Wenn sich die gelben Briefe, in denen sich häufig Mahn- oder Inkassobescheide verbergen, häufen, hilft oft nur noch der Gang zur Schuldnerberatung. © picture alliance/dpa
Perspektivwechsel

Mütter in Not: Wie die Corona-Krise Existenzen in Lünen bedroht

Wie es Unternehmen während der Pandemie erging, wurde viel berichtet. Die Situation Einzelner wurde hingegen wenig betrachtet. Die städtische Schuldner- und Insolvenzberatung gibt Einblick.

Es war im Juni, als Ramona Staeubert die Dinge über den Kopf wuchsen. Während der Pandemie hatte sich die 34-Jährige hin- und hergerissen gefühlt zwischen ihren drei Kindern und ihrer Arbeit. Aus Überlastung hatte sie sich krankschreiben lassen müssen. Aus Sorge, vor allem ihre mittlere Tochter könnte schulisch den Anschluss verlieren, nahm sie sich wenige Wochen darauf Urlaub.

Sie wollte ihre Töchter während der Homeschooling-Phase unterstützen. In dieser anstrengenden Zeit trennte sich der Lebensgefährte. Und dann hatte sie auch noch eine Operation am Handgelenk vornehmen lassen müssen. Schließlich kündigte der Arbeitgeber – fristgerecht und vertragsgetreu. Ramona Staeubert stand ohne Lohn da, die Genehmigung des HartzIV-Antrags ließ auf sich warten, mit der Miete war sie im Rückstand.

Von Wohnungslosigkeit bedroht

Sabine Otto, Mitarbeiterin bei der Schuldner- und Insolvenzberatung der Stadt Lünen, sind solche Fälle bekannt. Allein in den wenigen Wochen, seit das Rathaus, in dem die Beratungsstelle sitzt, wieder seine Türen für Besucher öffnete, sind ihr zwei solcher Fälle begegnet: Alleinerziehende Mütter, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind. „Zwei innerhalb von 14 Tagen finde ich viel“, sagt die gelernte Sozialarbeiterin, „ich kann mich nicht erinnern, dass das vorher schon mal vorgekommen ist.“

Seit 2009 für die städtische Schuldner- und Insolvenzberatung tätig, würde sich Otto selbst als „alten Hasen“ bezeichnen, „aber das hat mich betroffen gemacht“, sagt sie.

Bei einer der Frauen sind Arbeitslosigkeit, negative Schufa-Einträge und eine über mehrere Jahre aufgestaute Überschuldung die Ursache für die Situation. Ihr droht, die Wohnung zu verlieren und auch die Aussichten auf eine neue, angemessene und bezahlbare Bleibe sind eher schlecht.

Bei der anderen Mutter führt eine Trennung dazu, dass sie ausziehen muss, aber nichts Adäquates findet. „Es betrifft oft Familien, die einen eng gestrickten finanziellen Rahmen haben und sich dann etwas aufstaut“, erklärt Otto. Durch die Pandemie seien „ganz viele Geschichten passiert“, sagt sie. Zum Beispiel Familienkonstrukte zusammengebrochen, weil Mini-Jobs gekündigt wurden oder Kinder plötzlich Zuhause waren.

Früher eher Trennung, heute eher psychische Belastung

„Durch die Folgen der Corona-Pandemie verstärken sich die wirtschaftlichen Notlagen, was sich auch in der Arbeit der Schuldner- und Insolvenzberatung zeigt“, ordnet Beate Lötschert, Leiterin der Abteilung Wohnen und Soziales, der die Beratungsstelle beigeordnet ist, ein.

Zum Jahresanfang 2021 war ein Anstieg der Anfragen für Beratungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 20 Prozent verzeichnet worden. „Der Anteil der weiblichen Beratungssuchenden hat sich dabei leicht erhöht“, erläutert Lötschert, „aktuell sind 52 Prozent der Klienten Frauen.“ 2019 waren noch rund 33 Prozent der Beratungssuchenden Frauen, ebenso wie 2020.

Und auch ganz aktuell hat die Nachfrage von Neukunden stark zugenommen. Neu als Klienten hinzu gekommen sind zum Beispiel Solo-Selbstständige.

