In Niederaden wurden einige Straßen, wie hier an der Wilhelm-Rabe-Straße, bei dem Unwetter am Mittwoch (14.7.) komplett überflutet. © Privat / Rauscher
Unwetterschäden

Land unter in Niederaden: Zwischen Flut und Nachbarschaftshilfe

Das Unwetter am Mittwoch hat den südlichen Teil Niederadens besonders hart getroffen. Wasser stand kniehoch auf der Straße. Am Tag danach geht es um Pumpen, Aufräumen und Solidarität.

So etwas haben wir in Lünen noch nicht erlebt.“ Dieses Zitat kann man am Donnerstag (15.7.) vielen Menschen zuschreiben. Feuerwehrleuten, Mitarbeitern von Stadtwerken oder SAL, öfter ist der Satz aber noch von den Anwohnern der Straßen im südlichen Teil von Niederaden zu hören.

Die Straßenzüge Im Sundern, Wilhelm-Rabe-Straße, Dohlenweg, Finkenstraße, Grüner Weg, Brüderweg und Im Heidkamp sind bei dem Unwetter am Mittwoch (14.7.) komplett überflutet worden. Kniehoch stand das Wasser im Verlauf des Abends. Auf der Straße wohlgemerkt. Die Keller standen komplett unter Wasser. In manchen Häusern lief das Wasser auch ins Erdgeschoss.

Hier geht es eigentlich in den Keller der Familie Gorny. Wie bei vielen anderen Anwohnern auch, wurde der am Mittwoch komplett überflutet.
Hier geht es eigentlich in den Keller der Familie Gorny. Wie bei vielen anderen Anwohnern auch, wurde der am Mittwoch komplett überflutet. © Privat / Gorny © Privat / Gorny

Abpumpen zwischenzeitlich unmöglich

Die Schäden werden am Donnerstag sichtbar. Das Wasser ist von den Straßen verschwunden. Keller werden noch weiter abgepumpt. Die Feuerwehr war am Mittwochabend und die ganze Nacht im Einsatz, gegen die Masse an Notrufen hatten die 80 Feuerwehrleute allerdings kaum eine Chance. Bis Donnerstagnacht um drei Uhr waren es rund 200. Der Leitung des Notrufs war Mittwochabend teilweise überlastet. Aber selbst wenn das alles nicht gewesen wäre, in Niederaden hätte es auch nichts geholfen.

„Gegen 16.50 Uhr ging bei uns der Strom aus“, erinnert sich Ute Heinloth, Anwohnerin der Wilhelm-Rabe-Straße. Der Grund war schnell gefunden, es stand bereits Wasser im Keller. Und das stieg. Bis 19 Uhr stand es bei der Familie Heinloth über 80 Zentimeter hoch. Eine ganze Zeit lang hatten die Anwohner noch daran geglaubt, dass es bei vollen Kellern bleiben würde.

Der Keller von Familie Gorny gleicht am Donnerstag einem Schlachtfeld. Das Wasser stand Mittwochabend fast bis ins Erdgeschoss.
Der Keller von Familie Gorny gleicht am Donnerstag einem Schlachtfeld. Das Wasser stand Mittwochabend fast bis ins Erdgeschoss. © Matthias Stachelhaus © Matthias Stachelhaus

„Als die Feuerwehr am Dohlenweg abgepumpt hat, kam das Wasser dann bei uns allen erst richtig hoch“, sagt Anwohnerin Conny Gorny. Das Pumpen wurde vorerst eingestellt, zwecklos.

Während die Feuerwehr am Donnerstagmittag immer noch Keller auspumpt, macht sich Bürgermeister Jürgen Kleine-Frauns ein Bild von der Lage in der Finkenstraße.
Während die Feuerwehr am Donnerstagmittag immer noch Keller auspumpt, macht sich Bürgermeister Jürgen Kleine-Frauns ein Bild von der Lage in der Finkenstraße. © Matthias Stachelhaus © Matthias Stachelhaus

Um 19.46 Uhr waren die Gärten hinter den Häusern an der Wilhelm-Rabe-Straße bis zur Wade hoch geflutet, gegen 20.30 Uhr stand die komplette Straße davor auch unter Wasser. Das können Ute Heinloth, Conny Gorny und Nachbarin Annemarie Terwey nur über den Zeitstempel der Fotos nachvollziehen, die Heinloth mit dem Handy gemacht hat. „Das Zeitgefühl ist in so einer Situation einfach weg“, sagt ein weiterer Helfer während des Gesprächs mit den Familien am Donnerstagnachmittag. Spätestens da sei dann auch allen klar gewesen, „hier braucht gerade niemand mehr eine Pumpe“. Wohin auch mit dem Wasser?

Stromversorgung zerstört

„Irgendwann haben sie uns dann auch von der Straße gescheucht“, sagt Gorny. Denn die Laternen waren noch eingeschaltet. Gegen 21 Uhr stellten die Stadtwerke aus Sicherheitsgründen den Strom in dem Bereich ab. Bis Donnerstagmittag war er auch an vielen Stellen im Gebiet noch nicht wieder da. Denn die Wassermassen haben auch die Stromversorgung, etwa in den Verteilerkästen an den Straßen, zerstört.

