Lüner Ehepaar will Pflegekind aufnehmen und ihm eine Zukunft geben

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Wenn ein Kind wegen Vernachlässigung oder Misshandlung aus einer Familie geholt wird, braucht es meist dringend eine neue Geborgenheit. Lünen sucht Personen, die bereit sind, diese zu geben.

von Kristina Gerstenmaier

Lünen

, 01.09.2019, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein kleines Häuschen inmitten von Feldern und Wiesen. Ein weitläufiger Garten mit Rutsche, Schaukeln und Kinderhäuschen. Bienen, 17 Schafe, einige Hühner, mehrere Katzen, ein Hund. Und eine (bisher) vierköpfige Familie. „Wir wären ja schön doof, wenn wir den Platz, den wir haben, nicht nutzen würden. Ich liebe es, wenn der Tisch voll ist“, sagt Kathrin Höfer (Namen der Familie von der Redaktion geändert, um die Pflegekinder zu schützen). Gemeinsam mit ihrem Mann Peter (38) möchte die 36-Jährige gerne ein Pflegekind bei sich aufnehmen. Derzeit durchläuft die Familie das Bewerberverfahren des Lüner Jugendamts. „Wir wollten immer drei Kinder“, erzählt die zweifache Mutter. Weil aber die Schwangerschaften schwierig waren und die Geburten Kaiserschnitte, möchte Kathrin Höfer kein eigenes Kind mehr austragen. „Es gibt ja auch Kinder, die ein Zuhause suchen“, ergänzt Peter.

„Man wird zu einer öffentlichen Familie“

Schon vor einigen Jahren meldeten sich die beiden zum ersten Mal beim Jugendamt. Da sie damals aber noch inmitten des Ausbaus der alten Scheune, in der sie leben, steckten, bat man sie, wiederzukommen, wenn denn alles, vor allem das Zimmer für das Pflegekind, fertig wäre. Seit Anfang des Jahres ist der langwierige Prozess angelaufen. Gespräche, Hausbesuche, ein ärztliches Gutachten, das körperliche und seelische Gesundheit bescheinigt, ein erweitertes Führungszeugnis und eine Schulung, gehören zum Bewerberverfahren. Dazu ein umfangreicher Fragebogen, bei dem es um Hobbys, wirtschaftliche Situation, frühere Ehen oder Charaktereigenschaften geht. Außerdem werden genaue Vorstellungen von dem Pflegekind abgefragt - das Ehepaar Höfer möchte seinem eigenen Nachwuchs zuliebe kein aggressives Kind aufnehmen - sowie die persönliche Lebensgeschichte in einem Text. „Man wird dadurch von jetzt auf gleich zu einer öffentlichen Familie“, so Peter Höfer.

Kinderpflegedienst der Stadt Lünen

  • Im Rahmen des Pflegekinderdienstes Lünen werden 2019 155 Pflegekinder durch 120 Dauerpflegestellen betreut. Außerdem gibt es etwa 20 Bereitschaftspflegestellen. Hinzu kommen etwa 25 Fälle, bei denen die Fallzuständigkeit im Jugendhilfedienst liegt.
  • Diese Kinder leben nicht immer in Lünen, sondern können auch über die Stadtgrenze hinaus betreut werden: Der Pflegekinderdienst Lünen betreut aktuell etwa 20 Kinder für andere Kommunen, während auf der anderen Seite etwa 30 Kinder aus Lünen durch andere Jugendämter betreut werden.
  • In Heimeinrichtungen leben 2019 durchschnittlich 110 Kinder.

Bewerber, die zum Beispiel den Eindruck erwecken, sie hielten die Pflegetätigkeit für eine Möglichkeit, leicht viel Geld zu verdienen, haben keine Chance. „Diese Aufgabe erfordert sehr viel Engagement und Herzblut“, sagt Nicola Kortländer, Sozialarbeiterin im städtischen Pflegekinderdienst. „Ich glaube, so viel Geld könnten wir gar nicht zahlen, wie es wert ist, ein Kind aufzunehmen. Das ist mehr eine Aufwandsentschädigung.“ Das Ehepaar Höfer ist überzeugt: „Wahrscheinlich kostet das Kind viel mehr, als der Verdienst ist. Wir wollen einfach einem Kind die Möglichkeit geben, hier aufzuwachsen.“

Wertschätzung und auf alles gefasst zu sein sind Grundvorraussetzung

22 Bewerber saßen gemeinsam mit Kathrin und Peter Höfer fünf Wochen lang immer dienstags im Schulungsraum des Jugendamtes, ließen sich Informationen zum Prozedere vermitteln und legten die eigene Motivation dar. Ein Schwerpunkt der Schulung war, den Bewerbern zu vermitteln, der so genannten Ursprungsfamilie während der Besuchskontakte mit Wertschätzung zu begegnen. Ein anderer darauf, dass die Kinder eine spezielle Vergangenheit haben. Vernachlässigung, Misshandlungen, Krankheiten, Traumata oder Schädigungen, zum Beispiel ausgelöst durch Alkohol in der Schwangerschaft. Es sind Kinder, die meist nicht wissen, was Familienleben bedeutet.

