Bei Tafeln im Ruhrgebiet sind häufig Schrott-Päckchen voller Müll abgegeben worden. In der Ausgabestelle Lünen herrscht ebenfalls große Verunsicherung. Die Tafel will hier nun reagieren.

von Kristina Gerstenmaier

Lünen

, 21.11.2019, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine Carrerabahn, zwei Kinderküchen, ein Schaukelpferd, Kuscheltiere, Matchboxautos, Bücher, Gesellschaftsspiele, Puppen und Holzspielzeug stapeln sich im Keller der Gottfriedschule. Wie seit vielen Jahren hat Lehrerin Anika Willeke auch diesmal wieder die Eltern und Kinder ihrer Schule mobilisiert, zuhause auszusortieren.

Dazu kommt Übriggebliebenes von Flohmärkten bei der Stadt-Insel, das an die Schule weiter gegeben wurde. In vielen Stunden Arbeit werden Aufkleber abgeknibbelt, alles sortiert und Elektronisches mit frischen Batterien ausgestattet.

Anschließend packt Willeke gemeinsam mit Eltern Weihnachtspäckchen, um sie anschließend der Tafel zu spenden.

Ein Plüschtier, ein Spiel und ein Buch kommen in jedes, außen drauf eine Altersangabe. „Allein zehn Stunden brauchen wir bestimmt fürs Aufkleber-Knibbeln, Reinigen, Reparieren, Sortieren und Packen“, erzählt die Lehrerin, selbst dreifache Mutter. „Ich mache das, damit die Gottfried-Schulkinder das Teilen lernen. Und auf der anderen Seite tue ich es natürlich für die Kinder, die vielleicht nicht so viel haben wie unsere.“

Bochum und Essen stellten Geschenke-Aktion ein

Verschmutzte Kleidung, ausgetretene Schuhe, kaputte Spielzeugautos, Hausmüll und sogar benutzte Kondome verbargen sich hingegen in vergangenen Jahren in den hübsch verpackten „Geschenken“, die über Tafeln in Wattenscheid, Essen oder Oberhausen abgegeben wurden.

In Bochum und Essen wird es in diesem Jahr deshalb keine Geschenke-Aktion über die Tafeln mehr geben. Eine Kontrolle der Päckchen sei in diesen Großstädten schlicht nicht zu bewältigen.

In der Gottfriedschule wird besonderes Augenmerk darauf gelegt, die Spenden ordentlich zu sortieren. Dinge, wie beispielsweise CDs oder DVDs, für die man ein Abspielgerät benötigt, werden in eine Extra-Kiste gepackt, ebenso wie Bücher in alter Rechtschreibung.

„Wir stecken sehr viele Gedanken rein, welche Dinge wir in die Päckchen packen“, erzählt Anika Willeke. „Gerade in diesem Jahr habe ich bei den Eltern eine große Unsicherheit darüber gespürt, welche Dinge gut genug sind, um verschenkt zu werden. Kommen Spiele mit abgeschrammelten Kartonecken oder Taschen mit winzigen Ecken auch wirklich gut bei den Empfängern an?“

„90 Prozent meinen es gut“

Bei der Tafel selbst will man mit besonderen Maßnahmen bösen Überraschungen entgegenwirken. Ulrike Trümper leitet die Unnaer Tafel e.V., und damit den Verein, der auch für die Tafelausgabe in Lünen - genauer: in Gahmen - zuständig ist.

Sie appelliert an die Spender, die Päckchen genau nach ihrem Inhalt zu beschriften. Falls das nicht so ist, werden die Pakete von ihr und ihren Helfern geöffnet. „Das tun wir nicht aus Neugier, sondern um Ärger zu vermeiden“, sagt Trümper. Weil einige Tafelbesucher einen muslimischen Hintergrund haben, werde zum Beispiel Schweinefleisch (Wurst oder Schinken) durch etwas anderes ersetzt. Kleidung wird entnommen und auf einem Tisch gestapelt, wo sich jeder Besucher etwas aussuchen kann.

So wird vermieden, dass die Sachen dem Beschenkten nicht passen. „Viele Spender machen sich richtig Gedanken und verpacken ihre Geschenke sehr liebevoll. Etwa 90 Prozent meinen es gut“, sagt Ulrike Trümper. „Und nicht alles, was gebraucht ist, ist schlecht. Und das Wichtigste ist doch, dass die Menschen überhaupt etwas zu Weihnachten haben.“

Alte Socken oder gebrauchte Unterwäsche sei ihr noch nicht untergekommen. Damit es auch für alle reicht, kauft die Tafel schon das ganze Jahr über mittels Geldspenden Konservendosen, Kinogutscheine oder kleines Spielzeug hinzu.

„Ich glaube, die Ansprüche werden einfach andere“

Insgesamt wurden sowohl in der Gottfriedschule als auch bei der Tafel selbst in diesem Jahr deutlich weniger Spenden abgegeben. Bei der Tafel sind es bisher lediglich vier Päckchen, in der Schule besteht (anders als in anderen Jahren) gut die Hälfte aus Spenden von der Stadt-Insel. „Aber ich glaube, das liegt vor allem daran, dass Eltern immer weniger Zeit haben“, sagt die Lehrerin Anika Willeke, „und auch daran, dass sie irgendwie verunsichert sind.“

Verunsichert ist aber auch sie selbst: „Ich glaube, die Ansprüche werden einfach andere. Bei allen Kindern, egal aus welcher sozialen Schicht sie kommen.“ Viele könnten Büchern oder Brettspielen nichts mehr abgewinnen.

Tafel und Gottfriedschule denken über neues System nach

Während sie bis vor zwei oder drei Jahren auch immer Rückmeldungen und Danksagungen von den Beschenkten bekam, weiß sie heute einfach nicht mehr, ob die Geschenke auch wirklich die leuchtenden Kinderaugen auslösen, die sie sich wünscht. Deswegen überlegt sie als Organisatorin es im nächsten Jahr in Kooperation mit „Der Laden“, der Lebensmittelausgabe von St. Marien, mit einem Wunschbaum zu probieren.

Und auch Ulrike Trümper denkt darüber nach, das System der Päckchenausgabe umzustellen. „Für mich ist es schwierig, über eine freiwillige Sache zu diskutieren“, sagt sie. „Aber jedes Jahr gibt es ein Hauen und Stechen um die größten Pakete. Das ist auch weniger das Problem. Es wäre einfacher und weniger Arbeitsaufwand, einfach Gutscheine auszugeben.“

SCHENKER UND BESCHENKTE

  • Nach Angaben von Tafel-Leiterin Ulrike Trümper ist Lünen mit 68 Kunden die größte Ausgabestelle im Kreis Unna. Registriert wird familienweise, und weil in der Lippestadt unter den Tafelkunden sehr viele Großfamilien mit sechs oder sieben Kindern sind, könne die Zahl ruhig mal fünf genommen werden. Gesammelt wird noch bis Nikolaus, danach gibt es die Geschenke.
  • Um zu vermeiden, dass Besucher nur wegen der Geschenke zur Tafel kommen, gibt es im Dezember einen Aufnahmestopp. Ab dem 6. Januar werden wieder Neuanmeldungen angenommen.
  • An der Gottfriedschule gibt es auf 220 Schüler circa 180 Elternhäuser. Gespendet haben in diesem und auch im vergangenen Jahr aber längst nicht alle, „Beteiligt ist aber die ganze Elternschaft“, sagt Anika Willeke. „Durchschnittlich stehe ich mit acht bis zwölf Eltern beim Sortieren und Verpacken der Geschenke.“
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