„H2“ (Wasserstoff) steht auf einer Tankklappe eines Brennstoffzellen-Fahrzeugs © dpa
Umwelttechnologie

Lünens Wirtschaftsförderung treibt Umbau zur Wasserstoff-Region voran

Wasserstoff ist seit 100 Jahren ein wichtiger Rohstoff der Chemieindustrie. Heute jedoch ist er mehr und mehr als Energieträger gefragt. Davon sollen die Region und speziell Lünen profitieren.

Anfang Dezember hielt Rolf Martin Schmitz, Vorstandschef des gut 120-jährigen traditionsreichen Energiekonzerns RWE (Essen/Dortmund), einen vielbeachteten Vortrag vor der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer zu Dortmund (IHK). Das Ganze fand in Zeiten von Corona natürlich im virtuellen Rahmen statt – per Videokonferenz und ohne Schnittchen.

Die wichtigste Botschaft des Top-Managers an diesem Abend lautete:

„Erneuerbare Energien und Wasserstoff, das sind die Schlüssel der Energiewende. In beiden Bereichen ist RWE hervorragend aufgestellt. Wir gehören zu den weltweit führenden Anbietern von erneuerbaren Energien und treiben die Wasserstofftechnologie in 30 Projekten beherzt voran. Davon kann auch die Industrie im Ruhrgebiet auf ihrem Weg zur Dekarbonisierung profitieren.“

RWE-Vorstandschef Rolf Martin Schmitz
RWE-Vorstandschef Rolf Martin Schmitz © dpa © dpa

Genau dieses Ziel verfolgt auch das Wirtschaftsförderungszentrum Lünen (WZL) mit Geschäftsführer Eric Swehla an der Spitze.

Vor dem Hintergrund von Steinkohleausstieg, Energie- und Klimawandel sei absehbar, dass sich Wasserstoff (H2) langfristig zum Hauptenergieträger entwickeln werde. „Das liegt an der regenerativen Herstellbarkeit, der Verfügbarkeit ausreichender Speichermöglichkeiten und der universellen Nutzbarkeit“, sagte Eric Swehla am Montag (14. Dezember) im Gespräch mit unserer Redaktion.

Mit Unterstützung der IHK zu Dortmund und auch der Wirtschaftsförderung Kreis Unna (WFG) arbeitet das WZL an dem Wasserstoffprojekt H2-Power-Ruhr-Ost, von Swehla gerne auch als das WZL-„Flagschiffprojekt“ bezeichnet. Daran beteiligt sind neben Lünen die vier Kommunen Werne, Selm, Kamen und Bergkamen.

Lünens Wirtschaftsförderer Eric Swehla erkennt einen Aufwärtstrend für die Wirtschaft in der Lippestadt. © Linnhoff © Linnhoff

Das Projekt sehe vor, sagte Swehla, ehemalige Standorte von Steinkohlekraftwerken im Kreis Unna zu Wasserstoff-Modell-Standorten zu entwickeln und langfristig einige tausend Arbeitsplätze zu schaffen:

„Das heißt, Herstellung, Speicherung, Verteilung sowie stationäre und mobile Anwendungen sowie die Umrüstung auf Wasserstoff-Antriebe werden initiiert und weiterentwickelt, um Know-how für die Alltagstauglichkeit von Komponenten, Anlagen und Prozessen zu erschließen.“

Anders ausgedrückt, so Swehla: „Wir wollen die ganze Wertschöpfungskette für Wasserstoff abbilden – übrigens einschließlich der Qualifizierung der dringend benötigten Fachkräfte.“ Wobei das Projekt nach Angaben des Wirtschaftsförderers auf den „ganzen Nordkreis und die Region abzielt“.

In Lünen schwebt Swehla die Errichtung und Etablierung eines Wasserstoff-Gewerbegebietes mit Schwerpunkt auf „Grünen Technologien“ und Anwendungen vor. Stellt sich die Frage, wo in Lünen für ein solches Gewerbegebiet Platz ist. Bekanntermaßen sind Gewerbeflächen in der Lippestadt Mangelware.

