Wenn Politiker denken, besser nicht die Wahrheit sagen, das könnte Stimmen kosten

mlzMeinung am Mittwoch

Der Polit-Wettkampf vor der Kommunalwahl hat begonnen. Gastautor Björn Schreiter hat den Eindruck, dass Ängste geschürt werden. Sein Tipp: Politiker konkret auf Probleme ansprechen.

von Björn Schreiter

Lünen

, 12.02.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Spüren Sie es auch schon? Nein, nicht die ersten Anzeichen für den Frühling. Kommunalwahl liegt in der Luft. Erste Kandidaten wurden aufgestellt. Konfrontation wird gesucht. Abgrenzung findet statt. Schon bald werden wir mit bunten Plakaten im Stadtbild überschwemmt werden und feststellen, dass sinnvolle konsensuale Entscheidungen im Stadtrat schwerer fallen.

Und dann beginnt der Wettkampf: Wer hat die besten Konzepte? Wer ist in der Lage, Lünen in die Zukunft zu führen? Wer schafft es, Lünen zu einer klimaneutralen Wohn- und Arbeitsstadt zu machen?

So ist Demokratie gedacht. Eigentlich.

Wie sollen Wähler Vertrauen gewinnen?

In letzter Zeit habe ich leider zunehmend den Eindruck, dass Ängste die Wahlkämpfe und den politischen Diskurs bestimmen: Wählen Sie bloß nicht diese oder jene Partei! Allein die Konkurrenz ist für die ganze Misere verantwortlich! Höchste Priorität hat die Verhinderung bestimmter Machtkonstellationen. Besser nicht die Wahrheit sagen; das könnte Stimmen kosten.

Wie sollen wir Wähler auf dieser Grundlage eine Entscheidung treffen? Wie sollen wir Vertrauen gewinnen?

Wenn Politiker denken, besser nicht die Wahrheit sagen, das könnte Stimmen kosten

Björn Schreiter. © Quiring-Lategahn

Gastautor Björn Schreiter ist Architekt.

Die Ereignisse in Thüringen der vergangenen Woche haben gezeigt, dass das klassische demokratische Konzept durch Trickserei und Taktik unterwandert und ad absurdum geführt wird. Am Ende hat keine der beteiligten Parteien eine Vernunftentscheidung im Sinne des Bundeslandes treffen können. Allein das Verhindern der Ziele der Konkurrenz trieb das Abstimmungsverhalten an.

„Die Demokratie ist in Gefahr“ heißt es immer wieder. Und wenn etwas in Gefahr ist, das uns wichtig ist, müssen wir darum kämpfen.

Auf die Wahlkämpfer zugehen

Warum nehmen wir nicht unsere eigene Lebenssituation zum Anlass und gehen auf die Wahlkämpfer zu. Und dann stoppen wir deren vorbereitete Ansprache und fragen: „Mein Kind kommt auf die weiterführende Schule. Wie werden Sie dafür sorgen, dass es am Ende gut auf die digitale Welt vorbereitet wird?“ Oder: „Ich möchte gerne mit dem Bus zur Arbeit fahren. Wie wollen Sie es schaffen, dass ich ohne auf die Uhr zu gucken zur Haltestelle gehen kann und ein Bus kommt, in dem ich einen Sitzplatz finde und in angemessener Zeit am Ziel bin?“ Oder: „Meine Frau ist IT-Expertin und würde gerne an unserem Wohnsitz in Lünen arbeiten. Wie unterstützen Sie die Ansiedlung von Fachfirmen mit entsprechenden Jobs?“

Die Antworten, die wir dann bekommen, sollten unsere Wahlentscheidung beeinflussen, nicht abstrakte, von Wahlkampfmanagern geschürte Ängste.

Es lohnt sich, Arbeit und Zeit zu investieren

Ja: Demokratie macht Arbeit. Aber das, was Jürgen Klopp über die EU gesagt hat: „Sie ist nicht perfekt, aber es ist die beste Idee, die wir hatten“, gilt auch für dieses politische System: Es ist das freieste, friedlichste, gerechteste und wohlständigste System, das wir je hatten. Es lohnt sich, hier Arbeit, Gehirnschmalz und Zeit zu investieren. Nutzen wir die kommenden Monate, um in die Zukunft von Lünen zu investieren.

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch im Wechsel unsere Gastautoren. Es sind
  • Kira Engel, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Horstmar-Preußen
  • Maren Feldmann, Geschäftsführerin Küchen Schmidt
  • Marie Hirschberg, Studentin, ausgezeichnet mit dem Förderpreis Kultur der Stadt Lünen
  • Heinz Werner Kleine, Chemielaborant und Kunstsammler
  • Björn Schreiter, Architekt
  • Kevin Tigges, Studienreferendar und Akteur bei „Abgedreht! Filmcrew“
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