Reporter Daniel Claeßen hat als "Fretful Father" mit einem Quarantäne-Fall in der Familie zu kämpfen. © Kristina Schröder / Montage Klose
The Fretful Father

Liebe Familie: Kinder in der Kita sind im Lockdown kein Tabubruch!

Muss man sich schämen, wenn man seine Kinder trotz Lockdown in die Kita bringt? Viele Familien scheinen das zu denken, und auch unser Autor fragt sich, was schlimmer ist: Kita oder Bordell?

Ich gebe zu: Ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt, ein Bordell zu besuchen. Also, ich kann mir denken, wie es sich im Etablissement anfühlt, bezogen auf die dort angebotenen Dienstleistungen. Aber der eigentliche Weg dorthin, von der Idee über die Anreise bis zum Eintritt, verschließt sich mir. Nicht, dass ich irgendwelche Absichten in diese Richtung hege. Aber mal ehrlich: Neugierig sind wir doch alle, oder?

Ich stelle es mir zumindest so vor, dass man ziemlich aufgeregt ist, weil man etwas tut, was nicht unbedingt den gesellschaftlichen Konventionen entspricht. Sicherlich schämt man sich auch ein wenig, ein anderer Teil der Persönlichkeit ist aber bestimmt auch ein kleines Bisschen stolz, dieses Abenteuer einzugehen. Nur erzählen wird man es wohl eher niemanden, denn das Wichtigste bei der ganzen Sache ist ja, dass einen niemand dabei sieht.

Ich vermute mal, dass es der Mehrheit der Menschen da so geht wie mir. Oder besser: So ging wie mir. Denn mit Beginn des Lockdowns haben vor allem Eltern exakt jene Gefühlsachterbahnen durchlebt, die ich gerade beschrieben habe. Nur haben sie kein Bordell besucht, sondern ihre Kinder in die Kita gebracht. Was in diesen Zeiten offenbar einem Tabu-Bruch gleichkommt, zumindest wenn ich den Gesprächen mit Familien glauben darf, die ich in den vergangenen Tagen und Wochen geführt habe. Die Gründe für diese Gespräche waren ganz unterschiedlich – sie alle kamen jedoch auf den gleichen Nenner: Dass die Eltern das Gefühl haben, sich dafür rechtfertigen zu müssen, die Kita-Betreuung in Anspruch zu nehmen.

„Hab ´nen Schädel, heute keine Erziehung“

Nun überlegen die wenigsten Mütter und Väter jeden Morgen aufs Neue, wie sie ihre Mitmenschen einem möglichst hohen Infektionsrisiko aussetzen können. Ebenso wenig fällt ihnen beim Zähneputzen ein, dass sie ja Kinder haben und jetzt noch schnell eine Betreuung brauchen. Und auch der Satz „Erziehung? Och nee, heute mal nicht, hab‘ noch nen Schädel vom Vorabend“ fällt in deutschen Schlafzimmern trotz teilweise dramatisch steigender Verkaufszahlen in den Getränkemärkten eher selten.

Halten wir doch erstmal fest: Die Politik hat auf allen Ebenen betont hat, dass Kitas und Schulen im Falle eines weiteren Lockdowns um jeden Preis geöffnet bleiben sollen. Wenn Eltern jetzt also die Betreuung in Anspruch nehmen, ist das erst einmal ihr verdammtes Recht. Und wenn der Deutsche eins kann, dann auf sein Recht beharren. Zu irgendwas muss der Konsum von 150 Folgen „Richterin Barbara Salesch“ ja schließlich auch gut gewesen sein.

Aber ganz unabhängig davon wird es sich jeder Elternteil sehr gut überlegen, ob er sein Kind in die Kita bringt oder nicht. Denn die Betreuung dort erhöht nicht nur das Infektionsrisiko der Erzieherinnen und Erzieher (deren Arbeit ich hier auch sehr gerne und ausdrücklich loben möchte), sondern bringt im Gegenzug natürlich auch die Gefahr, dass die Infektion in die eigene Familie getragen wird – wo sie von der abstrakten Bedrohung zu einem ganz konkreten und im schlimmsten Fall tödlichen Problem werden kann.

Wer also morgens mit dem Finger auf Eltern zeigt, die heimlich den Nachwuchs in die Kita schmuggeln, der sollte vielleicht darüber nachdenken, warum eine Familie vor diesem ernsten Hintergrund trotzdem ein solches Risiko eingeht. Dabei sei der Hinweis gestattet, dass Homeoffice ist immer noch Office ist. Das letzteres jetzt zuhause stattfindet, heißt nicht, dass dann auch die Kinder lustig über den Schreibtisch toben können. Die Hausarbeit wird im Lockdown nicht weniger, sondern mehr.

Handeln überdenken, Entscheidungen respektieren

Und nicht zuletzt bringt die gesamte Situation eine Familie an die Belastungsgrenze und darüber hinaus. Wenn man dann plötzlich abwägen muss zwischen einem erhöhten Infektionsrisiko für sich, die Kinder oder die Großeltern, und der Implosion des eigenen Lebens, das man eigentlich für die Erfüllung seiner Träume gehalten und das sich auch immer genauso angefühlt hat, fällt einem die Entscheidung plötzlich gar nicht mehr so schwer.

Fairerweise muss ich sagen, dass ich bisher hauptsächlich mit Familien gesprochen habe – und zum Beispiel nicht mit dem Kita-Personal, das womöglich ganz gute Gründe für eine andere Sicht der Dinge vortragen könnte. Am Ende läuft es auf etwas hinaus, das uns schon die gesamte Pandemie begleitet: Wir können es nur zusammen schaffen. Das bedeutet einerseits, dass wir unser Handeln vielleicht einmal öfter als üblich überdenken und auf mögliche Konsequenzen abklopfen sollten. Das heißt aber auch andererseits, dass wir solche Entscheidungen – und vor allem das Recht darauf – respektieren.

Meine Familie und ich haben es übrigens bis jetzt tatsächlich geschafft, auf die Kita im Lockdown zu verzichten. Allerdings haben die schönste Frau der Welt und ich nach vielen erfolgreichen Anstiegen bemerkt, dass wir diesen Berg vielleicht doch nicht ohne fremde Hilfe erklimmen können. Indikator dafür sind ausgerechnet unsere Kinder, denen die Isolation deutlich mehr zu schaffen macht als uns – und um deren Wohl es im Endeffekt als einziges geht, wie immer, seit sie in unser Leben gekommen sind. Und das kann nichts und niemand in Frage stellen.

So gesehen rechne ich damit, dass wir in nächster Zeit vielleicht diesen Kompromiss eingehen müssen – bei allen guten Absichten, die man glaubt zu haben. Und immerhin wüsste ich dann wie es ist, ein Bordell zu besuchen.

ZWISCHEN BESORGT UND VERÄRGERT

In seiner Kolumne „The Fretful Father“ schreibt Reporter Daniel Claeßen über Dinge, die ihn als Familienvater bewegen. Und auch wenn er die Probleme seiner Kinder stets ernst nimmt, ist hier nicht immer alles ernst gemeint. Der Titel der Kolumne ist angelehnt an das „Fretful Mother Magazine“ aus der Serie „Die Simpsons“. Womit auch klar ist, dass hier immer mal wieder das Kind im Manne durchkommt. Außerdem kann „fretful“ nicht nur „besorgt“, sondern auch „quengelig“, „weinerlich“ und „verärgert“ bedeuten – womit die Gefühlsspanne unseres Autors ziemlich gut abgebildet wird.

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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