Lesetipps aus der Stadtbücherei: Einfühlsam, spannend und futuristisch

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Derzeit wird offenbar mehr gelesen. Deshalb haben wir heute das Leitungs-Duo der Stadtbücherei nach Büchertipps gefragt. Es ist eine bunte Mischung und etwas für jeden Geschmack dabei.

Lünen

, 07.06.2020, 09:02 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Leselust ist in Zeiten von Corona gestiegen. In der Stadtbücherei gibt es zahlreiche Bücher zum Ausleihen. Leiterin Beate Convent empfiehlt drei Bücher zu ganz unterschiedlichen Themen.

Roman spielt in Vergangenheit und Gegenwart

Schon in ihrem ersten Roman „Der Zopf“ hat Laetitia Colombani sich mit den Leben einzelner Frauen in besonderen Lebenslagen auseinandergesetzt, in „Das Haus der Frauen“ geht es nun um den sogenannten „Palais des Femmes“, ein Frauenhaus mitten in Paris, das in den 1920er Jahren von der Heilsarmee auf Betreiben von Blanche Peyron eröffnet wurde. Das Leben dieser Frau wird in Rückblenden erzählt. Sie erfährt, unter welchen Bedingungen vor allem alleinstehende Frauen in Paris nach dem 1. Weltkrieg leben müssen, und als sie von dem leerstehenden Gebäude erfährt, setzt sie alles daran, es kaufen zu können.

Die zweite Ebene spielt im heutigen Paris, wo die engagierte Anwältin Solène einen Burnout erleidet. Um danach in einen Alltag zurückzufinden, möchte sie sich ehrenamtlich engagieren und gelangt so als „öffentliche Schreiberin“ in den Palais des Femmes. Nach und nach bekommt Solène Einblick in die unterschiedlichsten Schicksale. Beate Convent: „Wie schon ,Der Zopf‘ ist auch ,Das Haus der Frauen‘ einfach wieder ein toller Roman, interessant, voller Empathie für alle Frauen.“ Laetitia Colombani: „Das Haus der Frauen“, Fischer, ISBN 978-3-10-390003-3.

Kein einfaches Thema

David Wagners „Der vergessliche Riese“ ist sicher keine locker-flockige Sommerferien-Lektüre, aber Beate Convent fand dieses Buch wunderschön. „Es ist kein einfaches Thema, dem sich der Roman widmet, es geht um die Demenzerkrankung seines Vaters. Er beschreibt den über Jahre hinweg fortschreitenden Prozess des Gedächtnisverlusts.“ Es geht um das Zusammensein des Sohnes mit dem Vater, dem David Wagner ebenso wie seine Geschwister lange Zeit entfremdet war. Beate Convent: „Es sind vor allem die Gespräche der beiden, die gemeinsam verbrachte Zeit, die gemeinsamen Erinnerungen, die geschildert werden, eher sachlich als emotional und die Gefühle des Autors bewusst aussparend. Aber gerade so gelingt es ihm, die Würde des Vaters zu bewahren und der Leser kann sich auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist – gemeinsam verbrachte Zeit.“ David Wagner: „Der vergessliche Riese“, Rowohlt, ISBN 978-3-498-0738-55.

Geschichte zweier Freundinnen

In „Erzähl mir was Schönes“ von Lioba Werrelmann geht es um Isabelle und Julia, Freundinnen seit dem Studium, Freundinnen, wie sie jedoch unterschiedlicher nicht sein können. Isabelle ist die Mutige. Jetzt ist sie an Brustkrebs erkrankt und möchte noch einen letzten Urlaub mit ihrer Freundin verbringen.

Julia, eher vorsichtig, unsicher und zurückhaltend, hat ein Haus in Brandenburg und ein Boot gemietet. Einiges bleibt zwischen den Freundinnen lange ungesagt. Als die Vergangenheit der beiden Frauen in Rückblicken immer wieder eingeblendet wird, zeigt sich, dass auch zu Studienzeiten nicht alles gut lief.

Nach Isabelles Tod hilft der Gedanke an ihre Freundin Julia ihr zu erkennen, was sie wirklich möchte. „Es ist ein toller Roman über zwei Frauen in den Vierzigern, über Freundschaft, Liebe und Trauer, der trotz des bedrückenden Themas leicht daher kommt und auch für Lebensfreude steht und Mut macht“, so die Büchereileiterin. Lioba Werrelmann: Erzähl mir was Schönes, Piper, ISBN 978-3-492-50303-7.

Die stellvertretende Leiterin der Lüner Stadtbücherei, Stina Brockhagen, hat sich für zwei Bücher entschieden, die ihr besonders gut gefallen haben.

Urkomisch und erschreckend realistisch

„Qualityland“ von Marc-Uwe Kling ist schon aus dem Jahr 2017, im Oktober erscheint der zweite Teil. Stina Brockhagen: „Qualityland zeigt eine nicht allzu ferne Zukunft oder eine nicht allzu ferne Gegenwart. Hier werden Wünsche erfüllt, die man selbst noch gar nicht bemerkt hat. Das läuft ganz automatisch über den persönlichen Assistenten auf dem Tablet.“ Hier tragen die Menschen die Berufsbezeichnung ihrer Eltern als Nachname (Wie der Protagonist Peter Arbeitsloser) und sind je nach ihrem Erfolgsstatus in Level unterteilt. Stina Brockhagen: „Der Autor der Känguru-Chroniken zeigt uns eine Welt, in der Rechtspopulisten gegen Androiden im Präsidentschaft-Wahlkampf antreten. Das Buch ist urkomisch und erschreckend realistisch.“ Ein Tipp für jeden, der wissen will, wofür wir einen öffentlich rechtlichen Rundfunk oder örtliche Einzelhändler brauchen. Marc-Uwe Kling: Qualityland, Ullstein, ISBN 978-3-550-0501-52.

Unterhaltsam und skurril

Die zweite Empfehlung ist gleich eine ganze Buchreihe (Die Flüsse von London) für Fans von skurriler Fantasy. „Fingerhutsommer“ von Ben Aaronovitch ist aus 2015 schafft es aber, die Stimmung eines viel zu heißen Sommers perfekt einzufangen, meint Stina Brockhagen. Anders als die anderen Bücher der Reihe spielt es nicht in London und sei deshalb auch gut als Einzelband zu lesen.

Police Officer Peter Grant unterstützt einige Kollegen auf dem Land, denn in der ruhigen Ortschaft sind zwei kleine Mädchen spurlos verschwunden. Bei den Ermittlungen stößt Grant schnell auf einiges „Abstruses“, immerhin gehört er bei der Metropolitan Police zur Einheit für magische Angelegenheiten. Die Reihe ist sehr unterhaltsam, aber auch hochgradig skurril. Zu empfehlen für Terry Prattchet/Neil Gaiman-Fans. Ben Aaronovitch: „Fingerhutsommer“, dtv, ISBN 978-3-423-21602-9.

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