Wenn der Wohnungsmarkt stillsteht: Kein neuer Wohnraum für Obdachlose

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Die Corona-Pandemie hat viele Komponenten und gesellschaftliche Auswirkungen. Betroffen sind auch die Wohnungslosen: Sie haben zur Zeit kaum eine Chance auf eine Wohnung.

Lünen

, 04.05.2020, 08:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die positive Nachricht zuerst: Bis Ende Juni wird es keine neuen Wohnungslosen in Lünen geben. Dank dem vom Bundestag am 25. März verabschiedeten Gesetz darf Mietern nicht gekündigt werden, wenn sie aufgrund der Corona-Krise ihre Miete nicht mehr zahlen können. Es gibt also vorerst keine Zwangsräumungen.

Aber: Es wird für die Wohnungslosen eben auch kein neuer Wohnraum frei. Laut der Wohnungslosenhilfe Lünen, die durch das Diakonische Werk Dortmund und Lünen betrieben wird, sind aktuell 172 Menschen aus Lünen auf der Suche nach Obdach.

Deutlich weniger Kündigungen

„Im Prinzip ist das ein Problem, das es schon seit vier bis fünf Jahren gibt“, sagt Ulrich Klink, evangelischer Pfarrer im Ruhestand und Vorsitzender des Vereins „Dach über dem Kopf“, der die Männer-Übernachtungsstelle in Gahmen betreibt. „Wohnraum für alleinstehende Männer steht so gut wie nicht mehr zur Verfügung. Wenn man sich die Baupolitik der Wohnungsbaugesellschaften anguckt, dann zielt die nicht auf diese Bedürfnisse.“

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Das heißt: Es gibt in Lünen nur eine bestimmte Zahl an Wohnungen, die überhaupt in Frage kommen. Bei Vivawest sind es beispielsweise aktuell 7313 so genannte Sozialwohnungen, „davon sind 1894 Objekte preisgebunden und mit Wohnberechtigungsschein zugänglich“, wie Pressesprecher Thomas Wels mitteilt. Beim Bauverein zu Lünen sind es 5500, davon 1060 Wohnungen, die öffentlich gefördert werden, so Vorstandsvorsitzender Andreas Zaremba.

Er bestätigt außerdem, dass es auf dem Wohnungsmarkt zur Zeit weit weniger Fluktuation gibt: Statt 55 bis 60 Kündigungen im Monat, wie vor der Pandemie üblich, waren es im April gerade mal 20. „Zur Zeit gibt es ganz klar eine geringere Bereitschaft zum Wohnungswechsel“, so Zaremba.

„Fehler rächen sich jetzt“

„Für die Wiedereingliederungsphase in ein festes Wohnungsverhältnis fehlt es für den Personenkreis der Wohnungslosen an günstigem Wohnraum. Der Zugang zum Wohnungsmarkt wird dadurch noch weiter erschwert“, heißt es auch in dem durch das Fachdezernat Jugendhilfe- und Sozialplanung erstellten Bericht „Wohnungslosigkeit in Lünen Bedarfs- und Bestandsanalyse“.

„Dieser Teil der Bevölkerung lebt in einer hohen sozialen Konkurrenz“, erklärt der Geistliche Ulrich Klink weiter. „Sie leben in prekären Verhältnissen und konkurrieren dann auch noch um dieselbe knapp zur Verfügung stehende Ware, die Wohnung heißt.“ Das sei strukturell angelegt, ärgert er sich. „Das sind Fehler politischer Entscheidungen, sich mehr und mehr aus der sozialen Wohnungsbauförderung zurück zu ziehen, die sich jetzt rächen. Diese politische Grundhaltung ist dafür verantwortlich, dass diese Wohnungsverdünnung immer weiter fortgeschritten ist.“

Lösung: Mehr öffentlich geförderter Wohnraum

Soll heißen: Infrage kommenden Wohnraum gibt es kaum. Er wird meist nur dann frei, wenn Zwangsräumungen durchgeführt werden, und eben diese finden zur Zeit nicht statt. Aktuell sind die 14 Betten in der Übernachtungsstelle für Männer allesamt belegt.

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Das sei zwar nicht mehr als vor Corona, aber es gebe eben einen Vermittlungsstau. „Diese Menschen benötigen Wohnraum und nicht nur eine Übernachtungsstelle“, sagt Klink. In den vergangenen Jahren nahm die Nachfrage in der Übernachtungsstelle für Männer in Gahmen immer weiter zu: Wurden 2013 noch 88 Gäste im Jahresverlauf gezählt, waren es 2016 schon 198, 2018 sogar 208.

Als Fazit gibt der Bericht des Jugendhilfe- und Sozialplanungsdezernat übrigens unter anderem folgende Handlungsempfehlung: „Konsequente Umsetzung des im Masterplan Wohnen (,Zusammenleben 2030‘) beschriebenen – und politisch beschlossenen - Konzeptes zur Förderung des öffentlich-geförderten Wohnungsbaus.“

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