Wer ein schwieriges Tier aufnimmt, braucht viel Geduld und Liebe

mlzVermittlungsstopp im Tierheim

Vier Tage vor Heiligabend hatte das Kreistierheim in Unna seine Türen geschlossen, weil die Anschaffung eines Tieres gut überlegt sein will. So können auch schwierige Tiere glücklich werden.

Lünen

, 16.01.2019, 05:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Hundewelpe oder Katzenjunges unterm Baum ist der Traum der allermeisten Kinder. Etwas zum Kuscheln und zum Spielen. Schön, wenn ein solcher Wunsch gut durchdacht erfüllt wird. Überlegt wird, welches Familienmitglied wann Gassi gehen kann, oder dass das Tier über den Anschaffungspreis hinaus etwas kostet.

Doch oft werden Tiere ganz spontan, aus einer Laune heraus, aus dem Tierheim geholt oder über Ebay ersteigert. „Mich erreichte am Heiligabend ein Anruf eines Vaters“, erzählt Stefanie Hirschfelder, Vorsitzende des Lüner Tierschutzvereins, „der nach einem Katzenbaby für seine Tochter fragte. Er hatte vergessen, ein Geschenk zu besorgen.“

Vermittlungsstopp vor Weihnachten

Um solche spontanen und damit undurchdachten Entscheidungen zu vermeiden, hatte das Tierheim des Kreises Unna, das auch für Lünen zuständig ist, einen Vermittlungsstopp im Dezember ausgerufen. Vom 21. Dezember bis zum 1. Januar blieb das Tierheim geschlossen, es wurden keine Tiere vermittelt. Und auch Stefanie Hirschfelder kam der Anfrage des Vaters nicht nach. „Das geht gar nicht“, sagt sie. „Die Leute vergessen, dass die Tiere nach ein paar Wochen ausgewachsen und dann nicht mehr so verschmust sind. Dass sie kastriert, geimpft und gechipt werden müssen.“

In einer Mitteilung des Kreises, in der der Vermittlungsstopp erklärt wird, heißt es: „Vor allem wenn die Aufnahme eines Tieres nicht gut durchdacht ist, endet es häufig damit, dass das Tier im Tierheim landet.“ Die Veterinärbehörde des Kreises rate deshalb, sich immer gründlich und vor allem gemeinsam auf ein mögliches neues Familienmitglied vorzubereiten.

Gerettet aus einer spanischen Tötungsstation

So hat es Corinna gemacht. Die Brambauerin holte im vergangenen Oktober, als wohlüberlegte Entscheidung, die Mischlings-Schäferhündin Elli zu sich. Dass es mit ihr nicht einfach werden würde, war der 28-Jährigen von Anfang an klar. Elli sei eine Angsthündin, hatte man ihr bereits am Telefon gesagt. Mit zwischen die Hinterbeine geklemmten Schwanz kann die Hündin keinen Moment stillsitzen. Unruhig umkreist sie ihr Frauchen, wickelt ihr die Leine um die Beine, weicht ihr keinen Millimeter von der Seite. „Anfangs war es noch viel schlimmer: Wenn wir rausgegangen sind, bekam sie oft regelrechte Angstattacken. Dann drehte sie sich wie wild immer im Kreis“, erzählt Corinna. Mit viel Geduld und Liebe arbeitet die gelernte Bürokauffrau daran, dass Elli nach und nach immer weiter Vertrauen fasst.

„Viele wollen einen perfekten Hund“

Aber genau diese Herausforderung hatte Corinna gesucht: „Ich bin Ellis Hilfe und sie meine. Die meisten wollen einen perfekten Hund, wie es sie bei Züchtern gibt. Aber ich mag gerne die Pflegefälle, mit denen ich arbeiten kann. Das lenkt mich von meinen eigenen Problemen ab und hilft mir, meinen Hintern hochzukriegen. Außerdem brauchen diese Tiere dringender ein Zuhause.“

  • 2018 vermittelte das Tierheim insgesamt 302 Tiere
  • Zur Zeit leben 20 Hunde, 15 Katzen, 9 Kaninchen und eine Schlange im Heim
  • Öffnungszeiten sind Dienstag und Mittwoch 13.30 bis 15.30 Uhr, Donnerstag 13.30 bis 16 Uhr und Samstag 11 bis 13.30 Uhr. Alle Infos unter beim Kreis Unna

Geboren im März als spanischer Straßenhund, kam Elli mit zwei Monaten mithilfe einer Tierschutzorganisation, die unter anderem Hunde aus Tötungsstationen in Spanien rettet, auf einen zwischen Münster und Osnabrück beheimateten Hof. Dort fand sie dann Corinna, auf der Suche nach einer neuen Gefährtin. „Ich habe sie gesehen und war verliebt“, erzählt sie lächelnd, „Elli aber erst mal überhaupt nicht in mich.“ Mittlerweile sei das Vertrauen so groß, dass die Hündin sie und ihren Freund morgens wachschlabbert.

Stubenreinheit war größte Herausforderung

Was in den zwei Monaten in Spanien mit Elli passiert ist, weiß die Brambauerin nicht so genau. Sie vermutet: Tritte, Schläge, Hunger. Daher wahrscheinlich die große Angst. Aber auch die Zeit beim Tierschutzverein ist unklar. Sie vermutet, dass sich kaum um die Hündin gekümmert wurde. „Als Elli mit sechs Monaten zu mir kam, war sie noch nicht stubenrein. Mittlerweile habe ich das geschafft. Aber ich muss mir nachts alle drei Stunden den Wecker stellen, um sie rauszulassen.“ Und auch mit der Angst wird es langsam besser: Beim täglichen Besuch im Hundewald Doghausen tollt und rennt Elli inzwischen fast so wie ihre Artgenossen und hat auch viele Hundefreunde gefunden.

Corinna wirkt zufrieden. Sie bereue ihre Entscheidung nicht und würde sogar gerne mehr solcher Tiere als Pflegehunde aufnehmen, wenn sie denn ausreichend Platz hätte.

Nur „normaler Wahnsinn“

Im Falle des Tierheims als kommunaler Schutzort herrenloser Tiere scheinen Appell und Weihnachtsschließung bewirkt zu haben, dass die Tiere nicht bald wieder ausgesetzt oder zurück ins Heim gebracht wurden. Zwar vermittelte das Tierheim im Dezember 42 Tiere und damit etwa doppelt so viele wie beispielsweise im März (22) oder im November (21). Aber es wurde bisher nur ein einziger Hund zurück gebracht.

Auch Stefanie Hirschfelder vom Lüner Tierschutzverein, der sich vor allem um Katzen und Nagetiere kümmert, meldet keine besonderen Vorkommnisse als Nachspiel zu Weihnachten. „Nur den ganz normale Wahnsinn“, sagt sie lachend.

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