Senioren-WG in Lünen: Eine Alternative zum Pflegeheim

mlzWohnen im Alter

Eine Wohngemeinschaft beherbergt meistens junge Studierende. Doch in der Ulmenstraße in Lünen leben nur Senioren zusammen. Die Vermieter des Hauses setzten vor allem auf die Autonomie.

von Kimberly Becker

Lünen

, 01.08.2020, 16:43 Uhr / Lesedauer: 4 min

Das Reihenhaus in der Ulmenstraße wirkt wie jedes andere Haus, in dem kleine Familien leben. Nummer 11 und 15 heben sich zwar nicht äußerlich von den restlichen Häusern ab, doch ihre Mieter und die Art, wie sie zusammen leben, gestalten sich dort etwas anders. Zwei außergewöhnliche Wohngemeinschaften beziehen dort die Zimmer. Es handelt sich dabei nämlich nicht um das typisch studentische Zusammenleben, sondern um Senioren, die nach einer Alternative zum Pflegeheim gesucht und sie gefunden haben.

Neues Wohnkonzept

Heinz-Dieter Schröder hat 2007 „mit viel Idealismus" die beiden Häuser vom Bauverein angemietet und die erste Lüner Senioren-WG ins Leben gerufen, um ein diverses Angebot für ältere Menschen zu schaffen, die sich in einem Pflegeheim nicht wohlfühlen. Er wolle damit herkömmliche Pflegeeinrichtungen nicht schlecht reden, denn diese seien sehr wichtig. Dennoch wollte er einen anderen Ansatz für das Wohnen im Alter finden. Er vermietet nun zwei Häuser, mit Liften im Wohnraum und nach außen in den Garten, großer Küche, rundum Pflege bei Bedarf, und Individualität durch die verschiedenen Mieter.

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Groß geschrieben wird insbesondere die Eigenverantwortung der Mieter sowie die Vermeidung von Unpersönlichkeit und Einsamkeit. „Niemand soll hier allein sein. Einsamkeit ist ein wichtiges Thema bei älteren Menschen. Es ist immer jemand da, mit dem man sich unterhalten kann", sagt Barbara Schröder, die ihren Mann bei den Büroarbeiten für die beiden Häuser unterstützt.

Autonom in der Gemeinschaft

Die Senioren haben jeder Zeit die Möglichkeit, Pflege durch den Dienstleister Merten und Merten in Anspruch zu nehmen, sich mit den Mitbewohnern in einer Gesprächsrunde zusammenzusetzen oder an den Veranstaltungen, die die Vermietung plant, teilzunehmen. „Manche gehen ganz allein ihre Runden, andere gehen zusammen mit einem Pfleger spazieren, oder man macht in der Gruppe Sitztanzen", so Barbara Schröder.

Jeden Monat wird für Essen, Hygieneartikel und sämtliche Gegenstände des Alltags ein bestimmter Betrag in die Haushaltskasse geworfen. Außerdem können die Mitbewohner den Speiseplan mitgestalten und auch mitkochen. „Wenn ein Mieter das Essen mal nicht mag, dass kann er sich natürlich etwas anderes für sich kochen“, erklärt Barbara Schröder. Jeder Mieter soll sich wie Zuhause fühlen und auch ein Stück aus seinem alten Heim mitbringen.

Das eigene Reich

Renate Wittenbreder ist 82 Jahre alt, lebt seit drei Jahren in der Wohngemeinschaft und fühlt sich dort sehr wohl. Sie und die Pflegerin, Katrin Steuer, erinnern sich sogar noch genau an den Einzug. „Zuhause ist es doch immer noch am schönsten“, sagt die ehemalige Buchhalterin und findet es gut, dass sie trotzdem in der Nähe ihres Sohnes wohnt. „Jeden Morgen radelt er vorbei und bringt mir die Zeitung", so Wittenbreder. Sie liest neben der Zeitung auch sehr gerne Bücher, die sich neben ihrem Sessel türmen. Das Zimmer hat sie sich selbst eingerichtet. Besonders wichtig ist ihr der Teppich und ihre selbst gestickten Bilder, die an der Wand hängen. „Leider kann ich wegen der Arthritis nicht mehr sticken“, sagt die 82-Jährige.

