Einen Lockdown für Autos gab es vor 47 Jahren: Damals sorgte die Ölkrise für autofreie Sonntage. In Lünen war auf den freien Straßen ein munteres Team auf dem Tandem unterwegs, auch Pferdestärken auf vier Beinen zogen durch die Stadt. © Montage Klose
Verzicht auf Ausflüge

Lockdown für Autos: Wie Lüner 1973 das Sonntagsfahrverbot erlebt haben

Hufegeklapper und ein Tandem auf autofreien Straßen in Lünen: Im November 1973 gab es während der Ölkrise an vier Sonntagen einen Lockdown für Autos. Lünerinnen und Lüner erinnern sich daran.

Das Wort Lockdown ist heute allgegenwärtig. 1973 wusste man zwar nichts von einer Pandemie, doch damals setzte die Ölkrise mit steigenden Benzinpreisen der Wirtschaft zu: Es gab einen Lockdown für Autos, allerdings beschränkt auf vier Sonntage im November und Dezember. Die Lüner mussten verzichten – auf ihre Sonntagsausflüge auf vier Rädern.

Marie-Lis Coenen war damals 35 Jahre alt und stolze Besitzerin eines VW Käfers mit dem Nummernschild LH X 48. „X 48 hieß damals eine Krimiserie“, erzählt die 82-Jährige. Dass die Lüner durch das Sonntagsfahrverbot zuhause bleiben mussten, war „ein kolossaler Einschnitt“, sagt Marie-Lis Coenen. Ihre Familie, darunter etliche Autofahrer, hätte zunächst erschrocken reagiert. Doch dann habe man das Beste daraus gemacht und mit Spaziergängen die autofreien Sonntage gefüllt. „Das Straßenbild war zwar etwas fremd, aber ich habe das damals nicht als belastend empfunden“. Coenen schlägt den Bogen zur momentanen Situation. Bei allem Bedrückenden habe es doch auch etwas Gutes, dass man mal nicht durch einen vollen Terminkalender gehetzt sei.

Von einem Bild des Friedens berichten die Ruhr Nachrichten Lünen vor 47 Jahren nach dem ersten autofreien Sonntag am 25. November. Ein Foto zeigt acht Männer, die die freie Fahrbahn zu einem Ausflug auf einem Tandem nutzen. Auf einem weiteren sind Pferdestärken auf vier Beinen unterwegs. Die Polizei hat damals kontrolliert. Einige Pkw waren dennoch unterwegs. Bis auf einen hatten sie allerdings eine Sondergenehmigung. Die gab es für Rettungskräfte und Polizei, aber auch bei schwerer Erkrankung oder für ärztliche Versorgung. Der Fahrer ohne Genehmigung kassierte eine Anzeige.

Fahrradkauf auf die letzte Minute

Auf die letzte Minute hätten sich laut Zeitungsbericht noch einige am Samstag vor dem ersten autofreien Sonntag bei der Firma Bäcker in Lünen-Süd ein Fahrrad besorgt. Die Tankstellen hätten am Samstag wenig zu tun gehabt, die Gastwirtschaften am autofreien Sonntag dafür umso mehr. Während die Kneipe um die Ecke guten Besuch verzeichnete, hätten die Ausflugsgaststätten auf Cappenberg und der näheren Umgebung eine „totale Pleite“ erlebt. Einer kündigte für den darauffolgenden Sonntag die Schließung an, denn von ein paar Radfahrern könne man nicht leben. Voll sei es in Bussen und Zügen gewesen, auch Taxifahrer hätten gut zu tun gehabt.

Einige Lüner sind damals zum Fahrverbot befragt worden: Generalmusikdirektor Hubert Reichert sah in dem autofreien Sonntag ein Problem für das kulturelle Leben. „Die Veranstalter müssen die Termine auf samstags vorverlegen, weil sie die Bequemlichkeit des Publikums fürchten“, wird er zitiert. Ingenieur Wilhelm Schilling beleuchtete die technische Seite: „Ich empfehle, neben dem Fahrverbot auch darauf hinzuweisen, dass die Wagen zur Inspektion in die Werkstätten kommen. Durch richtig eingestellte Vergaser u. ä. würde mindestens noch einmal so viel Benzin eingespart.“ Architekt Karl Marek äußerte eine vorausschauende Sicht: „Das System der totalen Mobilität und die damit verbundene Ausbeutung der Energiereserven wird endlich konsequent in Frage gestellt. Den Mädchen und Frauen ist eine Änderung der Schuhmode zu gönnen.“

Zu Fuß unterwegs in die Kirchengemeinde

Welche Schuhmode die Frau von Friedhelm Schäfer, Vorsitzender des Lüner Automobilclubs (LAC), damals trug, ist zwar nicht überliefert. Der 76-Jährige erinnert sich allerdings daran, dass sie am autofreien Sonntag mit einer Freundin zum Weihnachtsmarkt der Kirchengemeinde zu Fuß unterwegs gewesen sei. Schäfer habe derweil zuhause Waffeln gebacken und zu viel Teig in das Eisen gefüllt. Sein BMW 1802 musste an dem Sonntag in der Garage bleiben. Schwer gefallen sei ihm der Autoverzicht aber nicht.

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Redaktion Lünen
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Magdalene Quiring-Lategahn

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