schwester sagte ganz offen, dass sie damit nicht umgehen kann und deshalb nichts von ihr oder der Krankheit wissen will. „Mittlerweile ist das okay für mich. Man kann die Leute nicht dazu zwingen, Depressionen zu verstehen, wenn sie es nicht wollen.“

Diese Erkenntnis fiel der Selmerin leichter, weil sie andere Menschen getroffen hat, die Verständnis für sie aufbringen - bei der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen des Kreises Unna (Kiss) im Gesundheitshaus Lünen am Roggenmarkt. Die Therapeutin hatte sie auf das Angebot aufmerksam gemacht. „Als ich zur ersten Sitzung gefahren bin, war ich schon sehr aufgeregt. Wie nehmen die Leute einen an, kann ich dort frei erzählen?“

Die Nervosität war jedoch nach der ersten Vorstellungsrunde verschwunden. „Wenn man mit Freunden darüber spricht, kommt es darauf an, ob sie sich für einen interessieren. In der Gruppe stellt sich diese Frage gar nicht - dort ist man niemandem egal.“ Es sei durchaus üblich, dass jemand eineinhalb Stunden lang erzählt, wie es ihm oder ihr geht - ohne, dass jemand unterbricht. „In der Gruppe gibt man mehr preis, weil man weiß, dass die anderen einen verstehen.“

Und man lernt, sich auch für andere und deren Schicksal zu interessieren - was wiederum hilft, die eigene Situation besser einschätzen zu können. „Als zum Beispiel ein Teilnehmer erzählte, dass ein Elternteil gestorben war, hat mich das schon länger beschäftigt. Ich hatte ja gerade das gleiche erlebt.“

Plötzlich sind die sozialen Kontakte weg

Jeden 2. und 4. Freitag im Monat traf sich die Gruppe in Lünen - dann kam Corona. Das Virus sorgte nicht nur für einen Anstieg der Fallzahlen, wie eine Online-Umfrage mehrerer Hochschulen und Universitäten ergeben hat. Auch bereits erkrankte Menschen stellte die Krise vor neue Probleme. „Plötzlich konnten wir uns nicht mehr treffen. Man merkt schnell, wie sehr einem die Gruppe fehlt.“ Sie würde nicht so weit gehen und die anderen Teilnehmer pauschal als Freunde bezeichnen. „Aber es sind soziale Kontakte, und die waren aufgrund der Corona-Krise plötzlich weg.“

Hinzu kam, dass Heike König im Home-Office arbeiten musste und damit kaum noch vor die Tür kam. „Ich trage nicht gerne eine Schutzmaske, deshalb habe ich das Rausgehen auf das Nötigste beschränkt, wie zum Beispiel einkaufen.“ Ansonsten wurden die Tage so, wie sie zu Zeiten vor der Diagnose waren: „Vom Bett auf die Couch, von der Couch ins Bett, immer im Schlafanzug.“

Bis schließlich Lisa Nießalla von Kiss eine Telefonkonferenz der Gruppe ins Spiel brachte. Ende Mai schalteten sich die Teilnehmer zusammen. „Es hat wirklich gut getan, die Stimmen der anderen zu hören. Wir waren alle begeistert. Aber es wurde auch deutlich, wie sehr allen die Treffen der Gruppe fehlen.“ Es ist eben doch etwas anderes, im gleichen Raum von Angesicht zu Angesicht zu sprechen. „Dass das wegen der Corona-Krise nicht ging, ist zwar verständlich. Es macht die Sache aber nicht einfacher.“

„Ohne Krise ginge es mir besser“

Mittlerweile geht Heike König wieder öfter vor die Tür - auch, weil nicht mehr jede Woche Home-Office angesagt ist. Leicht fällt ihr das nicht: „Zuletzt habe ich mal wieder probiert, mit dem Zug zu fahren. Aber die ganze Zeit mit der Maske rumlaufen, und dann sitzen einem Leute mit Maske, Kappe und Sonnenbrille gegenüber - da sieht man ja gar nichts mehr. So ganz ohne Mimik, das kann ich einfach nicht.“

Heike König hofft, dass die Lockerungen bald wieder ein halbwegs normales Leben mit ihrer Krankheit zulassen. Und dass sie ihre Gruppe wiedersieht. Für sie steht fest: „Ohne Corona-Krise würde es mir heute definitiv besser gehen.“

Wir haben mit dem Lüner Psychotherapeuten Dr. Christian Lüdke über Depressionen und die Folgen der Corona-Krise gesprochen. In unserem Video gibt er zudem Tipps, wie Menschen Hilfe bekommen können:

Video
Dr. Christian Lüdke über Depressionen

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