Das Steag-Kraftwerk Im Abendlicht. Längst ist nur noch ein Torso geblieben, der am Sonntag gesprengt werden wird. © Günther Goldstein
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Steag-Kraftwerk in Lünen: Neun Rekorde des Energieriesen an der Lippe

Mit Mittelmaß hat sich das Steag-Kraftwerk nie zufrieden gegeben. Seit 80 Jahren ist es immer gut für Rekorde und sorgt selbst zum Schluss noch für einen: Deutschlands größte Sprengung.

Als 1968 der neue Schornstein des Steag-Kraftwerks 250 Meter in die Höhe ragte, blickte nicht nur Deutschland nach Lünen: Der lange Lulatsch, wie er im Volksmund damals hieß, war der längste Schornstein Europas. Sein etwas dicklicherer Kollege, der zur gleichen Zeit entstandene Kühlturm – stolze 110 Meter auf einem Fundament von 85 Quadratmetern – gehörte zu den ersten seiner Art mit so einer Größe. Beides wird bei der Sprengung am Sonntag (28. 3.) ab 10.30 Uhr in sich zusammenfallen – zusammen mit Pumpenhaus, Bunkerschwerbau und Rauchgasentschwefelungsanlage. Höchste Zeit, sich noch einmal sieben rekordverdächtige Fakten des Kraftwerks vor Augen zu führen.

1. Das erste Kraftwerk der Steag

Lünen ist die Keimzelle der Steag. Es war der 20. September 1937, als das Rheinisch-Westfälische Kohlen-Syndikat, eine Absatzorganisation des westdeutschen Steinkohlenbergbaus, in Lünen zusammenkam und die Steinkohlen-Elektrizität AG geründete: kurz Steag. Das Gemeinschaftsunternehmen sollte mit Blick auf die nationalsozialistische Rüstungs- und Autarkiepolitik zwei Großkraftwerke bauen: in Lünen und Mark. Ihr Zweck: den Energiebedarf für das Aluminium produzierende Lippewerk Lünen und das Kunst-Kautschuk herstellende Buna-Werk Hüls decken. Lünen liegt vorne: Im neuen Kraftwerk in Lippholthausen nimmt nach zweijähriger Bauzeit Ende 1940 der erste der insgesamt vier 45-MW-Turbogeneratoren die Produktion auf. 1943 erreicht die Anlage die volle Kapazität.

2. Die ersten Steine aus Abfall

Wohin mit der Asche, die bei der Stromgewinnung im Kohlekraftwerk entsteht? Die Kraftwerkspioniere in Lünen hatten anfangs eine pragmatische, aber wenig umweltfreundliche Lösung gefunden. Sie haben die Asche anfangs in den Rieselfeldern ausgestreut. Ende der 1940er-Jahre kamen Steag-Techniker auf eine bessere Idee. Sie machten aus dem Abfall zwar kein Gold, aber Geld: in Form von Bausteinen namens Steanit. 1950 startete die Massenproduktion. 1974 freute sich der Steag-Steinwerk-Chef mitteilen zu können, dass 600 Millionen Steine jährlich über das Fließband fahren. Damit ließen sich 62.000 Wohneinheiten bauen : eine ganze Stadt.

3. Großes Glück beim größte Unglück

Das Kraftwerk ist eine hochkomplexe Industrieanlage. Gefahren für Leib und Leben gehören zum Alltag dazu. Am 26. Oktober 1994 hätte es ganz übel enden können. Eine Detonation schreckte an diesem Tag im weiten Umkreis die Menschen auf. Im Nu raste der damalige stellvertretende Kraftwerksleiter Klaus Schwarze zu seiner Arbeitsstätte und sah ein Bild der Zerstörung: Der 500 Grad heiße Dampf hatte mit großem Druck die Außenhaut des Kesselhauses geradezu weggerissen. Das zu sehen, war ein Schock, der Schwarze auch mehr als 25 Jahre später immer noch in den Knochen sitzt. Und gleichzeitig gab es für ihn ein großes Aufatmen. Denn niemand war bei der folgenschweren Explosion zu Schaden gekommen. Den Schaden in einem dreistelligen Millionenbetrag beglich zum großen Teil die Versicherung.

1968 wurde der 110 Meter Kühlturm gebaut, der auf einem 85 Quadratmeter großen Fundament steht.
1968 wurde der 110 Meter Kühlturm gebaut, der auf einem 85 Quadratmeter großen Fundament steht. © Ruhr Nachrichten Archiv © Ruhr Nachrichten Archiv

4. Größtes Glück bei großem Unglück

Es war nicht der schlimmste Unfall auf dem Kraftwerksgelände, was da am 11. März 1968 passierte. In den 80 Jahren des Betriebs gab es auch tödliche Unfälle zu beklagen. Für die beiden Männer, die an diesem Märztag betroffen waren, ging es aber glimpflich aus. Unglaublich glimpflich. Beim Bau des höchsten Schornsteins Europas war es passiert. Der später 250 Meter große Schlot war zu diesem Zeitpunkt gerade 37 Meter hoch gemauert: auch schon eine enorme Höhe – vor allem, wenn so etwas passiert: Ein Fahrstuhl im Innern der Turmbaustelle hatte sich gelöst: vermutlich ein gerissenes Seil. Der Fahrstuhl mit dem Betriebsleiter und dem Bauführer sauste hinab. „Die beiden Männer kamen mit Knochenbrüchen an den Füßen und Schockeinwirkung davon“, war damals in der Zeitung zu lesen. Lebensgefahr habe nicht bestanden.

