Pflege und Beruf vereinbaren: Das steht Arbeitnehmern gesetzlich zu

mlzWenn die Eltern älter werden

Ein Elternteil wird pflegebedürftig. Um das Ganze zu organisieren, können Berufstätige sich eine gewisse Zeit arbeitsfrei nehmen. Aber - das wissen immer noch nicht viele Arbeitnehmer.

Lünen

, 11.03.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Jahrelang hatte Marlene Eriksens (Name geändert) Vater seine Frau zuhause gepflegt. „Er hat sich immer jede Entlastung verbeten, weil er sich als Ehemann verpflichtet fühlte, alles selbst zu machen“, erzählt die 53-Jährige heute. Auch Leistungen der Pflegeversicherung, die ihm eigentlich zustanden, wollte er nicht beantragen.

Alles ändert sich, als ihr Vater starb. Die 80-jährige Mutter ist demenzkrank, lebt noch in dem Haus, in dem auch die Tochter aufgewachsen ist.

Mit einem großen Netz aus Pflegedienst, familiärer und nachbarschaftlicher Hilfe schafft es Marlene Eriksen, dass ihre Mutter noch fünf Jahre in ihrer gewohnten Umgebung leben kann.

Um das Ganze nach dem Tod des Vaters zu organisieren, hat sich die damals 48-Jährige Urlaub genommen.

In Ruhe einen Heimplatz finden

Fünf Jahre später ging es dann nicht mehr zuhause. „Mama musste in ein Heim.“ Denn sie war mehrmals gestürzt. Als sie nach einem Sturz mit schwereren Folgen im Krankenhaus lag, war klar, sie kann nicht mehr nach Hause zurück.

Um das für ihre Mutter passende Heim zu finden, nutzte Marlene Eriksen was ihr gesetzlich zustand - die „kurzzeitige Arbeitsverhinderung von bis zu zehn Arbeitstagen.“ „Ich war die erste Person in unserem Betrieb, die diese Möglichkeit in Anspruch nahm. Die Personalabteilung musste sich selbst erst einmal schlau machen. Dadurch hatte ich die Ruhe, um einen guten Heimplatz für meine Mutter zu finden. Und auch Zeit, um ihr Zimmer im Heim einzurichten mit Bildern und ihrem Lieblingssessel, so dass sie nicht in eine völlig fremde Umgebung kam.“

Wer Zeit für die Organisation einer akuten Pflegesituation benötigt, kann bis zu zehn Arbeitstage ohne Ankündigungsfrist der Arbeit fernbleiben. Dieses Recht gilt gegenüber allen Arbeitgebern unabhängig von der Größe des Unternehmens. So heißt es in einer Information des zuständigen Bundesfamilienministeriums.

Finanziert wird diese Auszeit folgendermaßen: Während der Auszeit im Akutfall bzw. der sogenannten kurzzeitigen Arbeitsverhinderung hat der Arbeitnehmer - begrenzt auf insgesamt zehn Arbeitstage - für eine pflegebedürftige Person, Anspruch auf ein Pflegeunterstützungsgeld. Dieses muss man bei der Pflegeversicherung des pflegebedürftigen Angehörigen beantragen.

Öffentlicher Dienst ging mit gutem Beispiel voran

Nur wissen viele Arbeitnehmer gar nicht, dass es diese Möglichkeit gibt, so die langjährige Lüner Gleichstellungsbeauftragte Gabriele Schiek. Sie hatte 2011 zusammen mit der damaligen Gleichstellungsbeauftragten der Sparkasse an der Lippe eine Info-Reihe ins Leben gerufen, bei der es um die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ging.

Ihre Motivation: Als öffentlicher Dienst mit gutem Beispiel voran zu gehen. Denn die Unterstützung von berufstätigen pflegenden Angehörigen gilt für alle Berufsgruppen. Die Resonanz war groß, viele Mitarbeiter von Stadt und Sparkasse wollten sich informieren. Über Unterstützungsmöglichkeiten, Wohnmodelle im Alter, rechtliche Möglichkeiten und Pflegeversicherungs-Leistungen.

„Anschließend haben wir einen Fragebogen entwickelt, um Bedarfe bei uns in der Stadtverwaltung abzuklären.“ Zusammen mit der Koordinierungsstelle Altenarbeit organisierte Gabriele Schiek jährlich zwei Info-Veranstaltungen zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf für Mitarbeiter der Stadtverwaltung . Zudem erarbeiteten beide gemeinsam Informationen für das stadt-interne Internet, die Kollegen jederzeit abrufen können.

Information auch für andere Arbeitnehmer

Themen wie Patientenverfügung, Neuerungen auf gesetzlicher Ebene oder auch der Umgang mit Demenzkranken wurden behandelt. „Es war ein vertrautes Miteinander. Gerade beim heiklen Thema Demenz sind offene Gespräche zustande gekommen“, so Annette Goebel, Koordinatorin für Altenarbeit.