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Dazu besitzt sie einen Fernseher, den sie aber erst am Nachmittag einschalte. „Dann schaue ich am liebsten Bares für Rares. Da merkt man erst mal, was man alles noch hätte behalten können", sagt die Mieterin. Auch wenn es ihr in der WG gefällt, so hat sie dennoch ab und zu ihre Schwierigkeiten mit den Mitbewohnern. „Ich wünsche mir, mich manchmal noch mehr mit anderen unterhalten zu können. Das fällt mir schwer, wenn die anderen stark dement sind“, erklärt sie.

Umgang mit Krankheit und Pflege

Einige der Mieter sind an Demenz erkrankt, wobei manche Verläufe fortgeschrittener sind als andere. „Demenz ist eine schlimme Krankheit", sagt Barbara Schröder und betont, dass auch deshalb eine eins zu eins Betreuung und Pflege in der WG gibt, die 24 Stunden abrufbar ist. „Bettlägerige und sehr kranke Menschen nehmen wir nicht auf, da die Autonomie nicht mehr gegeben ist“, so Heinz-Dieter Schröder. Natürlich kann sich die gesundheitliche Situation noch verschlechtern und dann würden die Mieter natürlich nicht rausgeworfen werden. Sind sie erst einmal in der WG, dann bleiben sie auch bis zum Lebensende.

Die meisten seien jedoch bei Einzug sehr fit, und die Gesundheit wird daraufhin erst schlechter.

„Die Musik ist beim Umgang mit Demenz sehr wichtig“, sagt Barbara Schröder. Einmal habe eine Frau, die nicht mehr sprechen konnte, auf einmal begonnen bei einem Auftritt einer Akkordeon-Spielerin mitzusingen und zu summen. Barbara Schröder ist überzeugt: „Die Musik regt das Gedächtnis an.“

Zusammen fit bleiben

Viel Sport ist zwar für die meisten nicht mehr möglich, aber jeder Mieter hat seine Aufgaben in der WG, die dabei helfen sollen, geistig und körperlich mobil zu bleiben. Waltraud Escherig strickt zum Beispiel gerne und Hannelore Blattner faltet am liebsten. „Wir bleiben beweglich“, sagt Escherig.

Sie sitzt gemeinsam mit ihren Mitbewohnern Konrad Stiel, Hannelore Blattner und Christel Wagner auf einem knall roten Sofa im großen hellen Wohnzimmer. Dort unterhalten sie sich über alltägliches wie das Essen - denn es hat den beliebten Matjessalat gegeben - und über vergangene Zeiten.

„Ich lebe hier unter so vielen Frauen. Wie damals als ich bei der Post gearbeitet habe. Da gab es auch fast ausschließlich Briefträgerinnen. Damit kann ich also umgehen“, witzelt Konrad Stiel.

Besonders positiv empfinden alle Mieter, dass sie so lange schlafen dürfen wie sie wollen. Niemand ist an einen strikten Tagesplan gebunden. Langschläferin Hannelore Blattner gefällt das am meisten in der Runde.

Die Mieterin Christel Wagner sitzt dabei, an dem Gespräch beteiligt sie sich aber nicht. „Gerade, dass hier gesündere Menschen und solche mit stärkerer Beeinträchtigung zusammen leben, ist sehr hilfreich. Die Fitteren haben immer ein Auge auf die anderen und kümmern sich zum Beispiel darum, dass sie immer Wasser zum Trinken haben, oder mal eine Banane essen", erklärt Pflegerin Katrin Steuer. Die Senioren ergänzen sich gegenseitig.

Bewerbung um ein Zimmer

Gerade in Fällen, in denen sich die Senioren schon in einem etwas fortgeschritteneren Stadium an Demenz befinden, bewerben sich stellvertretend die Angehörigen um ein Zimmer und schauen sich gemeinsam mit dem potentiellen Mieter die WG an. Nun ist die Lage für die Vermietung während der Pandemie erschwert, und es gestaltet sich schwierig, Bewerber herumzuführen. „Eine ältere Frau hat sogar Angst bekommen als sie mit ihren Kindern hier gewesen ist, da wir alle Schutzanzüge tragen mussten. Das hat sie total abgeschreckt, aber anders ist es momentan nicht möglich", berichtet Heinz-Dieter Schröder.

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