Wenn Menschen nur auf ihr Handy starren: Von der Gefahr, in einer Scheinwelt zu leben

mlzMeinung am Mittwoch

Viele Menschen starren heute nur noch auf ihr Handy. Ein Tag ohne Smartphone wird als Horror empfunden. Gastautor Heinz Werner Kleine spricht vom Leben in einer Scheinwelt.

von Heinz Werner Kleine

Lünen

, 22.01.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Für ein Fotoprojekt anlässlich des Lüner Stadtjubiläums war ich an 30 Tagen in unserer Stadt unterwegs, um jeden Tag Lüner Bürgerinnen und Bürger bei ihren alltäglichen Tätigkeiten zu fotografieren. Gleich am ersten Tag sind mir vier Jugendliche aufgefallen, die zwar gemeinsam auf einer Bank saßen, aber jeder starrte in sein Smartphone und war offensichtlich in seiner eigenen Welt.

Dieses Phänomen kann man überall beobachten. Jugendliche tragen ihr Handy wie ein Gebetbuch vor sich her und nehmen ihre Außenwelt nicht mehr wahr.

Junge Mütter pflegen kaum Kontakt zum Kind

Junge Mütter mit Kinderwagen sind mehr mit ihrem Smartphone beschäftigt und pflegen kaum Kontakt zu ihrem Kind. Radfahrer, die auf einer Bank eine Pause einlegen, genießen nicht die schöne Umgebung, sondern starren ins Handy. Schlimmer noch sind Erfahrungen, die ich in Urlaubshotels mache. Hier wird der Nachwuchs am Tisch mit Handyvideos ruhiggestellt, damit man nicht beim Essen gestört wird. Oder die Eltern starren ebenfalls auf ihr Handy. Statt die Kinder zu kreativen, phantasievollen Individuen zu erziehen, entwickeln sie sich schon früh zu passiven und gehorsamen Konsumenten.

Wenn Menschen nur auf ihr Handy starren: Von der Gefahr, in einer Scheinwelt zu leben

Heinz Werner Kleine. © Quiring-Lategahn

Gastautor Heinz Werner Kleine ist Chemielaborant und Kunstsammler.

Immer mehr Menschen flüchten in virtuelle Welten und die Entwicklung steht erst am Anfang. Fragt man nach der Freizeitbeschäftigung gerade junger Leute, stehen Spielekonsolen und TV-Serien an vorderster Stelle. Ein Tag ohne das Smartphone wird als Horror empfunden.

Sorgen und Probleme ausblenden

Mir geht es hier nicht um die Verteufelung der neuen digitalen Medien. Ich selber nutze das Internet auch häufig. Als Kunst – und Antiquitätensammler habe ich so die Möglichkeit weltweit zeitgleich Auktionen zu verfolgen oder Händlerangebote zu vergleichen.

Doch gerade die dauernde Nutzung von Youtube, Instagram, Netflix und Co. erzeugt eine Scheinwelt, die die echte Welt mit all ihren Problemen und Sorgen gerne ausblendet.

Das Leben vollzieht sich in Trugbildern und der Konsument entfernt sich nicht nur von der äußeren, sondern auch von der eigenen, inneren Natur. Hier passt der berühmte Satz von Theodor Adorno: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Dieser Satz steht bis heute für die Verunsicherung und Widersprüchlichkeit des modernen Menschen. Einerseits genießen wir die technischen Möglichkeiten, andererseits spüren wir, dass wir uns genau darin verlieren und uns zu Knechten unserer eigenen und fremder Bedürfnisse machen.

Ich glaube, dass es trotzdem eine tiefe Sehnsucht nach einem Leben jenseits der Reizüberflutung gibt. Doch einigen gelingt es nicht mehr ein wahres Leben zu führen, da sie bereits zu sehr im falschen zuhause sind.

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch im Wechsel unsere Gastautoren. Es sind:
  • Kira Engel, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Horstmar-Preußen
  • Maren Feldmann, Geschäftsführerin Küchen Schmidt
  • Marie Hirschberg, Studentin, ausgezeichnet mit dem Förderpreis Kultur der Stadt Lünen
  • Heinz Werner Kleine, Chemielaborant und Kunstsammler
  • Björn Schreiter, Architekt
  • Kevin Tigges, Studienreferendar und Akteur bei der „Abgedreht! Filmcrew“
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