Unbezahlte Rechnungen, kein Geld für die Miete und ein leerer Kühlschrank: eine ausweglose Situation. Ein Mann aus Lünen hat uns erzählt, wie sich das anfühlt - und wie er entkam.

Lünen

, 10.01.2019, 05:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Es war ein langer und schwieriger Weg“, sagt Stefan Gold (Name von der Redaktion geändert). Er dauerte sechs Jahre, er forderte viel Disziplin, einiges an Entbehrungen und hat ihn oftmals an seine persönlichen Grenzen gebracht. Trotzdem sagt er: „Ich bin froh, dass ich ihn gegangen bin.“ Denn nun steht der 58-Jährige am Beginn eines neuen Lebens, das vor allem eines ist: schuldenfrei. Damit war vor 20 Jahren nicht unbedingt zu rechnen.

Andererseits: Wer rechnet schon damit, dass er in der Schuldenfalle landet? Stefan Gold tat es jedenfalls nicht. Er verdiente gut, sein Jahreseinkommen betrug 70.000 Euro. Urlaub, Möbel, Auto - alles selbstverständlich. Die Tochter braucht ein neues Jugendzimmer? Kein Problem. Der Kühlschrank ist immer voll, und wenn nicht, geht man halt aus.

Erster Schritt in Richtung Schulden

Das alte Leben von Stefan Gold endete im Jahr 1999. „Aus gesundheitlichen Gründen musste ich in Rente gehen“, erinnert er sich. Damals ist er 39 Jahre alt. Zwölf Monate später folgt ihm seine Frau in den Ruhestand. Zusammen kommen sie auf 3300 Euro pro Monat - eigentlich eine Summe, von der eine dreiköpfige Familie gut leben kann. Und das ganz ohne Arbeit. Während viele Menschen um die 40 womöglich genau davon träumen, sagt Stefan Gold rückblickend: „Das war eigentlich schon der erste Schritt in Richtung Schulden.“

Doch dann kamen mehr und mehr Kosten, und irgendwann haben wir den Überblick verloren.
Stefan Gold

Denn sein früheres Einkommen lag deutlich höher, was sich auch in seinem Lebensstandard widerspiegelte. „Den will man natürlich halten.“ Stefan Gold versuchte es mit Aktien: Er legte einen Teil seines Geldes in Wertpapieren an. „Dann kam ein Börsencrash, und die Aktien haben teils dramatisch an Wert verloren.“ Sein Leben hingegen blieb unverändert teuer. „Also habe ich eines Tages das gemacht, was man eigentlich nicht tun sollte: Geld aus den Papieren genommen.“ Schritt zwei auf dem Weg in die Schulden.

Sabine Otto ist Schuldnerberaterin bei der Stadt Lünen. Gemeinsam mit ihren zwei Kolleginnen hatte sie allein im Jahr 2017 in der Lippestadt 2920 sogenannte Beratungskontakte. Stefan Gold gehörte da schon zu den 338 Fällen, die in die Kategorie Langzeitberatung fallen. Seine Entwicklung sei eine „typische Geschichte“, wie sie sagt: „Man hat Pläne, sicher auch als Familie, und dann kommt ein plötzlicher Schicksalsschlag - in diesem Fall die Krankheit, die ihn in die Rente gezwungen hat.“ Diese neue Situation anzunehmen und sich einzugestehen, dass man die eigenen Pläne nicht aufrecht erhalten kann, sei eine enorm hohe Hürde - weshalb die psychosoziale Beratung auch eine wichtige Komponente in ihrem Berufsalltag darstelle.

Lieber Schulden, als nicht Teil der Gesellschaft zu sein

Stefan Gold nahm die Situation erst einmal nicht so an, sondern leistete sich ein neues Auto. „Das war damals halt nötig, und wir dachten, dass wir die Finanzierung zu zweit schon stemmen können.“ Das klappte auch eine Zeit lang ganz gut. „Doch dann kamen mehr und mehr Kosten, und irgendwann haben wir den Überblick verloren.“ Einen radikalen Wandel vollzog die Familie dennoch nicht. „Wir wollten ja so weiterleben wie bisher.“

Konsumieren wollen - für Sabine Otto ein Hauptgrund für den Abstieg in der Schuldenspirale. „Wer nicht an der Konsumgesellschaft teilnimmt, der bleibt außen vor.“ Bei Jugendlichen seien Handyverträge hier oft die „Einstiegsdroge“, um dabei zu sein: „Ein Handy für einen Euro - da schlagen viele zu, ohne zu bedenken, was das an Folgekosten bedeutet.“ Die Schuldnerberatung geht präventiv in die Schulen und informiert über Gefahren solcher Verträge - doch nicht immer findet sie bei den Jugendlichen Gehör.

