Sich abhanden gekommen

Brambauer Frau B. schält Kartoffeln. Herr Scholz liest aus der Zeitung vor. Herr D. döst. Frau Merten streichelt Frau B. über die Schulter. Frau B. und Herr D. sind alt und dement. Herr Scholz ist jung und Altenpflege-Schüler. Frau Merten leitet die AWO-Tagespflege.

19.06.2007, 19:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Heute sind zwölf Tagespflege-Gäste da. Andre Scholz ist fast immer da. Er liest jeden Morgen aus der Zeitung vor. Je näher das Ereignis, desto größer die Augen am Tisch. «Den kenn´ ich», sagt Herr D. Herr Scholz hat gerade den Namen des Präsidenten des Schützenvereins vorgelesen. Herr D. kennt den.

Frau B. schält Kartoffeln. Vielen der Tagespflege-Gäste ist das eigene Ich abhanden gekommen.

«Altersdemenz nimmt ständig zu», sagt Andrea Merten, die Leiterin. «Wir wollen aktivieren, motivieren und stabilisieren.»

Frau Wawschinak ist Altenpflegerin. «Sie müssen heute ganz ganz viel trinken, Frau Rüters (Namen geändert)», sagt sie.

Die Gäste kommen um 8 Uhr und bleiben bis 17 Uhr. Ein Bus holt sie ab und fährt sie nach Hause.

Die AWO bietet etwas Neues an. Die Drei-Stunden-Tagespflege. «Das geht entweder von 9.30 bis 12.30 oder von 14 bis 17 Uhr», sagte Andrea Merten. Dazu kommen das Mittagessen bzw. Kaffee und Kuchen.

Das Telefon geht. «Ja, Ihr Vater ist hier», sagt Andrea Merten. Pause. «Ja, das verstehe ich.» Pause. «Ihr Vater lebt in seinen eigenen Vorstellungen.» Pause. «Das können Sie ihm nicht ausreden.» Ende. Telefonanrufe, sagt Andrea Merten, nehmen viel Zeit in Anspruch. Die seien aber wichtig.

«Frau Rüters, kommen Sie, hier, trinken Sie. Sie müssen viel trinken, hören Sie das?» Frau Wawschinak will, dass die alten Leute viel trinken.

Parallelwelt

Das neue Drei-Stunden-Angebot kann nach dem Pflegeleistungs-Ergänzungsgesetz in Anspruch genommen werden. «Es ist ein niederschwelliges Angebot», sagt Andrea Merten.

Demenzkranke leben in einer Parallelwelt. Hinter einem Vorhang zum aktuellen Leben, sozusagen. Gefangen im Gestrigen. Gefesselt von Abgeschnittensein.

«Oft trauen sie sich Dinge zu, die sie früher selbstverständlich konnten, aber heute nicht mehr», sagt Andrea Merten. Wie Wasserlassen.

Probleme fragen nicht, ob sie ein schönes Thema abgeben. Das Zeitungslesen ist beliebt. Herr Scholz, der Vorleser, auch.

Herr Scholz liest: «Alle Kohlekraftwerke müssen bis zum Jahr 2020 einen CO2-freien Standard haben.» Frau B. schält Kartoffeln. Frau Merten streichelt Frau B. über die Schulter.

«Sie müssen heute viel viel trinken, Frau Rüters», sagt Frau Wawschinak.

Herr Scholz legt die Zeitung beiseite. «Sie können aber schön Kartoffeln schälen.» Frau B. lächelt.

Karl-Heinz Knepper

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