Maria Hornig freut sich, auf der Kirmes in Lünen wieder arbeiten zu können. "Was danach kommt, steht in den Sternen." © Irina Höfken
Kirmes

Schausteller des Lüner Kirmesparks steuern auf Perspektivlosigkeit zu

Der Kirmespark stößt an seine Kapazitätsgrenzen: Viele Familien zieht es nach Lünen. Für die Schausteller bedeutet das ein Stück Normalität - was danach kommt, ist aber ungewiss.

Die Haare fliegen im Wind, der Magen dreht sich, die Mutigen strecken sogar die Arme zum Himmel: Mit bis zu 50 Kilometern pro Stunde sausen die Wagen des Musikexpresses auf dem Lüner Kirmespark im Kreis. Die Folge: Weiche Knie und ein breites Lächeln. „Es geht vorwärts, noch eine Runde!“, sagt Mischa Kreft ins Mikrofon. Er liebt das, was er tut.

Mischa Kreft liebt seinen Beruf. Den Musikexpress jagt der 40-Jährige auf der Kirmes im Kreis.
Mischa Kreft liebt seinen Beruf. Den Musikexpress jagt der 40-Jährige auf der Kirmes im Kreis. © Irina Höfken © Irina Höfken

Der 40-Jährige hat das Fahrgeschäft von seinem Vater übernommen, ist quasi seit der Geburt Schausteller. Etwas anderes zu tun, kann er sich nicht vorstellen. Obwohl gerade er und seine Kolleginnen und Kollegen der Veranstaltungsbranche von der Corona-Pandemie immer wieder hart getroffen werden. Sobald die Infektionszahlen steigen, werden (Groß-)Veranstaltungen abgesagt.

900 Menschen im Schnitt auf der Kirmes in Lünen am Tag

Bis zum 8. August kann Mischa Kreft die Besucherinnen und Besucher des Kirmesparks in Lünen noch im Kreis jagen – danach ist erst mal wieder Schluss. “Wir haben noch nichts weiter geplant. Wir müssen schauen, welcher Verein Mut fasst, wieder etwas auf die Beine zu stellen. Immerhin ist das ein Kostenaufwand“, sagt er. Die Lüner Kirmes empfindet er als Licht am Ende des Tunnels – in den er geradewegs wieder hineinsteuert.

Bis zum 8. August dreht sich der Musikexpress auf dem Parkplatz des Hilpert-Theaters in  Lünen.
Bis zum 8. August dreht sich der Musikexpress auf dem Parkplatz des Hilpert-Theaters in Lünen. © Irina Höfken © Irina Höfken

Dabei kommt das Freizeit-Angebot in Lünen super an: Im Schnitt sind 900 Besucher pro Tag gekommen, gleichzeitig können maximal 1000 Menschen auf den Kirmesplatz. Wegschicken mussten sie aus Kapazitätsgründen laut Schausteller-Chef Patrick Arens noch niemanden: „Es gibt immer einen guten Flow.“

Ein Problem gebe es nur mit Jugendlichen unter 18 Jahren, die keine Einverständniserklärung der Eltern mitbringen, dass sie getestet werden dürfen. Denn nur Getestete, Genesene und Geimpfte haben Zutritt zum Kirmesgelände. Ohne Nachweis, kein Eintritt – so lautet die Regel.

Perspektive: Finanziell sieht es düster aus

Die nächsten Termine wären die Lünsche Mess, der Aplerbecker Apfelmarkt oder das Schwelmer Heimatfest. Corona-bedingt sind diese aber abgesagt. Die Schaustellerinnen und Schausteller steuern wieder auf die Perspektivlosigkeit zu. Finanzielle Sicherheit gibt es keine. Noch bleibt aber die Hoffnung, dass im Herbst die Kirmessaison startet – der nächste Termin wäre die Sim-Jü in Werne Ende Oktober.

Schausteller-Chef Patrick Arens hofft, dass die Kirmessaison im Herbst wieder startet.
Schausteller-Chef Patrick Arens hofft, dass die Kirmessaison im Herbst wieder startet. © Irina Höfken © Irina Höfken

Finanziell sieht es bis dahin düster aus: „Die alten Rücklagen sind aufgebraucht, neue können wir keine schaffen. Die Einnahmen der mobilen Freizeitparks sind der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Wir hoffen, dass die Frist der Überbrückungshilfen bis zum Ende des Jahres ausgeweitet wird. Nach jetzigem Stand ist Ende September Schluss“, sagt Patrick Arens. Einige Kollegen warten noch immer auf die Auszahlung der November- und Dezemberhilfen aus dem vergangenen Jahr.

„Allen geht es schlecht, nicht nur uns“

Trotzdem ziehen die Schaustellerinnen und Schausteller die Preise ihrer Fahrgeschäfte nicht an. Eine Fahrt mit dem Musikexpress auf der Lüner Kirmes kostet 3,50 Euro. Mischa Kreft: „Allen geht es schlecht, nicht nur uns. Wir wollen ja, dass die Leute nochmal wieder kommen und nicht sagen, dass es zu teuer ist.“ Nach so langer Zwangspause überhaupt wieder arbeiten zu können, ist für ihn ein herrliches Gefühl.

Maria Hornig steht hinter der Auslage von gebrannten Mandeln, Lebkuchenherzen und Popcorn vom Mandelschlösschen und strahlt. „Für mich ist das kein Job, sondern eine Lebenseinstellung!“, sagt sie. Die 38-Jährige ist Schaustellerin in der fünften Generation und stolz darauf. „Schon als Kind habe ich die ersten Äpfel und Popcorn gemacht. Ich kenne nichts anderes“, sagt sie.

Eine berufliche Umorientierung kann auch sie sich nicht vorstellen: „Es gibt immer Krisen. Die ganze Welt ist in der Krise. Da müssen wir alle durch.“

Über die Autorin
Volontärin
Ist am Niederrhein geboren und aufgewachsen. Hat Germanistik und Kunstgeschichte studiert und lebt seitdem in ihrer Wahlheimat Bochum. Liebt das Ruhrgebiet und all seine spannenden Menschen und Geschichten.
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Irina Höfken

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