Der Aufzug funktioniert fast nie, Scheiben werden eingeschlagen, Wände beschmiert. Am Preußenbahnhof ist ständig etwas. Das merken die, die auf Hilfe angewiesen sind. Und nervt Pendler.

Lünen

, 17.09.2018, 18:35 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vor kurzem, da ist Heike Mittmann wieder einmal verreist. Die 63-Jährige hat Ataxie, eine Störung des Nervensystems, und sitzt im Rollstuhl. Funktioniert der Aufzug am Preußenbahnhof nicht, hat sie ein Problem, ihre Tochter muss dann kommen und sie zu einem anderen Bahnhof bringen. Das Problem hatte sie ziemlich oft, seit der Preußenbahnhof im Februar 2017 nach vielen peinlichen Pannen neu eröffnet wurde. Immer wieder war der Fahrstuhl kaputt, meist, weil er mutwillig beschädigt wurde. So oft war das der Fall, dass Mittmann jetzt freudestrahlend erzählt: „Als ich jetzt verreist bin, hat der Aufzug funktioniert. Auf dem Hinweg UND auf dem Rückweg.“ Das ist neu, denn irgendwas ist am Preußenbahnhof eigentlich immer.

Vandalismus am Preußenbahnhof kostet Zeit, Nerven und viele Zehntausend Euro

Heike Mittmann am Gleis: Fährt der Aufzug nicht, hat sie ein Problem. © Fröhling

Die Bahn selbst gibt an, nicht genau Buch darüber zu führen, wie häufig am Preußenbahnhof etwas verschmiert, beschmutzt oder zerstört wurde. Im März gab es einen Fall, der Aufsehen erregt hat. Jugendliche hatten Scheiben zerschlagen und einen Schaden von 10.000 Euro angerichtet. Und - natürlich - die Wände beschmiert. „Putzt ruhig, bringt nur nix, wir kommen wieder“, stand da unter anderem. Ein Bahnsprecher spricht auf Anfrage von einem „Kampf gegen Windmühlen“. NRW-weit hätten 2017 Graffiti- und Vandalismusschäden die Bahn rund 2 Millionen Euro gekostet. „Das Geld würden wir lieber woanders investieren.“

„Warum macht jemand so etwas?“

Die meisten Schmierereien behebt die Bahn nach eigener Aussage innerhalb von einer Woche, steht dort Verfassungsfeindliches, geht es noch schneller. Geht man jetzt durch den Tunnel am Preußenbahnhof, sehen die Wände aus wie frisch weiß gestrichen. Guckt man genauer, sieht man die Schmierereien noch unten durch schimmern. „Warum macht jemand so etwas?“, fragt sich Heike Mittmann. Im Ort heißt es, rivalisierende Gruppen Jugendlicher würden sich gegenseitig übertrumpfen wollen. Belege gibt es dafür nicht.

Vandalismus am Preußenbahnhof kostet Zeit, Nerven und viele Zehntausend Euro

Rote Lampe an: Da fuhr der Aufzug mal wieder nicht. © Fröhling

Die Bundespolizei ist für Straftaten rund um Bahnhöfe zuständig. Volker Stall, Sprecher der Bundespolizei, hat Zahlen für Lünen. Es seien zehn Fälle von Vandalismus an Lüner Bahnhöfen aus 2018 aktenkundig, „in acht Fällen konnten dabei Tatverdächtige ermittelt werden.“ Zum Beispiel in einem Fall vom Februar. Nur: Dass es Tatverdächtige gibt, heißt nicht, das auch jemand verurteilt wird. Denn obwohl es Tatverdächtige gibt, wird das Verfahren bei der Staatsanwaltschaft immer noch „Gegen unbekannt“ geführt. Verdächtigt werden mehrere Kinder und Jugendliche, berichtet ein Sprecher. Nur: Die Zuordnung ist schwierig. Wer war tatsächlich verantwortlich? Eine Verurteilung ist nicht in Sicht.

Maike Püschel ist Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Horstmar. Sie selbst fährt regelmäßig über den Preußenbahnhof mit der Bahn. „Es ist häufig so, dass Leute vor dem Aufzug stehen und der wieder nicht funktioniert“, sagt sie. Andauernd seien auch neue Schmierereien zu sehen. „Das finden die Leute langsam nicht mehr besonders lustig“, sagt sie. Andererseits, so Püschel, scheinen sich viele mittlerweile damit abgefunden zu haben.

