Nur zwei Frauen der achtköpfigen Familie Rose überlebten die NS-Zeit

Stolpersteine in Lünen

Der Arbeitskreis Lüner Stolpersteine hat die Geschichte der Familie Rose recherchiert. Vater, Mutter und vier Kinder wurden ermordet. Nur eine Tochter und ein Enkelkind überlebten die NS-Zeit.

Lünen

24.04.2020, 20:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die jüdische Familie Rose vor ihrem Kolonialwarenladen am Knappenweg in Lünen. Die meisten der insgesamt sieben Familienmitglieder wurden von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet.

Die jüdische Familie Rose vor ihrem Kolonialwarenladen am Knappenweg in Lünen. Die meisten der insgesamt sieben Familienmitglieder wurden von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet. © Stadtarchiv

In der Victoriasiedlung steht am Knappenweg 38 ein stattliches Eckgebäude. Hinter der Fassade verbirgt sich im Verbund mit der Adresse „Im Rechten Eck 1“ die alte Struktur mit Schaufenstern.

Hier lebten und betrieben der Kaufmann Salomon Rose mit seiner Frau Betty, geborene Grünewald, und ihren fünf Kindern Martha, Werner, Hildegard, Regina und Klara einen Kolonialwarenladen. In dem verkauften die Geschäftsleute auch Arbeitertextilien und Lebensmittel. Hier ließ man auch auf Kredit „anschreiben“.

Salomon Rose war Soldat im 1. Weltkrieg, liebte Motorradfahren und das Reparieren von Wasch- und Nähmaschinen seiner Kunden.

SA-Leute sperren Geschäft

1933 verwehrten SA-Männer den Kunden über eine Woche lang den Zugang zum Geschäft. Ein SA-Mann soll ins Geschäft gekommen sein und gesagt haben: „Jude Rose, mach´ deinen Laden zu, sonst nagel ich ihn dir zu!“

Personen, die Einkäufe tätigten, wurden fotografiert. Kunden von Rose sagte man, dass ihre Namen in den Zeitungen bekanntgegeben werden würden. Danach blieben immer mehr Kunden aus Angst vor öffentlicher Denunzierung aus. Selbst Vertreter weigerten sich an Rose zu verkaufen. Das Geschäft wurde am 1. April 1938 aufgegeben.

Salomon Rose diente als Soldat im ersten Weltkrieg.

Salomon Rose diente als Soldat im ersten Weltkrieg. © Stadtarchiv

Arbeiter der Zeche Victoria retten Vater das Leben

Am Tag der Reichspogromnacht, 9. November 1938, wurde die Haustür aufgebrochen. Nazis jagten Salomon Rose aus dem Haus, stießen seine Frau zu Boden und stahlen Arbeitskleidung.

Begleitet von gewaltsamen Fußtritten und Schlägen wurde Rose zur 1,5 Kilometer weit entfernten Lippe getrieben und musste sich auf das Geländer der Brücke setzen.

Man schrie ihn an: „So Jude, jetzt ins Wasser mit Dir!“ Aber Arbeiter der Zeche Victoria schrien voller Empörung der SA ein „Pfui“ entgegen. Das rettete Rose wahrscheinlich das Leben.

Denn er wurde nicht ins kalte Wasser gestoßen, sondern - kaum fähig zu gehen - unter Schlägen und Fußtritten ins Stadthaus gebracht. Dort wurde er zusammen mit seinem Sohn Werner und anderen jüdischen Männern acht Tage lang eingesperrt.

Salomon Rose arbeitete anschließend im Stuckgeschäft Vollmer und später im Beckinghausener Sägewerk Kipper. Bis 1943. Ab 1941 musste die Familie den Judenstern tragen.

Deportation und Ermordung ab 1942

1942 wurde die Tochter Martha ins besetzte Polen deportiert und ermordet. Am 27. Februar 1943 mussten Vater und Sohn Werner sich in der Dortmunder Steinwache melden. Seine Frau Betty einen Tag später. Die Eheleute wurden 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Werner wurde als „politischer Jude“ im Juni 1944 ins Massenvernichtungslager deportiert. Am 22. Januar 1945 kam er, fünf Tage vor der Befreiung von Auschwitz, als Häftling mit der Nummer 117904 ins KZ Buchenwald. Hier wurde er im Alter von 24 Jahren ermordet. Das KZ Buchenwald wurde am 11. April 1945 befreit.

Die 1908 geborenen Schwester Regina heiratete und wohnte später im Ruhrgebiet. Die Schwester Hildegard, geboren 1910, wurde von ihrem Mann, einem Polizeibeamten und SS-Angehörigen, geschieden. Im September 1943 wurde sie von der Gestapo unter dem Vorwurf der „Rassenschande“ verhaftet, nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Überlebende Schwester musste Zwangsarbeit leisten

Die vierte Schwester, Klara, musste in einer Dortmunder Sackfabrik Zwangsarbeit leisten. Von September 1944 bis Kriegsende war sie im Arbeitslager Kassel-Bettenhausen (Henschel-Werke) inhaftiert. Sie überlebte, adoptierte das Kind ihrer ermordeten Schwester Hildegard und wanderte nach dem Weltkrieg nach Kanada aus.

Recherchiert und aufgeschrieben haben die Geschichte der Familie Rose Wolfgang Balzer und Katrin Rieckermann, unterstützt von den weiteren Mitgliedern des Arbeitskreises für Lüner Stolpersteine.

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