Die letzte Ratssitzung fand im November 2020 statt, als der neu gewählte Rat das erste Mal zusammentrat. Wegen der Corona-Krise werden viele Entscheidungen jetzt im Haupt- und Finanzausschuss gefasst. © Goldstein
Meinung

Meinung: Koste es, was es wolle, die Musikschullehrer müssen unterrichten

Nach einer Menge Lärm um die Musikschullehrer beim Ordnungsamt hat der Rat die Stadt zurückgepfiffen. Das war längst überfällig findet unsere Autorin.

Peinlich, dass man sowas überhaupt beschließen muss, war mein erster Gedanke. Der Rat hatte soeben beschlossen, die Lüner Musikschullehrer nicht mehr als Maskenhüter in der Pandemie einzusetzen, sondern sie zurück hinter die Notenständer zu lassen. So weit hätte es gar nicht kommen dürfen.

Bürgermeister Jürgen Kleine-Frauns machte seinen Standpunkt direkt zu Beginn in aller Vehemenz deutlich: „Ich kann nicht auf die Musikschullehrer verzichten“. Das war keine Liebeserklärung an den Kulturbetrieb. Die Stadt habe einfach kein Geld für neues Personal. Klatsch, das hatte gesessen: ein Totschlagargument – dachte der Bürgermeister. Gut, dass sich der Rat davon nicht beeindrucken ließ. Das, was Johannes Hofnagel von der GFL berichtete, kannten auch alle anderen: Beschwerden von Eltern, traurige Kinder und frustrierte Musikschullehrer. Die Leserbriefspalten waren voll davon.

Die Situation ist verständlich. Musikschullehrer widmen sich tagtäglich der Vermittlung von Musik und all ihren Werten. Der Zusammenhalt in einem Orchester, die Disziplin zur Übung, aber auch die Hingabe zum Spiel. Stattdessen steht ein Trompetenlehrer in der Fußgängerzone und weist Leute auf die Maskenpflicht hin, oder eine Gesangslehrerin geht von Tür zu Tür und kontrolliert Quarantäne Anordnungen. Hofnagel formulierte es noch höflich: „Das ist nicht die Kernkompetenz der Musikschullehrer.“

Kompromiss, Konsens, Abstimmung

Was dann folgte, war eine Kompromissbildung, wie sie im Bilderbuch steht. Um die Musikschullehrer vom Ordnungsdienst zu befreien, schlug die GFL vor, Geld für Ersatzkräfte zur Verfügung zu stellen. Die SPD schloss sich an und wies auf die vielen Arbeitskräfte hin, die durch die Schließungen der Gastronomie sowieso ohne Anstellung seien.

Der CDU Fraktionsvorsitzende Christoph Tölle sorgte sich um den Bestand der Musikschule: „Wir laufen so Gefahr, die Einrichtung langfristig zu verlieren.“ Die CDU wolle auch die Stadtbücherei wieder öffnen. Tessa Schächter von den Grünen stimmte mit ein und betonte, dass die Stadt den Kindern und Jugendlichen zeigen solle, „dass sie wichtig sind“ und nicht eine Generation Corona voller Hoffnungslosigkeit präge. Funda Öztürk von den Linken: „Der Musikschulunterricht hat eine positive Auswirkung auf die Entwicklung des Kindes.“ Zudem würden durch die Rückerstattung des Unterrichts ohnehin Kosten entstehen.

Es erinnerte ein wenig an Gruppenarbeiten in der Schule. Jeder bringt sich ein und macht mit. Der Antrag der GFL wurde überarbeitet, ein Budget für 20 Vollzeitstellen zugestanden und an den Formulierungen geschraubt. Als es um Geld geht, fragte der Bürgermeister salopp in den Raum: „Also heißt das bei Ihnen; koste es, was es wolle?“ Ein Seitenhieb auf Johannes Hofnagel (GFL). Der nahm die Spitze im wahrsten Sinne des Wortes für bare Münze: „Ja koste es, was es wolle“. Zustimmendes Nicken Raum.

Nichts wäre peinlicher gewesen, als ausgebildete Künstler weithin im Ordnungsamt zu verfeuern, während etliche Kinder darauf warten ihre Lehrer wiederzusehen, die für ihre Schüler oft weit mehr sind als nur Musiklehrer. Das Erlernen eines Instrumentes – ich kann das als Musikerin bestätigen – ist weit mehr als das mechanische Einübung von Bewegungen. Es ist Bildung des Herzens und des Geistes. Beides können wir in dieser Pandemie gut gebrauchen.

Am Ende steht das, was sich die meisten gewünscht haben: Die Musikschullehrer und die Stadtbücherei können wieder arbeiten, ein Ersatz wird zeitnah eingestellt. In der Abstimmung stimmte der Rat in ungewohnter Einheit für den Antrag und die Musikschule. Die einzige Gegenstimme war die des Bürgermeisters. Gewonnen haben nach dieser Sitzung nicht die Fraktionen oder der Rat, sondern die Kinder, die jetzt wieder das machen können, worum es die ganze Zeit ging: Musik.

Über die Autorin
Volontärin
Jahrgang 2000. Ist in Bergkamen aufgewachsen und nach Dortmund gekommen, um die große, weite Welt zu sehen. Überzeugte Europäerin mit einem Faible für Barockmusik, Politik und spannende Geschichten
Zur Autorenseite
Nora Varga

Der neue Lokalsport-Newsletter für das Münsterland

Immer dienstags und freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.