Das Problem mit der Kamera-Überwachung

In der Vergangenheit sei auch über Kamera-Überwachung am Bahnhof Preußen gesprochen worden, erinnert sich Püschel. Passiert sei am Ende nichts.

„Nicht schlimm“, wenn man Klaus Steffenhagen fragt. Steffenhagen ist Lüner und war viele Jahre lang Polizeipräsident in Köln. Er hat alle Sicherheitsdialoge moderiert, bei denen Bürgermeister, Ordnungsamt, Polizei und Lüner Bürger über Sicherheitsprobleme sprachen. Ein Gast dort war gebürtiger Engländer. Dort sind ganze Stadtviertel vollständig mit Kameras ausgeleuchtet. Mehr Kamera-Überwachung forderte der Mann auch für Lünen im Allgemeinen und den Preußenbahnhof im Speziellen.

Vandalismus am Preußenbahnhof kostet Zeit, Nerven und viele Zehntausend Euro

Sicherheits-Dialog im Rathaus: Mit Bürgermeister Jürgen Kleine-Frauns, Klaus Steffenhagen und dem Lüner Polizei-Chef Frank Schulz. © Foto: Fröhling

Das jedoch bringe nichts, erklärt Steffenhagen jetzt auf Anfrage. „Erstens: Viele Bahnhöfe sind Kamera-überwacht, auch die meisten Kaufhäuser. Dort gibt es trotzdem noch Kriminalität.“ Außerdem habe eine Kameraüberwachung auf einem begrenzten Raum wie am Preußenbahnhof nur dann Sinn, wenn ein Beamter die Kamera auch 24 Stunden lang im Auge habe. „Dann muss in unmittelbarer Nähe noch ein Einsatzfahrzeug stehen, das sofort eingreifen kann.“ Beides wird mit der Personallage der Lüner Polizei kaum machbar sein. In Bezug auf die Personallage verwalte man die Mängel, hatte der Lüner Polizei-Chef Frank Schulz beim letzten Sicherheitsdialog noch gesagt. Die rot-grüne Landesregierung habe es in den vergangenen Jahren verpasst, auf den Personalmangel zu reagieren, meint Steffenhagen - der selbst Sozialdemokrat ist.

Vandalismus am Preußenbahnhof kostet Zeit, Nerven und viele Zehntausend Euro

Häufige Forderung: Mehr Kamera-Überwachung. © picture alliance / Carsten Rehde

Wenn jedenfalls die Kameras nicht dauernd überwacht werden und die Polizei nicht direkt vor Ort ist, können sich die Kriminellen leicht darauf einstellen: „Die maskieren sich dann und sind weg.“ Steffenhagens Fazit: „Man darf Kameraüberwachung nicht dafür nutzen, den Leuten Sand in die Augen zu streuen. Wenn, dann muss auch ein Konzept dahinter stehen.“

Bei der Bahn heißt es, eine flächendeckende Kameraüberwachung sei „aus Gründen des Datenschutzes“ nicht möglich. Videotechnik sei nur zulässig, wenn sie „erforderlich, angemessen und verhältnismäßig“ ist. Für diese Bewertung sei insbesondere die Bundespolizei verantwortlich. Und die hat am Preußenbahnhof offenbar noch nicht Alarm geschlagen.

Mit dem Besen die eigenen Scherben weggemacht

Wie das Problem insgesamt gelöst werden könnte, weiß auch Heike Mittmann nicht. Ein wichtiger Schritt wäre aus ihrer Sicht schon, wenn es am Aufzug eine Nummer gebe, die man anrufen kann, wenn er wieder nicht funktioniert. So würde es vielleicht mit der Reparatur schneller gehen.

Im Sommer sah es länger so aus, als beruhige sich die Lage etwas. Eine Mitarbeiterin der Kanne-Filiale im Bahnhof berichtet, dass sich häufig Menschen bei ihr meldeten, wenn mal wieder etwas beschmiert oder kaputt sei. Sie hat aber auch eine bemerkenswerte Beobachtung gemacht: Dass nämlich Jugendliche sich in letzter Zeit ab und an bei ihr einen Besen ausleihen. Die kehren damit die Scherben zusammen, die sie zuvor selbst verursacht haben. Es gab also Hoffnung auf Besserung. Bis Ende August. Da waren wieder zwei Vitrinenscheiben am Bahnsteig kaputt. Kostenfaktor: 2000 Euro. Mal wieder.

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