Das könnte sich in dem Moment ändern, wenn die Stadt den Zuschlag bei der zum Verkauf stehenden Caterpillar-Fläche in Lünen-Wethmar oder dem zum Verkauf stehenden Nordteil der Steag-Fläche an der Moltkestraße erhalten würde. Wie von unserer Redaktion exklusiv berichtet, will die Stadt beide Flächen kaufen. Lünens Wirtschaftsförderer Eric Swehla machte dazu auf Nachfrage keine Angaben.

Vielmehr erklärte er, dass an dem Wasserstoffprojekt H2-Power-Ruhr-Ost das „Who is Who“ der Energiewirtschaft beteiligt sei. Unternehmens-Namen wie RWE zum Beispiel nannte Eric Swehla keine:

„Was ich sagen kann ist, dass wir Bus- und LKW-Hersteller, verschiedene Ingenieurbüros und Forschungseinrichtungen und Hochschulen mit an Bord haben.“

Umrüstung von Bussen und LKW

Apropos Busse und LKW: Hier tut sich in Zukunft ebenso wie bei den in die Jahre gekommenen und vor allem klimaschädlichen Schiffsdieseln ein Riesenmarkt auf. „LKW und Busse werden langfristig auf Wasserstoff umgerüstet: Wir haben berechtigte Hoffnung, auf einer Fläche in Lünen eine darauf spezialisierte Unternehmung ansiedeln zu können, gleichwohl ist der Wettbewerb um derartige Ansiedlungen hart und die Konkurrenz ist groß.“

Klingt alles gut und schön, aber wie sieht die Finanzierung des WZL-Flagschiffprojektes und damit dessen Realisierungschance aus?

„Das ist natürlich ein Marathonlauf. Aber wir gehen davon aus, dass im ersten Quartal 2021 erste Entscheidungen über Zuwendungen fallen, und dass im zweiten Quartal dann Fördergelder fließen.“

Konkurrenz schläft nicht

Darüber entscheiden laut Eric Swehla diverse Gremien, unter anderem der Strukturstärkungsrat sowie der wissenschaftliche Beirat, in dem die vom Kohleausstieg betroffenen Regionen, die Business Metropole Ruhr und das NRW-Wirtschaftsministerium und die Kammern vertreten sind:

  • Das Kohleausstiegsgesetz sieht vor, die Kohleverstromung schrittweise zu verringern und bis spätestens Ende 2038 ganz zu beenden.
  • Konkret bedeutet dies: Bis zum Jahr 2022 wird der Anteil der Kohleverstromung durch Stein- sowie Braunkohlekraftwerke auf jeweils rund 15 Gigawatt reduziert.
  • Bis 2030 sind weitere Reduktionen auf rund acht Gigawatt-Leistung bei den Steinkohlekraftwerken und neun Gigawatt-Leistung bei den Braunkohlekraftwerken vorgesehen.
  • Für das Ziel, aus den Kohleregionen zur selben Zeit Zukunftsregionen zu machen, will der Bund den Strukturwandel bis 2038 mit bis zu 40 Milliarden Euro unterstützen.

„Wir haben zwar noch keinen Zuschlag bekommen, wir sind mit dem Wasserstoff-Projekt aber durchaus positiv bewertet worden.“ Schließlich konkurrierten mehrere Kommunen im Ruhrgebiet um die Finanzspritze in Millionenhöhe, die sich aus Geldern des Kohleausstiegs- und Strukturstärkungsgesetz der Bundesregierung speist.

Wie viel Geld im günstigsten Fall am Ende des Tages in Lünen und in der Region landet, hängt vom Kreis Unna ab. Die Lippestadt selbst, sagte Swehla, sei als kreiszugehörige Stadt nicht unmittelbar förderberechtigt, „das ist nur der Kreis Unna, und mit dem kämpfen wir im Schulterschluss für den Umbau zur H2-Modellregion“.

Über den Autor
Redaktion Lünen
Jahrgang 1968, in Dortmund geboren, Diplom-Ökonom. Seit 1997 für Lensing Media unterwegs. Er mag es, den Dingen auf den Grund zu gehen.
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Torsten Storks

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