„Hauptgründe für eine Überschuldung“, so Lötschert weiter, „sind Arbeitslosigkeit, Trennung und Scheidung sowie Krankheiten, einschließlich Suchterkrankungen.“

Darüber hinaus zählten längerfristiges Niedrigeinkommen, unwirtschaftliche Haushaltsführung und gescheiterte Selbstständigkeit zu den Gründen, die Schuldnerberatung zu kontaktieren. „Dabei waren es früher eher Trennung und Scheidung, heute vor allem stressbedingte Krankheiten und auch der Wohnungsmarkt“, ergänzt Beraterin Sabine Otto.

Verkürzte Restschuldbefreiung

„Dabei hängt alles miteinander zusammen: Wenn zum Beispiel der Hauptverdiener in Schwierigkeiten gerät, dann kann zur Depression werden, was vorher ‚nur‘ eine Belastungssituation war.“ Anders als früher, sind heute auch vermehrt ihre psychosozialen Fähigkeiten in der Beratung gefragt.

Insgesamt hat die Gesamtzahl der Beratungsfälle während der Coronazeit aber deutlich abgenommen. Während es 2019 noch 799 waren, verzeichnet die Statistik für 2020 insgesamt 220 Fälle weniger. Für 2021 liegen die Zahlen noch nicht vor.

Beate Lötschert fallen Gründe für den Rückgang ein: Das hing sicher auch mit den personellen Kapazitäten im Jahr 2020 zusammen. Und außerdem wird die Kundinnen und Kunden der Ausblick auf die verkürzte Restschuldbefreiung davon abgehalten haben, im Jahr 2020 Entschuldungsverfahren zu betreiben.“

Die Gesamtzahl der Beratungs-Kontakte hat sich hingegen 2020 im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht.

ILLUSTRATION – Der Schriftzug „Schulden“ ist am 05.11.2015 in Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) auf einem Kontoauszug mit einem negativen Kontostand zu sehen (gestelltes Foto). Am 10.11.2015 wird der neue Schuldneratlas für Deutschland vorgestellt. Foto: Jens Büttner/dpa ++ +++ dpa-Bildfunk +++ © picture alliance / dpa © picture alliance / dpa

Deutlicher Anstieg an Neukunden

„Typisch ist, dass alles ineinander übergreift und sich aufgestaut hat. Die meisten Beratungssuchenden kommen sehr spät“, gibt Beate Otto Einblick. „Wenn jemand hier vor meinem Schreibtisch sitzt, ist er in der Regel sehr verzweifelt. Jeder Fall für sich genommen ist sehr tragisch.“

Oft gehe es erst einmal darum, die Situation abzufedern und die Schulden nach hinten zu stellen (siehe Infokasten). Zum Beispiel wird in vielen Fällen erst einmal ein Pfändungsschutz-Konto eingerichtet.

Ganz aktuell verzeichnet die Schuldner- und Insolvenzberatung einen deutlichen Anstieg an Neukunden. Und es sind sogar noch deutlich mehr zu erwartet. Denn die Beratungssuchenden kämen mit einer gewissen Zeitverzögerung, vor allem jetzt, da die Aussetzung der Steuerförderungen durch das Finanzamt zum 30. September ausläuft. „Wir erwarten, dass die Nachfrage, vor allem von Solo-Selbstständigen, in den kommenden Monaten noch deutlich zunimmt“, sagt Sabine Lötschert.

„Bereits heute dauert es mehrere Wochen, bis Betroffenen ein kostenloses Beratungsangebot gemacht werden kann. Und es ist zu befürchten, dass sich die Wartezeiten weiter verlängern. Notsituationen haben die Mitarbeiter aber stets im Blick.

Laut Statistik ist die Zahl der Insolvenzanträge im Land und auch im Kreis im Jahr 2020 rückläufig gewesen, im zweiten Halbjahr gar stark. Ein Blick hinter die Zahlen klärt auf. © picture alliance / Alexander Heinl/dpa © picture alliance / Alexander Heinl/dpa

Viele betriebsbedingte Kündigungen

Der Lüner Fachanwalt für Arbeitsrecht Martin Hane berichtet ebenfalls von einer Veränderung der Situation seit Beginn der Pandemie. „Es gibt eine deutliche Zunahme an betriebsbedingten Kündigungen. Normalerweise habe ich eher mit personenbedingten Kündigungen zu tun“, sagt er.

