Voting zum neuen Namen des Stadtfestes endet am Donnerstag

Stadtfest-Abstimmung

Noch bis Donnerstag (28. März), 23.59 Uhr, läuft das Voting für den neuen Namen des Lüner Stadtfestes. Was die Veranstaltung für den Behindertenbeirat bedeutet, hat uns Wolfang Bennewitz erzählt.

Lünen

, 27.03.2019, 14:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Wolfgang Bennewitz (l.) beim Rundgang über das multikulturelle Stadtfest 2018. In diesem Jahr soll die Veranstaltung auf dem Willy-Brandt-Platz einen neuen Namen erhalten.

Wolfgang Bennewitz (l.) beim Rundgang über das multikulturelle Stadtfest 2018. In diesem Jahr soll die Veranstaltung auf dem Willy-Brandt-Platz einen neuen Namen erhalten. © Foto: Beuckelmann

Gemeinsam mit den Ruhr Nachrichten, der Stadtverwaltung und dem Integrationsrat hat der Behindertenbeirat zur Abstimmung für einen neuen Namen des Lüner Stadtfestes aufgerufen. Bisher hieß es „Multikulturelles Stadtfest“ - der neue Name soll jedoch die gesamte Lüner Bevölkerung ansprechen. Wir haben mit dem Vorsitzenden des Behindertenbeirates, Wolfgang Bennewitz, gesprochen.

Herr Bennewitz, welchen Stellenwert hat das multikulturelle Stadtfest Ihrer Meinung nach für Lünen?

Einen großen. Es ist über die Grenzen Lünens hinaus bekannt. Einmal im Jahr kommen hier viele Kulturen zusammen und feiern gemeinsam. Als Außenstehender bekommt man einen Einblick in verschiedene Kulturen. Man wird eingeladen und aufgefordert mitzumachen.

Integration und Inklusion sollten selbstverständlich sein. Sind sie es mittlerweile?
Nein, das sind sie leider nicht. Zuerst sollte man sich aber die Begriffe näher ansehen.

Also gut: Was ist Integration und was ist Inklusion?

Integration ist das Einbeziehen einer Gruppe in ein bestehendes System. Inklusion bedeutet ein gemeinsames System für alle, ohne das jemand ausgegrenzt oder diskriminiert wird. Also kann man sagen, dass die Inklusion die nächste Stufe der Integration ist.

Und ist Integration selbstverständlich?

Ich mache das mal jeweils an einem Beispiel fest. Es ist nicht für alle Menschen selbstverständlich, in einem asiatischen, türkischen oder polnischen Geschäft einkaufen zu gehen. Da wird schon mal ein großer Bogen darum gemacht. Leider ist das aber auch umgekehrt so. Man sieht kaum einen türkischen Mitbürger bei einem deutschen Friseur.

Also eher nicht. Und Inklusion?

Im Bereich der Barrierefreiheit ist das noch gravierender. Nehmen wir nur mal das Blinden-Leitsystem, dort stehen häufig Werbeaufsteller darauf. Oder die Mobilitätseingeschränkten Menschen haben mit den auf dem Gehweg parkenden Autos ein Problem. Sie kommen dort einfach nicht vorbei. Dieses betrifft aber auch die Mutter mit dem Kinderwagen, die dann auf die Straße ausweichen muss.

Welche Rolle könnte das Stadtfest für die Inklusion spielen?

Für viele Menschen ist der Begriff Inklusion gleich „es geht um die Behinderten“. Das ist aber nicht richtig. Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch ganz natürlich dazu gehört. Egal wie sie oder er aussiehst, welche Sprache sie oder er spricht oder ob sie oder er eine Behinderung hat: „JEDER kann mitmachen“. Seit 2016 beteiligt und organisiert der Behindertenbeirat das Stadtfest mit. Davor gab es jedes Jahr eine Infoveranstaltung zum Tag der Menschen mit Behinderung in der Fußgängerzone. Zusätzlich haben die Selbsthilfegruppen sowie Institutionen ihre Arbeit rund um das Thema Behinderung vorgestellt. Dieses wird nun mit dem Integrationsrat zusammen beim Stadtfest umgesetzt. Also gelebte Inklusion.

Was kann der Behindertenbeirat darüber hinaus leisten, um Gerechtigkeit für alle Menschen zu schaffen?

Erstens reden, zweitens reden und drittens reden. Spaß beiseite: Das Wichtigste ist eigentlich das Bewusstsein der Bevölkerung zu schärfen. Solange immer noch von Behinderten gesprochen wird, und man nicht den Menschen sieht, braucht man über einzelne Maßnahmen nicht reden. Mit Maßnahmen sind zum Beispiel Fußgängerampeln mit Anforderungskontakt oder die Bordsteinabsenkung für den Rollstuhlfahrer gemeint, davon profitieren alle Menschen. Erst wenn wir über den Menschen mit Behinderung sprechen, können wir anfangen, etwas zu ändern. Dabei ist dann aber wichtig, nicht nur über den Menschen zusprechen, sondern mit den betroffenen Menschen über deren Belange.

Wo gibt es in der Gesellschaft Widerstände gegen Inklusion?

Eigentlich von vielen Seiten. Schwierig ist es, mit Menschen zu diskutieren, die nicht im direkten Familienkreis oder im persönlichen Umfeld etwas mit Behinderungen zu tun haben. Dort stößt man schon auf Widerstand. Ein großes Thema ist natürlich das Geld. Es heißt immer, Barrierefreiheit ist nicht bezahlbar, das ist alles so teuer. Ein weiteres Thema sind die Parkplätze für Menschen mit Behinderung. Es kommt immer wieder vor, dass dort Fahrzeuge stehen, die nicht dazu berechtigt sind. Ganz schlimm ist das auf den Parkplätzen von Einkaufzentren. Wir erwischen uns regelmäßig beim Entschuldigen und rechtfertigen, weil ein sehbehinderter Mensch mit dem Langstock ein Auto trifft, das auf dem Bürgersteig steht, weil der Fahrer mal schnell telefonieren muss.

Wie sieht die perfekte Stadt aus Sicht des Behindertenbeirates aus?

Ich möchte hier das Behindertengleichstellungsgesetz NRW zitieren: „Barrierefreiheit (...) ist die Auffindbarkeit, Zugänglichkeit und Nutzbarkeit der gestalteten Lebensbereiche für alle Menschen. Die Auffindbarkeit, der Zugang und die Nutzung müssen für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe möglich sein. Hierbei ist die Nutzung persönlicher Hilfsmittel zulässig.“

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt