Land unter hieß es Sonntag nach dem Starkregen auch an der Dammwiese in Lünen-Süd. Wie in der Straße „Auf dem Eigengrund“ liefen hier etliche Keller voll Wasser. © Ohm
Starkregen

SAL-Chefin: „Auch größere Kanalisation wird Wassermassen nicht bewältigen“

Kurzfristig wird es keinen vollständigen Schutz vor Starkregenüberflutung geben. Das sagte SAL-Chefin Daniela Fiege bei einer Bürgerversammlung in Lünen Süd - und sorgte für Unmut.

Enttäuschung zeigte sich in den Gesichtszügen von Kirsten Illner, als sie die Evangelische Kirche an der Jägerstraße in Lünen-Süd durch den Hintereingang verließ. Die Anwohnerin der Siedlung Auf dem Eigengrund war nur eine von etwa 100 Personen die am Montagabend an einer eineinhalbstündigen Bürgerversammlung zum Thema Starkregen teilgenommen hatten.

Kirsten und Manfred Illner waren am 14.7. vom starken Regen Auf dem Eigengrund besonders betroffen. Ihre Keller standen komplett unter Wasser.
Kirsten und Manfred Illner waren am 14.7. vom starken Regen Auf dem Eigengrund besonders betroffen. Ihre Keller standen komplett unter Wasser. © Julian Preuß (A) © Julian Preuß (A)

Die Anwesenden hatten sich von Daniela Fiege, Chefin des Stadtbetriebs Abwasserbeseitigung Lünen (SAL), Antworten auf die Frage erhofft, wie sie ihr Hab und Gut vor einer erneuten Überschwemmung schützen können. Am 4. und 14. Juli hatten starke Regenfälle in Lünen-Süd für hohe Schäden gesorgt. Innerhalb von zehn Tagen liefen die Keller zweimal voll. Während des zweiten Unwetters reichte ein einstündiger Starkregen aus, dass Wasser in Wohnungen laufen oder Fenster zerstören konnte.

Das Problem: Einige Siedlungen in Lünen-Süd liegen in sogenannten Tiefpunkten. Teilweise entstanden sie durch Bergsenkungen – Folgen des Bergbaus. „Vor 30 Jahren lag Lünen-Süd etwa 15 Meter höher“, berichtet Ulrich Gollan, ebenfalls Anwohner Auf dem Eigengrund. An diesen Tiefpunkten sammelt sich das Regenwasser und sorgt vermehrt für Überschwemmungen. Gefährdet sind beispielsweise die entsprechenden Gebiete Auf dem Eigengrund und der Dammwiese sowie die Bereiche um die Jäger- und Bahnstraße herum – besonders bei solchen starken Regenfällen wie im Juli.

SAL-Chefin Daniela Fiege erklärte den Anwohnerinnen und Anwohnern die Problematik, die sich beim Ablaufen des Wassers in Lünen-Süd ergeben.
SAL-Chefin Daniela Fiege erklärte den Anwohnerinnen und Anwohnern die Problematik, die sich beim Ablaufen des Wassers in Lünen-Süd ergeben. © Goldstein (A) © Goldstein (A)

Daniela Fiege sprach bezogen auf das Regenereignis vom 14.7. von einer 100-jährigen Intensität. Das entspreche schätzungsweise 60 Litern Regenwasser, die pro Stunde auf einen Quadratmeter fallen. Gleichzeitig teilte die SAL-Chefin den Anwesenden die schlechte Nachricht mit: „Keine Kanalisation – egal in welcher Stadt – kann diese Wassermassen aufnehmen.“

Konkreter: Die Kanalisation in Lünen ist für solche heftigen Regenfälle nicht ausgelegt. „Bis zu einer fünfjährigen Regenintensität muss die Kanalisation funktionieren. Und bis zu einer 30-jährigen Intensität – etwa 25 bis 30 Liter pro Stunde – nimmt die Kanalisation noch recht viel Wasser auf“, sagte Fiege.

Anfang und Mitte Juli überstiegen die Regenmengen diese Kapazitäten. Das Ergebnis beschrieben einige Anwohnerinnen und Anwohner: Wasser sei aus der Kanalisation ausgetreten. Man habe sehen können, wie die Gullideckel hochgedrückt wurden.

Erneuerung der Kanalisation bringt nicht den gewünschten Erfolg

Eine Erneuerung der Kanalisation mit breiteren Rohren würde aus Sicht des SAL jedoch keinen Sinn ergeben. Erstens würden neue Rohre so viel Wasser ebenfalls nicht beseitigen können. Gleiches gelte für eine Leistungssteigerung der Pumpwerke. Beides könne nicht dafür sorgen, dass die Tiefpunkte trocken bleiben, fasste Fiege die Ergebnisse von Modellrechnungen zusammen.

Zweitens wäre es ein langwieriges und drittens ein teures Vorhaben, neue Kanalrohre zu verlegen. Zur Finanzierung müssten die Abwassergebühren möglicherweise um mehr als fünf Euro erhöht werden. Die Anwohnerinnen und Anwohner müssten dementsprechend ein Vorhaben bezahlen, welches nicht zur Lösung des Problems beitrage.

Als problematisch sehen die Menschen aus der Siedlung Auf dem Eigengrund jedoch ihre Kanalisation an. Kirsten Illner berichtete von großen Mengen Schlamm, die es SAL am vergangenen Freitag erschwert hätten, die Rohre mit einer Kamera zu inspizieren. Ulrich Gollan vermutet gar, dass der Kanal abgerissen und somit das Regen- und Abwasser unkontrolliert ins Grundwasser gelangt sowie im Anschluss in die Keller gesickert sein könnte. Dass Fiege den Bericht vor der Versammlung noch nicht gesehen hatte, ärgerte Illner. „Sie hätte besser vorbereitet sein können“, sagte die Starkregen-Betroffene.

Gegenüber unserer Redaktion sagte Fiege, dass die Kamerabilder am Montag noch nicht vorlagen. Erst am Folgetag wurden sie ausgewertet. „Dort bestehen keine Schäden an der Kanalisation“, sagte Fiege.

Suche nach anderen Schutzlösungen gestaltet sich schwierig

Da die SAL-Chefin einen größeren Kanal für unpraktikabel hält, müssen andere Lösungen her. Doch die Suche nach Alternativen gestalte sich schwierig. Auch aufgrund der immer dichter werdenden Bebauung. Dadurch entstünden mehr versiegelte Flächen, auf denen das Wasser nicht versickern könne. Die einzigen Rückhalteflächen wären kleine Waldstücke, die ebenfalls schnell volllaufen.

Der SAL plant, in Lünen-Süd eine Grabenstruktur anzulegen, die bis zu einen Meter tief werden könne. Er soll entlang der Straße Auf der Leibzucht und der Halde bis zur Bahnstraße und danach linksseitig entlang des Waldstücks bis in den Süggelbach verlaufen. Fiege vermutete, dass der Bau nicht vor Herbst 2022 beginnen wird. Ausgelegt würden die Gräben für Regenereignisse mit einer 100-jährigen Intensität. „Sie bieten Rückhaltung für das Wasser. Sollte es aber zu stärkerem Regen kommen, kann das Grabensystem ebenfalls überlaufen“, sagte Fiege.

Kurzfristig bliebe nur die Möglichkeit, Grundstücke oberflächlich vor Fließwegen des Wassers zu schützen. „Wir haben daher bereits mit einigen Anwohnerinnen und Anwohnern gesprochen und Informationen gesammelt.“, sagte Fiege. Sie bat die Anwesenden, diesbezüglich ausliegende Fragebögen auszufüllen und an den SAL zu schicken.

Aus diesen Informationen würde sich die Planung ableiten. Konkrete Vorschläge blieben aus – aber genau das hatten sich die Bürgerinnen und Bürger gewünscht. Fiege sagte zudem, dass es ebenfalls in der Verantwortung der Betroffenen liege, ihre Häuser zu schützen. Förderungen gebe es ihres Wissens nach dafür aber nicht. Konkrete Vorschläge gab es keine. Daher bleibt bei Kirsten Illner und weiteren Anwesenden die Angst vor dem nächsten großen Regen.

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