Loveparade: Warum der Prozess letztlich ins Leere lief

mlzMeinung am Mittwoch

In „Meinung am Mittwoch“ haben Gastautoren das Wort. Sie beleuchten Themen, die ihnen wichtig sind. Vanessa Bliecke geht es um den Loveparade-Prozess und die menschliche Verantwortung.

von Vanessa Bliecke

Lünen

, 27.03.2019, 11:54 Uhr / Lesedauer: 2 min

Für viele Angehörige und Opfer muss es ein Schlag ins Gesicht gewesen sein – nach 101 Verhandlungstagen soll der Loveparade-Prozess für sieben der insgesamt zehn Angeklagten eingestellt werden. Die Empörung ist berechtigt und verständlich.

Nachdem der Prozess über fast acht Jahre hinweg überhaupt nicht eröffnet wurde, Ermittlungen sich enorm lang hinzogen haben und öffentlich auf teils sehr fragwürdige Weise auf die Katastrophe von 2010 reagiert wurde, muss die Frustration bei den Angehörigen und Opfern bereits zu Prozessbeginn groß gewesen sein. Ich weiß allerdings nicht, ob die Eröffnung des Prozesses wirklich ein geeignetes Mittel war, um dieser Frustration zu begegnen.

Vanessa Bliecke.

Vanessa Bliecke. © Magdalene Quiring-Lategahn

Vanessa Bliecke ist Jura-Studentin und Gastautorin bei „Meinung am Mittwoch“.

Nach meinen persönlichen Eindrücken war das Prozessgeschehen vor allem von großen Erinnerungslücken, zahlreichen Prozesshürden und dem zwar ambitionierten aber doch fast aussichtslos wirkenden Streben geprägt, die enorme Komplexität rund um die Loveparade 2010 auf strafrechtliche Konstrukte herunterzubrechen. Auf eins jedoch habe ich während des Prozesses vergeblich gewartet: Die tatsächliche Übernahme von Verantwortung. Und damit meine ich bewusst keine strafrechtliche Verantwortung, denn die kann sehr wahrscheinlich, wie sich mit der Einstellung angedeutet hat, für viele der Angeklagten nicht zweifelsfrei festgestellt werden.

Opfer und Angehörige wollen Antworten auf ihre Fragen

Mir geht es um menschliche Verantwortung und das ist etwas, was ein Strafprozess vielleicht nicht leisten kann und auch gar nicht leisten soll – vor allem nicht nach so langer Zeit. Ich verstehe die Opfer und Angehörigen, die Antworten auf ihre Fragen fordern und ich verstehe auch den Wunsch, jemanden für das, was ihnen widerfahren ist, auf der Anklagebank sitzen zu sehen. Ich verstehe aber auch einige der Angeklagten, die sich zu Unrecht mit einem Prozess konfrontiert sehen, dem sie mehrmals wöchentlich beiwohnen müssen und der sie öffentlich diffamiert, obwohl sie keine oder sehr geringe individuelle Schuld für sich sehen.

Kollektives Versagen

Letztlich glaube ich, dass der Prozess ins Leere lief. Zum einen aus zeitlichen Gründen. Vor allem aber aufgrund von kollektivem Versagen vor, während und insbesondere auch nach der Loveparade. Nicht nur juristisch und politisch, sondern vor allem menschlich.

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