Umstrittene Aussagen zur Corona-Gefahr: Lüner Arzt erntet Widerspruch

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Ein Leserbrief sorgt für Unruhe in der Corona-Krise in Lünen. Der Lüner Arzt Dr. Karsten Karad fordert darin eine Rückkehr zur Normalität. Manche seiner Behauptungen sind schlicht falsch.

Lünen

, 08.07.2020, 21:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gegen die Corona-Angst!“, so hatte Dr. Karsten Karad seinen Leserbrief überschrieben, der am 4. Juli in der gedruckten Ausgabe der Ruhr Nachrichten erschienen war. Dafür gibt es viel Wider- aber auch Zuspruch, unter anderem bei Facebook, wo in weit über 100 Kommentaren diskutiert wird.

Karad ist Allgemeinmediziner und praktiziert im Stadtzentrum. Als Zusatzbezeichnungen gibt er im Lebenslauf „Homöopathie, Chirotherapie, Naturheilverfahren, Akupunktur und Sportmedizin“ an.

Der erste an Corona Gestorbene

Beim ersten Lüner Patienten, der an Covid 19 gestorben ist, sagt Karad, handele es sich um einen Menschen, der die Infektion schon überstanden hatte, dann Wochen später an einer anderen Erkrankung gestorben sei. „Ist hier Corona/Covid-19 die Ursache?“, fragt er. Eine Leserin widerspricht. Das erste Corona-Todesopfer sei eine Frau gewesen, die zwar vorerkrankt, aber an Corona gestorben sei. „Wäre der Lockdown einige Tage vorher gekommen, wäre die Dame vielleicht noch am Leben.“

Tatsächlich ist häufig nicht klar, ob die Menschen mit oder an Corona sterben, sagt auch Volker Heiliger, Sprecher der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Um das im Einzelfall genau zu sagen, müsste mehr obduziert werden. Aber: „Von Covid-19 geht eine große Gefahr aus, das darf nicht unterschätzt werden.“

Die zweite Welle

Karad bezweifelt, dass es eine zweite Infektionswelle geben wird: „Merkwürdig - die zweite Welle hat es nirgendwo auf der Welt gegeben, auch nicht nach den Lockerungsmaßnahmen in Österreich, Italien oder Spanien. Verbranntes Land brennt eben nur einmal.“

Heiliger von der Ärztekammer verweist da auf die aktuelle Lage beispielsweise in Israel. Dort hatte man die Situation beruhigt, die Pandemie schien besiegt, es gab weniger als 30 Neuinfektionen pro Tag im Mai. Seit Juni gehen die Zahlen wieder hoch, jetzt sind es an einem Tag über 1000. Mittlerweile steht das Land kurz vor einem zweiten Lockdown. Die Bild-Zeitung zitiert Pofessor Eli Waxman, einen Berater der israelischen Regierung: „Wir haben die Kontrolle über die Pandemie verloren.“
Auch in Deutschland bestehe diese Gefahr, sagt Heiliger, spätestens im Herbst - wenn die Vorgaben der Coronaschutzverordnung nicht weiter umgesetzt würden.

Die Situation in Gütersloh

Es gebe laut Karad nach dem Ausbruch beim Schlachter Tönnies zwar „einige positiv Getestete“, aber behandelt werden müsse „so gut wie keiner, außer vielleicht wegen Depression, weil er nicht in Urlaub fahren darf“. Tatsächlich wurden weit über 1000 Menschen positiv getestet, schon kurz nach Bekanntwerden des Ausbruchs im Juni außerdem fünf Tönnies-Mitarbeiter intensivmedizinisch behandelt, sie mussten teilweise auch beatmet werden. Wird ein Patient erst einmal beatmet, ist die Situation so dramatisch, dass die Überlebenschancen drastisch sinken. Aktuell (7.7.) werden laut Kreisbehörde 22 Patienten im Kreis Gütersloh „intensivpflegerisch versorgt“, zwei müssen beatmet werden.

Die Kosten des Testens

Jeder Test koste die Krankenkasse 59 Euro, schreibt Karad, das sei das Budget für Arzneimittel eines 50-Jährigen für drei Monate. „Das werden wir alle über die Krankenkassenbeiträge bezahlen müssen.“

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Zu den genauen Zahlen kann und will Heiliger, der Sprecher der Ärztekammer, nichts sagen. Aber: „Es ist klar, dass die Pandemie das Gesundheitssystem stark belastet.“ Gesundheitsminister Jens Spahn sagt zu der Problematik: „Wenig zu testen ist teurer, als viel zu testen.“ Nur durch möglichst viele Tests sei es möglich, das Virus im Keim zu ersticken. „Am Geld soll das nicht scheitern.“

Die Rückkehr zur Normalität

Karad schließt den Leserbrief mit der Forderung, man müsse zur Normalität zurückkehren: „Wir brauchen keine ,neue Normalität‘ mit Abstandsregelungen (die sowieso nicht eingehalten werden), Masken und Eisschleckverordnung.“ Dazu sagt Heiliger: „Es gibt die Vorgaben, die sind berechtigt, wir sind da auf dem richtigen Weg. Solange kann es keine Normalität geben.“

Das sagt Dr. Karad dazu

Karad bekräftigte am Mittwoch (8.7.) seine Aussagen auf Anfrage noch einmal. Beispielsweise gebe es in Israel momentan keine zweite Welle, die erste sei nie vorbei gewesen. Dass es in ganz China bisher keine zweite Welle gebe, sei der Beweis für seine Aussage.

