Viele Zweifler, wenige Heimkehrer: Mehr Lüner treten aus der Kirche aus als wieder ein

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Seit Jahren steigen die Zahlen der Kirchenaustritte. Pastor Großeit aus Lünen gibt mögliche Anworten, warum Menschen anfangen zu zweifeln und warum ein Wiedereintritt auch möglich ist.

von Kimberly Becker

Lünen

, 25.07.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Immer mehr Lüner entscheiden sich zum Kirchenaustritt. Im ersten Halbjahr in 2019 waren es 222 Austritte aus der evangelischen und 254 aus der katholischen Kirche. Das teilt Dr. Niklas Nowatius, Direktor des Amtsgerichts in Lünen, mit.

Das Verfahren ist unkompliziert: Es braucht nicht viel, um aus der Kirche auszutreten: Den eigenen Personalausweis und 30 Euro. Beim Amtsgericht in Lünen werden die Personalien angegeben und der Betrag in bar bezahlt. Das war´s schon: Keine Gründe, keine Rechtfertigung, kein gehobener Zeigefinger. Jedoch wagen Menschen nicht einfach so den Schritt zum Kirchenaustritt. Pastor Thomas Großeit von der Pfarrgemeinde St. Marien in Lünen kennt die Motivation, die dahinter steckt.

Hohe Kirchensteuer ist ein Grund

„In erster Linie spielen finanzielle Gründe eine große Rolle beim Austritt“, sagt der Pastor. In NRW beträgt die Kirchensteuer neun Prozent der Lohn- oder Einkommenssteuer. Die Gebühren für den Austritt sind da bedeutend geringer. „Leute entscheiden sich auch auszutreten, wenn die Kirche die falsche Botschaft vermittelt“, so Großeit.

Sprich: Wenn die Kirche sehr konservative Entscheidungen trifft, mit denen die Menschen sich nicht identifizieren können. In Lünen könne nicht viel selbst entschieden werden, denn das letzte Wort werde immer in Rom gesprochen. „Die Kirche ist wie wir wissen nicht besonders reformfreudig und irgendwann haben die Leute einfach die Nase voll“, erklärt der Lüner Pastor. Doch dieses fehlende Vertrauen in die Kirche beziehe sich eher auf die Institution selbst, als dass der Glaube an Gott verschwinde. „Die Kritik richtet sich dann an das Bodenpersonal und nicht an Gott“, sagt er.

Wiedereintritt ist möglich - aber kompliziert

Möchte jemand wieder in die katholische Kirche eintreten, so steht ein mehrstufiges Verfahren bevor. Zunächst muss beim Büro der Gemeinde Bescheid gegeben werden, woraufhin ein Seelsorger die Begleitung und Beratung übernimmt. Es folgen Gespräche zur Motivation des damaligen Austritts und des jetzigen Wiedereintritts. Die Ergebnisse werden dann dem Bistum in Münster übermittelt, was vom Bischof abgenickt werden muss. Bei einer liturgischen Feier wird dann der Eintritt besiegelt.

„Das findet dann in der Regel in der Stille der Kammer statt, also in der Wohnung des Pfarrers oder in der Kirche, wenn keine Gottesdienste sind“, ergänzt Thomas Großeit. Die Wiederkehrer würden genauso gerne unter Ausschluss der Öffentlichkeit wieder eintreten, wie sie auch im geheimen ausgetreten sind. Einen Wiedereintritt in die katholische Kirche habe er in Lünen seit seiner Zeit bei der St.-Marien-Gemeinde noch nicht erlebt.

Keine Gesprächspflicht bei den Evangelen

Für den Bereich Lünen, Horstmar, Preußen, Brambauer und Selm kann Pfarrer Udo Kytzia von der evangelischen Kirchengemeinde Lünen 36 Eintritte im Jahr 2018 verzeichnen. „Die Eintritte können die Austritte natürlich in keiner Weise kompensieren", so Kytzia.

Besteht der Wunsch, wieder in die evangelische Kirche einzutreten, werden zwar Gespräche zur Beratung angeboten, aber die Nutzung ist freiwillig. Es gibt in jeder Stadt bestimmte Wiedereintrittsstellen, bei denen das Eintreten ebenso so einfach wie der Austritt ist. Alles außer der Unterschrift auf dem Formular ist optional - ebenso der Segenszuspruch. Genaue Gründe könne der Pfarrer nicht nennen.

Eine individuelle Entscheidung

„Manchmal haben die Menschen das Gefühl, dass sie dadurch wieder etwas in Ordnung bringen oder es gibt biografische Gründe", so Kytzia. Der soziale Faktor der Kirche bzw. ein gesellschaftlicher Druck könne nicht der Anlass zum Eintritt sein. Udo Kytzia: „Dass jemand eintreten oder wieder eintreten will, ist eine ganz persönliche Entscheidung, die jeder für sich selbst trifft“. Keine sozialen Konventionen könnten Menschen zu so einer wichtigen Entscheidung drängen.

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