Stefan Gold hörte auch lieber auf die Bank, die ihm Anfang 2008 ein Angebot zur Umschuldung machte - gleiche Schulden, aber geringerer Zinssatz. Schritt drei auf dem Weg nach unten, und in seinen Augen ein entscheidender: „Ich habe den Vertrag alleine unterschrieben.“ Als sich seine Ehefrau Mitte 2008 von ihm trennte, „musste ich den Kopf alleine hinhalten“ - und anschließend von seiner Rente nicht nur die bestehenden Schulden, sondern auch noch Unterhalt abstottern.

Letzter Ausweg: Privatinsolvenz

Auch wenn ihm da schon dämmerte, dass die Rechnung womöglich nicht ganz aufgehen könnte, dauerte es noch weitere vier Jahre, ehe ihn eine Bekannte und sein Bruder überredeten: „Sie sagten mir, ich müsse jetzt zur Schuldnerberatung gehen. Ohne wenn und aber.“ 2012 traf Stefan Gold dann auf Sabine Otto, von der er heute sagt: „Bei ihr war ich wirklich gut beraten.“ Auch wenn sie ihm zwangsläufig erst einmal den letzten Schritt abwärts offenbaren musste: „Privatinsolvenz.“

Die Schuldnerberatung der Stadt Lünen exisitiert seit 1985. Eine Beratung ist kostenlos, die Einleitung eines Insolvenzverfahrens kostet zwischen 20 und 30 Euro. Das Beratungsangebot umfasst unter anderem eine Einnahmen- und Ausgabenanalyse, Prüfung auf Ansprüche sozialer Leistungen, die Ausarbeitung von Zahlungsplänen und die Durchführung eines außergerichtlichen Einigungsversuchs. Finanziert wird das Angebot durch die Stadt Lünen, den Kreis Unna sowie durch den Sparkassen- und Giroverband.

In seinem Fall war schlichtweg nicht mehr viel zu retten, sagt die Schuldnerberaterin: „Hier war die Insolvenz die letzte verbleibende Möglichkeit.“ Das müsse nicht immer so sein, betont sie - grundsätzlich starte alles mit einer offenen Schuldnerberatung. „Jeder Fall ist individuell, entsprechend suchen wir nach passenden Lösungen für jede Situation. Und wenn wir eines nicht machen, dann sind das Schnellschüsse.“ Es sei wichtiger, in Abschnitten zu denken und sich Stück für Stück der Lösung zu nähern. Bei Stefan Gold hatte die Privatinsolvenz hingegen vor allem einen Vorteil: „Das Finanzielle war erst einmal geregelt, so dass er sich anderen Problemen widmen konnte.“ Zum Beispiel dem Alkohol.

Denn wie so oft kam auch hier das eine zum anderen. „Ja, ich habe viel getrunken, und mit der Zeit wurde es immer mehr“, gibt er heute unumwunden zu. Der Alkohol sei seine Antwort auf die neue Situation gewesen. „Früher war ich 13 Stunden am Tag arbeiten. Plötzlich saß ich den ganzen Tag zuhause. Und ganz ehrlich: Wenn du deine Frau sonst nur vier Stunden am Tag siehst und nun auf einmal sämtliche Zeit mit ihr verbringst, stellt das deine Beziehung auch auf eine harte Probe.“

Die Ehe hielt dieser Probe ebensowenig Stand wie Stefan Gold der neuen Situation in der Insolvenz. „Die ersten Jahre waren wirklich hart. Man fühlt sich schon ein wenig wie ein Mensch zweiter Klasse.“ Denn die Unabhängigkeit ist dahin, der Insolvenzverwalter kümmert sich um die Einkünfte. „Man hat einen bestimmten Betrag zur Verfügung, und davon muss man leben. Entweder, der Kühlschrank bleibt irgendwann leer - oder man spart an anderen Stellen.“

„Ich bin ja nicht der einzige“

Zunächst behielt Stefan Gold seine Situation für sich. „Man bindet ja niemandem auf die Nase, dass man gerade in der Insolvenz steckt.“ Doch es gibt natürlich neugierige Menschen und auch Freunde, die nachbohren. Und dann sind da noch die Gäste in der Stammkneipe, die sich wundern, wenn man plötzlich nicht mehr mittrinkt. „Irgendwann war es mir dann auch egal. Und ich bin ja auch beim besten Willen nicht der einzige in dieser Situation.“

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Sich einzugestehen, dass man es alleine nicht schafft und Hilfe braucht, sei eine sehr schwere Entscheidung, sagt Sabine Otto. „Aber wenn man sie getroffen hat, dann gibt es auch einen Ausweg.“ So wie für Stefan Gold, der nach dem Entzug 2017 nun, im Januar 2019, einen weiteren Erfolg feiern darf: Er ist raus aus den Schulden. „Das erste Mal seit vielen Jahren, dass ich wieder etwas freudiger nach vorne schaue.“

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