Von Tennisbällen und Tunnelblick

Rauschbrille im Test

Sie ist das Highlight auf jeder Veranstaltung der Polizei: Die "Rauschbrille". Wer sie aufsetzt, der kann, obwohl stocknüchtern, am eigenen Leib erleben, wie sich die Reaktion nach dem Konsum von Alkohol verändert. Redakteur Peter Fiedler hat den Test gemacht. Hier seine Erfahrungen:

LÜNEN

von Von Peter Fiedler

, 25.03.2011, 14:17 Uhr / Lesedauer: 2 min
Von Tennisbällen und Tunnelblick

Einen Tennisball fangen? Kann doch jedes Kind. Ich aber nicht. Nicht jetzt, nicht in diesem Zustand. Stocknüchtern zwar – und gleichzeitig sturzbetrunken. Polizeioberkommissar Rainer Strehl, Verkehrssicherheitsberater bei der Dortmunder Polizei, hat mir eine „Rauschbrille“ aufgesetzt.

Sie macht vorübergehend einen anderen Menschen aus mir. Einen, der die Welt da draußen verschwommen wahrnimmt. Einen, der mit dem Gleichgewicht kämpft. Einen, der um Orientierung ringt. Kurz: Einen Menschen, der sich so verhält, als hätte er schon einiges an Alkohol gekippt. Und der dann an den einfachsten Dingen scheitert. Mit meinem Zeigefinger soll ich die Nasenspitze berühren. „Das war aber nicht mittig“, schmunzelt Rainer Strehl. Dann soll ich einen Filzstift vom Boden aufheben. Doch ich greife knapp daneben. Ich ahne schon, dass es eine Herausforderung wird, über den weißen Strich auf der Fahrbahn zu balancieren. Es geht prompt daneben. Zum Schluss die Nummer mit dem Tennisball. Von drei Bällen fange ich einen. Autofahren, in diesem Zustand? Niemals! Und doch tun es viele. Weil Alkohol langsam wirkt. Weil sich der Blickwinkel schleichend verengt. Weil die Reaktionszeiten ganz allmählich immer länger werden. Und weil sich mancher dann immer noch fit fürs Fahren fühlt, obwohl er es schon längst nicht mehr ist.

Wofür es in fröhlicher Runde manchmal Stunden braucht, das schafft die Rauschbrille binnen Sekunden. Und diesen Aha-Effekt der simulierten Trunkenheit macht sich die Polizei zu Nutze. „Die Brille ist das Highlight auf jeder Veranstaltung“, sagt Rainer Strehl. Die Brille simuliert vor allem den gefährlichen Tunnelblick, der sich unter Alkoholeinfluss einstellt. Fußgänger am Rande der Fahrbahn zum Beispiel werden dann kaum noch erfasst. Gleichzeitig verlängern sich die Reaktionszeiten auf das bis zu Dreifache des Normalen, erläutert der Polizist.

Die Rauschbrille soll die Probanden laut Hersteller in einen Zustand versetzen, der einem Alkoholgehalt von 0,4 bis 0,6 Promille entspricht, so Strehl. Allerdings gelte das nicht für Menschen, die schon an Alkohol gewöhnt sind. Die kommen offenbar mit der Brille besser klar. Wer mit Rauschbrille locker über die weiße Fahrbahnmarkierung marschiere, „den spreche ich schon mal gezielt auf seine Trinkgewohnheiten an“, erläutert der Beamte. Seit etwa drei Jahren setzt Strehl die Spezialbrille bei Veranstaltungen ein. Er weiß, dass auch einzelne Fahrlehrer die im Handel erhältliche Brille benutzen, um ihre Schüler gezielt aufzuklären.  

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