5. Erste Hilfe für die Lippe

Wie Perlen an einer Schnur reihen sich die Kraftwerke entlang der Lippe. Kein Zufall. Denn das Flusswasser diente als Kühlwasser. Ein dicker Kühlturm fehlt auf den ersten Aufnahmen des in Betrieb gegangenen Werkes aus dem Jahr 1940. Ende der 1960er-Jahre war Schluss mit der sogenannten Freiwasserkühlung. Der moderne Kühlturm mit seinen beachtlichen Maßen – 110 Meter hoch mit einem Grunddurchmesser von 81,75 Metern – sorgte für einen Wasserkreislauf. Pro Stunde wurden 30.000 Kubikmeter Wasser in dem Turm abgekühlt, so dass nur das Wasser ersetzt werden musste, das oben als Schwaden verdampfte. Das senkte die Wasserkosten. Vor allem erfreute es die leidende Lippe – aber erst langsam. Der Fluss, in den an vielen Stellen stark chloridhaltiges Grubenwasser gepumpt wurde, führte damals jede Menge Salz mit sich. Diese Belastung bekamen dank des neuen Kühlturms die Lünerinnen und Lüner unmittelbar vor Augen geführt – in Form eines leichten Salzregens, der sich auf die Fensterscheiben legte, wie 1970 zu lesen war.

Unter Dampf steht das Kraftwerk schon seit mehr als zwei Jahren nicht mehr. © Günther Goldstein © Günther Goldstein

6. Betonierung des Langen Lulatsch in Rekordzeit

Dass er der größte Schornstein Europas ist, ist nicht der einzige Rekord, den der 250 Meter hohe Lange Lulatsch aufzuweisen hat. Das Fundament wurde auch in Rekordzeit betoniert: non Stop in 30 Stunden. Im Dezember 1967 von Freitagmittag, 12 Uhr, bis Samstagabend. Der Durchmesser des Fundaments beträgt 30 Meter, die Höhe 3,60 Meter. 500 Wagenladungen mit Beton kamen rund um die Uhr aus Lünen und Castrop zum Kraftwerksgelände. 2500 Kubikmeter Beton. Das würde für 100 Einfamilienhäuser reichen, rechneten Berichterstatter damals aus.

7. Erste Erfahrungen mit flüssiger Kohle

Eine echte Vision im Ruhrgebiet der 1960er-Jahre: Zechen haben keine Fördertürme mehr. Und auch keine Halden. Stattdessen brechen Automaten die Kohle unter Tage, zermahlen und vermischen sie mit Wasser: ein Gemisch, das in Pipelines über zig Kilometer direkt zu den Kraftwerken gepumpt wird. Bei einer Vision ist das geblieben. Das Steag-Kraftwerk hat allerdings sehr reale Schritte dorthin gemacht und flüssige Kohle verfeuert. Eine 3000 Meter lange Pipeline gab es auch schon. 1966 zog der damalige Kraftwerksdirektor Wirthwein zufrieden Bilanz. Es gehe durchaus, Kohle so flüssig wie Öl zu machen, sagte er zum Abschluss eines Großversuchs. Er sah aber auch Verbesserungspotenzial. Andere sahen das wohl ebenso.

8. Beste Energie für die Deutsche Bahn

Züge Brauchen Energie aus den Oberleitungen: einen besonderen Strom. Das Bahnstromnetz hat eine eigene Frequenz von 16,7 Hertz. Das öffentliche Stromnetz ist dagegen ein 50-Hertz-Netz. Es braucht Umformer und Umrichter, um den Strom entsprechend umzuwandeln – oder es braucht eines direkten Energieversorgers, der für die speziellen Bedürfnisse der Bahn produziert: wie das Steag-Kraftwerk ab Herbst 1984. Dazu brauchte es eines Bahnstrom-Turbosatzes mit einer Nennleistung von 110 MW und 36 Freileitungsmasten, die zum Teil 54 Meter hoch waren.

9. Platz 12 der 30 klimaschädlichsten Kraftwerke

Die Rauchgasentschwefelungsanlage des Steag-Kraftwerks ist bereits gesprengt. 1988 hatte der damalige Minister Matthiesen sie in Betrieb gesetzt: eine Zäsur, wie der Politiker damals sagte. Die Luft werde dadurch reiner, der Strom allerdings geringfügig teurer. Bei der Erneuerung allein blieb es nicht. Kontinuierlich investierte das Kraftwerk in Umwelttechnik. Trotzdem: Als die Umweltschutzorganisation WWF 2006 die 30 klimaschädlichsten Kraftwerke Deutschlands aufzählte, kam das Steag-Kraftwerk in Lünen auf Rang 12.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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