Also solchen, die aufgrund kriminellen Verhaltens eines Mitarbeiters, zum Beispiel eines Diebstahls, ausgesprochen werden. Betriebsbedingte Kündigungen gibt es hingegen dann, wenn Mitarbeiter entlassen werden, weil sie für den Betriebsablauf nicht mehr benötigt werden.

„Es gibt also eine deutliche Zunahme an Kündigungsschutzprozessen“, sagt Hane. „Hier ist es auch härter geworden. Oft geht es auch um fristlose Kündigungen. Und meistens sind niedriger ausgebildete Arbeitskräfte betroffen.“ Gerade in der Anfangszeit habe er viele Anfragen bezüglich des Kündigungsschutzes gehabt. „Etwa von März bis Juni 2020 war die Aufregung groß“, erinnert er sich.

Jetzt aber sieht Martin Hane das Blatt sich wenden. „Jeder hat Fachkräftemangel, das heißt die Bereitschaft auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmer einzugehen ist besonders groß.“

Rückblickend resümiert er: „Insgesamt hatte ich mit mehr Aufwand und Streitigkeiten gerechnet, aber es blieb erstaunlich ruhig. Es wurden ja vor allem die geringfügig Beschäftigten gekündigt, aber die kommen nicht zum Anwalt.“

Ramona Staeubert, die dreifache alleinerziehende Mutter, hat derweil einen Weg gefunden, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. Sie hat einen neuen Job gefunden, bei dem sie sich die Zeiten mehr oder weniger flexibel einteilen kann. So kann sie arbeiten und unterstützend für ihre Kinder da sein.

Außergerichtliche Einigung

Die Vorgehensweise der Schuldnerberatung

Sabine Otto, Mitarbeiterin in der Schuldner- und Insolvenzberatung der Stadt Lünen, sieht ihre Aufgabe vor allem darin, ihre Klienten „auf dem Weg zur Eigenverantwortung“ zu beraten und zu begleiten.

Meistens wird zunächst ein Basiskonto eingerichtet. Seit Mai 2020 haben auch Kunden ohne festen Wohnsitz, Asylsuchende und Personen ohne festen Aufenthaltstitel das Recht auf ein solches Konto. Als postalische Anschrift genügt z.B. die Anschrift der Schuldnerberatung. Das Basiskonto kann als Pfändungsschutzkonto eingerichtet werden, sodass Gläubiger nicht pfänden können. „Mit dem Basiskonto ist man wieder Herr des täglichen Lebens“, so Otto, „das bringt erst mal Ruhe und manchmal können die Forderungen dann sogar gezahlt werden.“

Wer ein Privatinsolvenzverfahren beim Amtsgericht beantragen möchte, ist verpflichtet, zunächst ein außergerichtliches Schuldenbereinigungsverfahren zu durchlaufen. Die Schuldnerberatung unterstützt dabei, nimmt Kontakt mit den Gläubigern auf und verhandelt mit ihnen. Außerdem bereitet sie das gerichtliche Insolvenzverfahren vor. Dieser Prozess kann bis zu zwei Jahre dauern.

Während dieses außergerichtlichen Verfahrens, haben Schuldner die Möglichkeit einen Antrag auf Befreiung von den Restschulden zu stellen. Voraussetzung ist eine durch die Schuldnerberatung ausgestellte Bescheinigung, die die ernsthafte Auseinandersetzung mit den Gläubigern belegt. 2020 wurde die Dauer, nach der die Restschuldenbefreiung möglich ist, von sechs auf drei Jahre heruntergesetzt.

Anspruch auf die Beratung haben ausschließlich Privatpersonen mit weniger als 19 Gläubigern.

Über die Autorin
Freie Mitarbeiterin
In und um Stuttgart aufgewachsen, in Mittelhessen Studienjahre verbracht und schließlich im Ruhrgebiet gestrandet treibt Kristina Gerstenmaier vor allem eine ausgeprägte Neugier. Im Lokalen wird die am besten befriedigt, findet sie.
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Kristina Gerstenmaier

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