Der Bedarf an Informationen wächst. Die Generation der sogenannten Babyboomer, die Anfang der 60er Jahre geboren wurde, kommt immer mehr in das Alter, in dem sie sich mit einer möglichen Pflegebedürftigkeit der Eltern auseinandersetzen muss.

Wer die zehn Tage nutzt oder auch einen Teil davon, hat Anspruch auf die sogenannten Lohnersatzleistungen. Gabriele Schiek: „Dazu muss man dem Arbeitgeber ein Attest vorlegen, das der Hausarzt des zu Pflegenden ausstellt.“ Auch Beamten steht das Recht zu, die zehn Tage für die Organisation der Pflege in Anspruch zu nehmen.

Gesetzlich steht auch eine Pflegezeit zu

Die Erfahrung von Gabriele Schiek: „Oft ist es so, dass sich Männer um das Organisatorische kümmern und die Frauen auch heute immer noch mehr um die Pflege selbst.“

Wer sich als Arbeitnehmer entschließt, einen pflegebedürftigen Angehörigen zu pflegen, kann eine gesetzlich vorgesehene Pflegezeit in Anspruch nehmen - wenn die Firma, in der er arbeitet, eine entsprechende Größe aufweist. Es besteht kein Rechtsanspruch gegenüber Arbeitgebern mit 15 oder weniger Beschäftigen.

Dank der Pflegezeit können sich Beschäftigte bis zu sechs Monate lang vollständig oder auch teilweise von der Arbeit freistellen lassen - um einen pflegebedürftigen nahen Angehörigen daheim zu pflegen. Der zu Pflegende muss mindestens Pflegegrad 1 haben und die Pflege muss in der häuslichen Umgebung stattfinden.

Um das Ganze finanziell möglich zu machen, haben Beschäftigte, die die Pflegezeit bis zu sechs Monate in Anspruch nehmen, einen Rechtsanspruch auf ein zinsloses Darlehen. Beantragt werden muss das Darlehen beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben.

Die langjährige Lüner Gleichstellungsbeauftragte Gabriele Schiek (l.) und Annette Goebel, Koordinatorin für Altenpflege, organisierten gemeinsam Infoveranstaltungen zum Thema "Vereinbarkeit von Pflege und Beruf".

Die langjährige Lüner Gleichstellungsbeauftragte Gabriele Schiek (l.) und Annette Goebel, Koordinatorin für Altenpflege, organisierten gemeinsam Infoveranstaltungen zum Thema "Vereinbarkeit von Pflege und Beruf". © Beate Rottgardt

Dieses Darlehen gleicht allerdings das normale Gehalt nicht komplett aus. Es mindert lediglich den Einkommensverlust. Auch ob und wie man die Rentenbeiträge während der Pflegezeit zahlt, sollte man vorher klären.

Bei der Stadtverwaltung Lünen haben bislang zwar einige Mitarbeiter die zehn Tage „kurzzeitige Arbeitsverhinderung“ in Anspruch genommen. Die Pflegezeit hat bisher allerdings noch niemand genutzt.

Immer noch nicht allgemein bekannt

Ähnlich sieht es wohl auch bei anderen Firmen und Betrieben aus. „Leider ist das Ganze auch nicht so einfach, eigentlich sollte der Zugang zu diesen Möglichkeiten erleichtert werden, barrierefrei sein“, so Annette Goebel. Auch Gabriele Schiek findet es „natürlich gut, dass durch die Pflegezeit der Arbeitnehmer seinen Job nicht aufgeben muss und trotzdem für eine gewisse Zeit pflegen kann. Aber das Ganze müsste mehr bekannt gemacht werden.“ Man könne seine Rechte nur nutzen, wenn man sie auch kennt.

Marlene Eriksen hat die Pflegezeit nicht gebraucht, war aber froh, dass sie die zehn Tage „kurzzeitige Arbeitsverhinderung“ in Anspruch nehmen konnte. „Man kann ja niemand Fremden losschicken, um einen Heimplatz für seine Mutter zu suchen. Und das Ganze so nebenbei während der Arbeitszeit zu organisieren, geht einfach nicht.“

Die Lünerin könnte sich auch vorstellen, dass man solche Zeit auch für die Sterbebegleitung eines nahen Angehörigen nutzt. „Das ist nicht selbstverständlich und es kann auch sicher nicht jeder. Aber wenn man sich dafür entscheidet, ein Elternteil in der letzten Lebensphase zu begleiten, wäre solch eine Pflege-Auszeit vom Job auch sinnvoll.

Wenn Sie eine Zeit lang ganz oder teilweise aus dem Job aussteigen möchten, können Sie eine bis zu sechsmonatige Freistellung in Anspruch nehmen. Weitere Informationen erhalten Sie auch am Pflegetelefon des Bundesfamilienministeriums unter Tel. (030) 20 17 91 31. Oder auf der Internetseite des Ministeriums.
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