Der Catering-Bereich von Stolzenhoff ist komplett in Kurzarbeit. Nach eigener Aussage nutzt das Unternehmen die Zeit für interne Schulungen. © Montage Klose
Arbeit zu Coronazeiten

Kurzarbeit als Chance für Weiterbildung? Das sagen Betriebe aus Lünen

Betriebe sollen die Kurzarbeit nutzen, um Angestellte fortzubilden - das fordern die Gewerkschaft NGG und die Arbeitsagentur. Doch für Lüner Betriebe geht die Rechnung nicht so einfach auf.

Aufgrund der Corona-Pandemie haben viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer momentan notgedrungen viel Zeit: Wegen fehlender Aufträge oder Komplett-Schließungen, wie bei den Gasstätten oder Massagepraxen, sind aktuell 452 Lüner Betriebe in Kurzarbeit – das betrifft insgesamt 3628 Beschäftigte.

Und damit die durch die Kurzarbeit frei gewordene Zeit keine verlorene Zeit ist, fordern die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und die Agentur für Arbeit die Betriebe dazu auf, sich stärker als bislang um die berufliche Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu kümmern. „Die Firmen sind gut beraten, jetzt die hohen staatlichen Zuschüsse für die Qualifizierung abzurufen“, so NGG-Geschäftsführer Torsten Gebehart. Dabei bezieht er sich auf das 2019 eingeführte Qualifizierungschancengesetz, das erstmals Zuschüsse für die Weiterbildung von Beschäftigten vorsieht.

„Schulen intern mehr als sonst“

In ganz Nordrhein-Westfalen seien allerdings bis Mitte des laufenden Jahres insgesamt 8584 Menschen gefördert worden, davon waren 2250 Menschen in Unternehmen angestellt. „Das ist eine ernüchternde Bilanz. Hier müssen die Firmen dringend nachlegen“, betont Gebehart. Denn verglichen mit dem Vorjahreszeitraum seien das sogar 19 Prozent weniger.

„Uns ist auch nicht bekannt, dass Betriebe in Lünen die Krise zur Weiterbildung ihrer Mitarbeiter nutzen“, heißt es auf Anfrage bei der Agentur für Arbeit. Laut Torsten Goetz, Teamleiter Arbeitsvermittlung in der Arbeitsagentur, gibt es „keine besonderen Ausschläge nach oben oder nach unten“. Weiterbildungen und auch Umschulungen seien nicht mehr oder weniger nachgefragt als zu anderen Zeiten. Dabei sei der Produktkatalog erweitert worden. Auch die Bildungsträger, wie Plan B oder das Bildungswerk, seien inzwischen wieder geöffnet. „Und viele haben inzwischen auf digitale Angebote umgestellt.“

Fragt man bei den Unternehmen vor Ort nach, stellt sich die Lage etwas anders dar. „Bei uns haben die Mitarbeiter natürlich die Möglichkeit, sich weiterbilden zu lassen“, sagt Dennis Stolzenhoff, Geschäftsführer des gleichnamigen Caterers. „Aber wir schulen vor allem intern, und das im Moment mehr als sonst.“ Während der Coronazeit habe es bereits Schulungen zu sicherem Fahren oder Hygiene gegeben. Im Dezember stehe eine Schulung zu verkaufsfördernden Maßnahmen an. Laut Stolzenhoff befinden sich etwa 130 der 200 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Kurzarbeit.

„Keine guten Erfahrungen mit staatlichen Zuschüssen“

Auch die Bäckerei Kanne schult die Mitarbeiter nach eigenen Angaben ausschließlich intern. „Mit den staatlichen Zuschüssen haben wir bisher keine guten Erfahrungen gemacht“, sagt Geschäftsführer Wilhelm Kanne. „Viele der Weiterbildungsmaßnahmen können nicht genutzt werden, da sie Präsenz erfordern. Aber alles, was online geht, nutzen wir. Das betrifft vor allem den administrativen Bereich.“ Verkaufsschulungen aber zum Beispiel seien online nicht möglich und deshalb zur Zeit auf Eis gelegt. „Alles was geht wird gemacht“, so Kanne, „das ist aber nicht mehr als vorher.“ Innerhalb der Belegschaft variiere die Kurzarbeit und betreffe nicht die komplette Belegschaft.

In der Gastronomie befürchtet man indessen, dass Fortbildungen am Ende zu einem Personalnotstand führen könnten. Auf Nachfrage beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) NRW sagt dessen Pressesprecher Thorsten Hellwig: „Wir sehen, dass diese Zeit eine besondere Herausforderung sein kann, und je länger die Schließungen andauern, desto größer wird die Gefahr, dass sich unsere Beschäftigten in anderen Branchen ‚umschauen‘. Deshalb ist es für uns umso wichtiger, von der Politik eine Öffnungsperspektive für Gastronomie und Hotellerie aufgezeigt zu bekommen.“

Über die Autorin
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In und um Stuttgart aufgewachsen, in Mittelhessen Studienjahre verbracht und schließlich im Ruhrgebiet gestrandet treibt Kristina Gerstenmaier vor allem eine ausgeprägte Neugier. Im Lokalen wird die am besten befriedigt, findet sie.
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Kristina Gerstenmaier

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