Zwei Männer greifen in Horstmar Polizisten an. Die Bewertung der Tat ist unstrittig - doch die Begleiterscheinungen hinterlassen bei unserem Autor doch einige Fragezeichen.

Lünen

, 22.02.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Zwei Männer fallen einer Zivilstreife in Horstmar auf. Bei der Personenkontrolle eskaliert die Situation, die Männer würgen einen Beamten, erst ein Warnschuss bringt sie von ihrem Tun ab. Für mich persönlich gibt es bei der Bewertung einer solchen Tat keine zwei Meinungen - sie ist widerlich und auch besorgniserregend. Hatte doch Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange bei der Vorstellung der Kriminalitätsstatistik von wachsender Respektlosigkeit gegenüber Polizeibeamten gesprochen. Einen besseren Beleg für diese These dürfte er kaum finden.

Wenn wir aber nun die reine, unstrittige Ereignisebene verlassen, stellen sich mir doch einige grundsätzliche Fragen. Das bringt mein Beruf so mit sich. So handelt es sich hier um einen Sachverhalt, an dem die Polizei unmittelbar beteiligt ist. Und die einzige Quelle der Tat ist - die Polizei selbst. Das ist problematisch, denn es gibt immer mindestens zwei Seiten, die zu einem Sachverhalt auch gehört werden müssen. Das ist in diesem Fall nicht möglich, und da auch keine Zeugen bekannt sind, mit denen man sprechen könnte, müssen wir uns auf die Darstellung der Polizei verlassen. Das ist nicht immer ganz so einfach, wie man nicht erst seit dem auf Video festgehaltenen Vorfall bei einer Festnahme in Gahmen weiß.

Wer hat die Deutungshoheit?

Problem Nummer eins ist also die Quellenlage. Problem Nummer zwei ist die Bewertung, die mit einer solchen Meldung automatisch erfolgt. Dass die Polizei die Tat als „brutalen Angriff“ wertet, ist ihr gutes Recht. Aus dem genannten ersten Problem hätte ich jedoch Schwierigkeiten damit, diese Wertung einfach so zu übernehmen, weil ich schlicht nicht weiß, wie sich die Polizisten verhalten haben. Waren sie auch brutal? Haben sie provoziert? Oder trifft sie rein gar keine Schuld an der Eskalation? Alles möglich, aber eben nicht zu ermitteln, weshalb die reine Nachricht eigentlich keine Bewertung haben dürfte.

Andere vermeintliche Medienseiten gerade in Sozialen Netzwerken haben diese Schwierigkeiten offenbar nicht, im Gegenteil: Sie verwenden teils noch drastischere Worte, um den Vorfall, den sie genau wie wir nur durch die Darstellung der Polizei kennen, zu beschreiben. Womit wir zum nächsten Problem kämen: Wie man in Facebook hinein schreit, desto lauter brüllt es heraus. Dass den meisten Facebook-Nutzern nicht nur mögliche andere Sichtweisen herzlich egal sind, sondern sie sich auch einen Dreck um die Regeln des Rechtsstaats und um die Menschenwürde scheren, ist allgemein bekannt. So entstehen Kommentare, die ich persönlich noch widerwärtiger finde als die Tat selbst.

Erst „Daumen hoch“ für die Polizei, dann den Rechtsstaat beschimpfen

Es ist mitnichten so, dass Polizisten (oder auch Feuerwehrleute) immer automatisch die Guten, die Unfehlbaren sind (Journalisten übrigens auch nicht). Man muss auch Sicherheits- und Ordnungskräfte kritisieren dürfen, ihr Handeln in Frage stellen können. Das scheint aber derzeit nicht akzeptiert zu sein - weder von den Schreihälsen im Internet, die stets „Daumen hoch“ für Polizei und Feuerwehr klicken, den Rechtsstaat und seine Ordnung aber zum Teufel wünschen. Und auch nicht bei den Kräften, die wissen, dass sie unschätzbar wertvolle Arbeit für die Gesellschaft leisten, sich deshalb aber auch jegliche Kritik verbitten.

Wie gesagt - wenn man nur den reinen Fall der Seepark-Attacke betrachtet, habe ich eine eindeutige Position dazu. Und die gesunkene Zahl der Straftaten steht als Beleg für die gute Arbeit der Polizei. Wenn das aber gleichzeitig bedeutet, dass kritische Stimmen gegenüber Beamten und anderen Kräften automatisch niedergeschrien werden, dann sollte uns das Anlass zur Sorge geben. Und das gilt nicht nur für Journalisten.

Einmal in der Woche sprechen die Mitglieder der Redaktion „mal unter uns“ über Themen, die sie und Lünen beschäftigen. Mal hitzig, mal pointiert, mal einfach geradeaus - aber immer bereit, sich der Diskussion zu stellen. Unser Autor freut sich über Kommentare - entweder gleich unter diesem Artikel oder per E-Mail.
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