„Ich glaube die Eltern sind da schon ganz gut drauf vorbereitet“, sagt Nicola Kortländer. Sie und ihre drei Kolleginnen haben einen Blick dafür, wem man was zutrauen kann. „Wir haben kaum Abbrüche, es kommt höchst selten vor, dass ein Kind die Familie vorzeitig wieder verlässt“, sagt ihre Kollegin Michaela Väth. „Ich glaube das steht und fällt alles mit unserer Begleitung.“ Die vier Mitarbeiterinnen seien immer ansprechbar. Es gibt regelmäßige Gruppentreffen, Supervisionen und auch Fortbildungen.

Stadt sucht Bereitschaftspflegepersonen

Wie die Familie Höfer möchten die meisten der Bewerber gerne Dauerpflegeeltern, in Abgrenzung zur Bereitschaftspflege, werden. „Eine kurzzeitige Pflege wäre schwierig für unsere eigenen Kinder“, erklärt Peter Höfer. „Die Angst, das Kind könnte wieder rausgenommen werden, hat uns viele schlaflose Nächte beschert. Wir wollen schon was Dauerhaftes.“

Im Bereich der Dauerpflege hielten sich Kinder auf der Suche nach einer Familie und Bewerber einigermaßen die Waage, sagt Michaela Väth. Aktuell gibt es etwa 120 Dauerpflegestellen in Lünen, die sich um 155 Pflegekinder kümmern. Dringend gesucht werden aber Menschen, die Bereitschaftspflegeeltern werden wollen, um die bereits tätigen 20 nicht zu sehr zu belasten, ihnen Pausen zu gönnen und flexibler zu sein. In die Bereitschaftspflege kommen Kinder direkt nachdem sie von den Mitarbeitern des Jugendamts in Obhut genommen wurden. Dort bleiben sie bis das gerichtliche Verfahren über ihren Verbleib abgeschlossen ist. „In der Bereitschaftspflege gehen sie quasi durch eine Diagnostik. Während dieser Zeit kann man das Kind richtig kennenlernen“, erklärt Michaela Väth. Das sei Wissen, das den anschließenden Dauerpflegeeltern mitgeteilt werden kann.

Bei Familie Höfer steht jetzt im Anschluss an die Schulung, das letzte Gespräch mit den Sozialarbeiterinnen noch aus. Im Haus ist das Zimmer für den Familienzuwachs schon vorbereitet. „Bei uns herrschte in der Vergangenheit viel Chaos, jetzt sind wir auf alles vorbereitet“, sagt Kathrin Höfer schmunzelnd.

Gut zu wissen

Anforderungen an die Pflegeeltern

  • Bewerben kann sich jede/r unabhängig davon ob verheiratet, in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft lebend, alleinstehend, mit oder ohne eigene Kinder.
  • Zwischen Pflegeeltern und -kindern sollte ein natürlicher Eltern-Kind-Altersabstand liegen.
  • Ein Elternteil sollte nicht oder nur eingeschränkt berufstätig sein, damit immer ein Elternteil beim Kind ist. Trotzdem muss die finanzielle Situation gesichert sein.
  • Die Eltern müssen so gesund sein, dass sie die Pflege voll ausüben können (Gesundheitszeugnis)
  • Vorstrafen: Die Eltern müssen ein erweitertes Führungszeugnis, aus dem auch Sexualstraftaten hervorgehen, vorlegen.
  • Eigene Kinder: Die Kinder der Pflegeeltern müssen mit der Aufnahme des Pflegekindes unbedingt einverstanden sein. Diese Bereitsschaft wird in persönlichen Gesprächen abgefragt.
  • Persönliche Eignungskriterien: Pflegepersonen müssen eine besondere Feinfühligkeit sowie ein Engagement für das Kind aufweisen. Auch das wird vorab geprüft.


So wird ein Kind zum Pflegekind

„Kinder geraten in ihren Familien in Not, wenn ihre Eltern es nicht schaffen, ein Minimum an Versorgung und liebevoller Zuneigung zu leisten“, heißt es in einer vom Verein Pflege- und Adoptivfamilien NRW herausgegebenen Broschüre. „Diese Eltern sind oft selbst traumatisiert, und deshalb zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. (...). In der Regel erhielten die Eltern schon lange Zeit Hilfen des Jugendamtes, ohne dass es gelang ihre Erziehungsarbeit nachhaltig zu verbessern.“
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