Die Region soll Pläne für die Zeit nach der Kohleverstromung schmieden. Noch ist aber völlig unklar, wann die letzten Kraftwerke in Bergkamen-Heil und Lünen vom Netz gehen.

Kreis Unna

, 31.07.2019, 15:59 Uhr / Lesedauer: 3 min

Für die beiden letzten Kohlekraftwerke im Kreis Unna, die noch am Netz sind, ist spätestens bis 2038 Schluss. Dann will die Bundesregierung endgültig aus der Kohleverstromung aussteigen. Das Aus für das Steag-Kraftwerk in Bergkamen-Heil dürfte allerdings schon früher kommen.

Stilllegung allein unter Kosten-Gesichtspunkten

Die Entscheidung fällt in einem „Auktionsverfahren“, wie Staatssekretär Christoph Dammermann aus dem Landes-Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie (MWIDE) deutlich machte. Das Verfahren funktioniert folgendermaßen: Immer, wenn die Bundesregierung bestimmte Kraftwerkskapazitäten stilllegen will, können die Betreiber anbieten, welche Kraftwerke sie für welchen Preis stilllegen wollen. Die Betreiber mit dem niedrigsten Angebot bekommen den Zuschlag. Dammermann war an diesem Mittwoch zu einer Diskussionsveranstaltung mit rund 40 Vertretern der von der Stilllegung von Steinkohlekraftwerken betroffenen Kommunen und Regionen im Kreishaus in Unna gekommen.

Das Trianel-Kraftwerk am Stummhafen in Lünen ist voraussichtlich das letzte Steinkohlekraftwerk im Kreis Unna, das stillgelegt wird.

Das Trianel-Kraftwerk am Stummhafen in Lünen ist voraussichtlich das letzte Steinkohlekraftwerk im Kreis Unna, das stillgelegt wird. © Trianel

Emissionen spielen keine unmittelbare Rolle

Bei diesem Verfahren spielen die Emissionen der Kraftwerke keine Rolle. Der Staatssekretär geht aber davon aus, dass es weniger kostet, alte, schon abgeschriebene Kraftwerke stillzulegen als neue, moderne – mit einem wahrscheinlich geringeren Schadstoffausstoß. Für die beiden noch verbliebenen Kraftwerke im Kreis dürfte das bedeuten, dass das schon knapp 40 Jahre alte Kraftwerk in Bergkamen deutlich früher vom Netz geht als das erst wenige Jahre alte Trianel-Kraftwerk in Lünen. „Dieser Darstellung würde ich zumindest nicht widersprechen“, sagte Dammermann. Einen „Fahrplan“, wann welche Kraftwerke stillgelegt werden sollen, gebe es aber nicht, betonte er.

Rund 40 Vertreter von betroffenen Kommunen, Kreisen und Regierungsbezirken hatten sich mit Staatssekretär Christoph Dammermann zum Gespräch im Kreishaus in Unna getroffen. Dammermann wollte die Runde ausdrücklich nicht als „Kohlegipfel" gewertet wissen, sondern als „Arbeitsgespräch".

Rund 40 Vertreter von betroffenen Kommunen, Kreisen und Regierungsbezirken hatten sich mit Staatssekretär Christoph Dammermann zum Gespräch im Kreishaus in Unna getroffen. Dammermann wollte die Runde ausdrücklich nicht als „Kohlegipfel" gewertet wissen, sondern als „Arbeitsgespräch". © Michael Dörlemann

Rund 600 Millionen Euro für die Steinkohle-Standorte

Die Steinkohlestandorte in NRW sollen als Ausgleich für den Verlust der Kraftwerke etwa 600 Millionen Euro bekommen. „Das können 20 oder 30 Millionen Euro mehr oder weniger sein“, sagte der Staatssekretär. Wie das Geld verteilt wird und was davon finanziert werden soll, ist allerdings noch nicht klar. In Frage kommen Infrastrukturprojekte, Bildungs- und Forschungseinrichtungen und neue Gewerbegebiete.