Michael Wittenbrede von den Stadtwerken koordinert an der Brüderstraße die Einsätze seiner Kollegen, die die zerstörte Stromversorgung reparieren und ersetzen.
Michael Wittenbrede von den Stadtwerken koordinert an der Brüderstraße die Einsätze seiner Kollegen, die die zerstörte Stromversorgung reparieren und ersetzen. © Matthias Stachelhaus © Matthias Stachelhaus

Ein Problem, das noch am Donnerstag wieder komplett behoben werden sollte. „Bis zum Nachmittag wird die Versorgung durch die Stadtwerke wieder stehen“, erklärt Michael Wittenbrede von den Stadtwerken. Rund 100 Anschlüsse sind betroffen, von der Brüderstraße aus verteilt er seine Kollegen in vier Kolonnen sternförmig im Gebiet. Bis alle Stromanschlüsse in den Häusern wieder repariert sind, wird es aber wohl länger dauern. „Das ist Sache der Eigentümer.“

60 Liter pro Quadratmeter

In der Spitze hat es in der Stunde knapp 60 Liter pro Quadratmeter geregnet, teilt ein Sprecher der Feuerwehr am Donnerstag mit. Zum Vergleich: „Beim Starkregen am ersten Juliwochenende hat es 39 Liter pro Quadratmeter gegeben“, so Bürgermeister Jürgen Kleine-Frauns, der sich am Donnerstagmittag vor Ort ein Bild der Lage machte, mit Anwohnern und Einsatzkräften sprach, sich Sorgen und Nöte anhörte.

Ein Spendenkonto ist eingerichtet (siehe Infokasten). Denn die Schäden werden nicht bei allen Betroffenen durch die Versicherung abgedeckt. „Ich freue mich, dass wir gemeinsam mit dem Verein ‚Lüner helfen Lünern‘ so schnell ein Spendenkonto einrichten konnten. Wir sollten helfen, wo wir können. Deshalb hoffe ich, dass die Spendenbereitschaft hoch ist“, sagt der Bürgermeister laut einer Pressemitteilung der Stadt am Donnerstag.

Am Donnerstag bleibt in Niederaden an vielen Stellen ein Trümmerfeld. Ute Heinloth (l) und Conny Gorny versuchen trotzdem optimistisch zu bleiben.
Am Donnerstag bleibt in Niederaden an vielen Stellen ein Trümmerfeld. Ute Heinloth (l) und Conny Gorny versuchen trotzdem optimistisch zu bleiben. © Matthias Stachelhaus © Matthias Stachelhaus

„Schlimm ist diese Hilflosigkeit“, sagt Gorny. Mittwoch habe sie noch Galgenhumor gehabt. Am Tag danach werde klarer, was da eigentlich passiert sei. Es gehe ja nicht nur um die wirtschaftlichen Werte. „An vielen Sachen im Keller hängen Erinnerungen.“ Das fange bei Kleinigkeiten wie der Weihnachtsdeko an, meint Heinloth. Und geht weiter bis zur kaputten Ölheizung, Waschmaschine oder auch Computern.

Zusammenhalt und Lob für Einsatzkräfte

Immerhin hält die Nachbarschaft zusammen. In einem Wohnwagen wird Kaffee gekocht, Freunde und Bekannte bringen Essen vorbei, es wird zusammen angepackt und aufgeräumt. „Das ist hier in der Siedlung so, wir sind hier gut sehr gut vernetzt“, sagt Heinloth.

Lob gibt es auch für die Einsatzkräfte: „Egal wer hier kam und immer wieder dieselben Fragen gestellt hat. Die Leute von der Feuerwehr sind immer supernett geblieben“, meint Conny Gorny. Schließlich wurden einige Anwohner ab 22 Uhr aus ihren Häusern geholt, sofern sie es wollten. Mit Schlauchbooten. Untergekommen sind sie bei Bekannten, Freunden oder, wie Annemarie Terway, in der Grundschule in Niederaden. Geschlafen hat die 74-Jährige dort nicht, nur den Kopf auf einen Tisch gelegt. „Ich hätte auch nicht schlafen können.“ Denn so etwas hat Lünen noch nicht erlebt.

Spendenkonto eingerichtet

  • Die Stadt Lünen hat in Kooperation mit dem Verein „Lüner helfen Lünern e.V.“ ein Spendenkonto für Betroffenen des Unwetters eingerichtet.
  • Geholfen werden soll Bürgerinnen und Bürgern, die durch die Folgen des Starkregens finanzielle Hilfe benötigen.
  • Mit dem Verwendungszweck „Starkregen 14. Juli“ kann Geld an das Konto bei der Volksbank Selm-Bork überwiesen werden. IBAN: DE52 4016 5366 6100 5500 02
    Wer Hilfe benötigt, kann sich per E-Mail direkt an den Verein wenden: luenerhelfenluenern@email.de.
Über den Autor
Beruflicher Quereinsteiger und Liebhaber von tief schwarzem Humor. Manchmal mit sehr eigenem Blick auf das Geschehen. Großer Hang zu Zahlen, Statistiken und Datenbanken, wenn sie denn aussagekräftig sind. Ein Überbleibsel aus meinem Leben als Laborant und Techniker. Immer für ein gutes und/oder kritisches Gespräch zu haben.
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Matthias Stachelhaus

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