Wenn das Tragen von Schutzmasken so sehr helfe, wieso gebe es dann weiter Hotspots wie in Gütersloh? Wieso gebe es in den Niederlanden so viele Fälle, wo dort doch das Hygienemanagement in den Kliniken so gut sei? Es gebe einfach viele offene Fragen.

Karad verwies im Gespräch auch auf ein Video, das er auf seiner Homepage geteilt hat. Es handelt sich um ein Video der schweizerischen „Expresszeitung“, in dem es um das Event 201 geht, bei dem im Oktober 2019 ein Corona-Pandemie-Szenario schon einmal durchgespielt wurde. Wenige Monate vor dem tatsächlichen Ausbruch der Pandemie.

Organisiert wurde das Ganze von der Bill & Melinda-Gates-Foundation, der Johns Hopkins Universität und dem Weltwirtschaftsforum. Man müsse überhaupt „gucken, wo Bill Gates überall seine Finger drin hat“, sagt Karad im Bezug auf das Video. Es stellt angebliche Verstrickungen mehrerer Beteiligter dar und spricht ausschließlich vom „vermeintlichen Corona-Ausbruch“. Die „Expresszeitung“ wird im Online-Portal Watson schon 2017 als „Aluhut-Zeitung“ bezeichnet: ein „Sammelsurium von Verschwörungstheorien aller Art“.

Hauptredakteur ist laut Impressum Tilman Knechtel, der unter anderem als Autor des Buchs „Die Rothschilds: Eine Familie beherrscht die Welt“ und Autor des rechtsextremen Magazins „Compact“ in Erscheinung getreten ist.

Dass ein solches Szenario wie beim Event 201 anhand eines Coronavirus durchgespielt wird, hat übrigens wissenschaftliche Gründe, sagte der Journalist Jürgen Döschner im Deutschlandfunk - eben weil es schon zwei Corona-Varianten über das Tier zum Menschen geschafft hätten. Nur: Gefahr und Ausmaß des Virus sei in dem Planspiel noch unterschätzt worden.

Der Lüner Ärzteverein wollte sich nicht zu dem Leserbrief äußern.

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Der Leserbrief im Wortlaut

Gegen die Corona-Angst! Vielleicht ist ja auch mal ein Bericht aus der unmittelbaren „Corona-Front“ in der Hausarztpraxis interessant. Corona-Epidemie in China. Die Nachrichten überschlugen sich. Auch in Lünen bereitete man sich auf das Schlimmste vor. Chefarzt Dr. Lenfers und seine Krankenhaus-Crew bewältigten ihre Aufgabe sehr professionell. Eine Beatmungsstation wurde aufgebaut. Und dann kam das große Warten auf „die Welle“. Ab Ende März – da war das Virus bereits drei Monate hier in Deutschland, in fast jedem Ort – entschlossen wir uns, in der Praxis Atemschutzmasken zu tragen und die Hygienemaßnahmen noch weiter zu erhöhen. Alle leben in Angst und Schrecken. Und dann die Meldung: „Auch Lünen hat nun seinen ersten Corona-Toten!“ Allerdings war dies jemand, der die Infektion bereits überstanden hatte und dann einigen Wochen später an einer anderen Erkrankung verstorben ist. Das ist tragisch, gerade, wenn es ein jüngerer Mensch ist, aber ist hier Corona/Covid 19 die Ursache? Zurzeit haben wir ca. 200.000 positiv getestete Personen in Deutschland; jeder weiß, dass die Dunkelziffer viel höher ist. Und ja, auch von diesen 200.000 Menschen wird mal einer sterben, besonders von den über 90-Jährigen! Sind das dann alles Corona-Tote? Jetzt zu unserer relativ großen Hausarztpraxis: Seit Anfang des Jahres haben wir 68 Corona-Tests durchgeführt. Davon waren 3 positiv. Keiner der drei Patienten war ernsthaft erkrankt, allenfalls leichte Grippesymptome. Seit Januar hatten wir überhaupt nur einen Pneumonie-Fall (= Lungenentzündung), und der war bereits im Januar 2020, sicher ohne Corona-Bezug. Diese Virus-Saison war überhaupt recht mild! Ja, aber es kommt ja wohl noch die „Zweite Welle“! Merkwürdig, - die zweite Welle hat es nirgendwo auf der Welt gegeben, auch nicht nach den Lockerungsmaßnahmen in Österreich, Italien oder Spanien. Verbranntes Land brennt eben nur einmal. Und hier bei uns? Mit den Hotspots werden wir leben müssen, aber wir können es auch! Gütersloh? Ja, einige positiv Getestete gibt es, aber behandlungsbedürftig ist davon so gut wie keiner, außer vielleicht wegen Depression, weil er nicht in Urlaub fahren darf. Noch mehr Tests machen? Jeder einzelne Test kostet der Krankenkasse 59,- Euro! Das entspricht ungefähr dem Arzneimittelbudget für 3 Monate eines 50-Jährigen. Und das werden wir alle über die Krankenkassenbeiträge bezahlen müssen. Mein Plädoyer: Wir brauchen keine „neue Normalität“ mit Abstandsregelungen (die sowieso nicht eingehalten werden), Masken und Eisschleckverordnung. Wir sollten einfach wieder zur guten alten Normalität zurückkehren. Dr. Karsten Karad, Lünen
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