Verteilung im regionalen Konsens

Wohin welches Geld für welche Projekte fließen soll, soll im „regionalen Konsens“ festgelegt werden. Den Diskussionsprozess soll die „Business Metropole Ruhr“ moderieren. Deren Geschäftsführer Rasmus Beck kündigte einen „Workshop-Prozess“ an, der im Sommer 2020 abgeschlossen sein soll. Das Ergebnis sollen Handlungsempfehlungen sein, in welche Projekte die Bundeshilfe investiert werden soll. Das Rheinische Braunkohlenrevier ist in dieser Beziehung schon weiter. Die Region arbeite aber auch schon erheblich länger daran, sagte der Staatssekretär.

Die Fläche des Kraftwerks in Heil soll nach der Stilllegung „regionaler Kooperationsstandort“ werden – eine Art interkommunales Gewerbe- und Industriegebiet. Ob es dabei bleibt wird sich allerdings erst nach der Kommunalwahl 2020 zeigen.

Die Fläche des Kraftwerks in Heil soll nach der Stilllegung „regionaler Kooperationsstandort“ werden – eine Art interkommunales Gewerbe- und Industriegebiet. Ob es dabei bleibt wird sich allerdings erst nach der Kommunalwahl 2020 zeigen. © Stefan Milk

Noch keine genauen Pläne für die Nachnutzung der Standorte

Auch die Pläne für die Nachnutzung der vier Kraftwerksstandorte im Kreis Unna bewegen sich noch auf ähnlich unsicherem Gelände. Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft (WFG) des Kreises Unna will jetzt erst einmal Erfahrungen mit dem Rückbau von Kraftwerksstandorten am Beispiel des im Ende 2018 stillgelegten Steag-Krafwerks in Lünen sammeln. Der Kraftwerksstandort wird zurzeit trockengelegt. WFG-Chef Dr. Michael Dannebom hofft, dass die WFG von Erfahrungen profitieren kann, die andere Standorte im westlichen Ruhrgebiet bereits gemacht haben, als dort Kraftwerke stillgelegt wurden.

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Voraussetzungen in Bergkamen anders als in Lünen oder Werne

Die Zukunft der vier Standorte sieht Dannebom grundsätzlich sehr unterschiedlich, weil sie sehr unterschiedlich eingebettet sind. Der Standort in Bergkamen befindet sich relativ isoliert in der Landschaft, in Lünen ist er in ein großes Gewerbe- und Industriegebiet eingebettet. Trotzdem gibt es ein Hindernis für eine industrielle Nachnutzung. Die Verkehrsanbindung ist schlecht. Zu einem neuen Nutzungskonzept gehöre auf jeden Fall auch ein Verkehrskonzept, sagte der Wirtschaftsförderer. Am Gersteinwerk in Werne-Stockum sieht der Wirtschaftsförderer Chancen, weil es dort bereits eine umfangreiche Infrastruktur mit Gasversorgung gibt.

Konzept der „Regionalen Kooperationsstandorte“ unsicher

Wie die Wirtschaftsförderung in Bergkamen beispielsweise berücksichtigen will, dass sich der Kraftwerksstandort unmittelbar an einem der Schwerpunkte der Internationalen Gartenausstellung (IGA) 2027 befindet, ist noch nicht klar. „Wir wissen bisher noch nicht einmal, wann das Kraftwerk stillgelegt wird. Und wir hoffen, dass es noch lange in Betrieb bleibt“, sagte Dannebom. Außerdem ist noch nicht sicher, dass das Konzept der „Regionalen Kooperationsstandorte“, von denen das Kraftwerksgelände in Heil einer werden soll, nach der Kommunalwahl 2020 noch Bestand haben wird.

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Optimismus beim erneuten Strukturwandel

Trotzdem ist Dannebom optimistisch. „Wir können Strukturwandel“, sagte er. Dass die Stilllegung der Kraftwerksstandorte bisher so wenig konkret ist, sieht er als Vorteil. Beim Strukturwandel durch den Verlust des Bergbaus habe die Wirtschaftsförderung den Rücklichtern des Zuges nur hinterschauen können. „Jetzt können wir handeln, bevor er in den Bahnhof einläuft.“

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