Wethmar: Lebensqualität super, Nahversorgung könnte besser sein, Verkehr nervt

mlzStadtteil-Check

„Königreich Wethmar“ heißt der Stadtteil im Volksmund. Zahlreiche überdurchschnittliche Bewertungen bestätigen das. Aber die Bewohner benennen auch Defizite. Viele sind es jedoch nicht.

Wethmar

, 11.04.2019, 04:05 Uhr / Lesedauer: 4 min

Als Daniela Berka der Liebe wegen von Münster nach Lünen zog, hatte sie ihre Zweifel. Nicht am Mann, sondern am Wohnort. Münster gegen Lünen tauschen? Da kann man schon mal ins Grübeln kommen. Aber in Lünen wurde es Wethmar. Und 17 Jahre nach dem Umzug hat Daniela Berka nichts bereut. „Wir fühlen uns einfach wohl hier“, sagt die 43-Jährige, die mit ihrem Mann Christoph (43) den Kindern Kevin (15) und Jette (3) und Hund Balu in einem Haus an der Wehrenboldstraße lebt.

Den Berkas geht es so wie vielen Teilnehmern unseres Stadtteil-Checks. 9 von 10 Punkten für die Lebensqualität schaffen neben Wethmar nur noch Niederaden und Nordlünen. Bei acht Kriterien der Umfrage liegt das „Königreich“ über dem Lüner Durchschnitt, nur bei dreien darunter.

Christoph Berka, ein gebürtiger Wethmarer, hebt den Zusammenhalt im Stadtteil hervor, vor allem in den Vereinen, bei der Feuerwehr und in den Gemeinden: „Kindergarten St. Gottfried, Gottfried-Schule, Jugendgruppe St. Gottfried, Schützen-Verein“ sind laut Berka für manchen jungen Wethmarer die üblichen Stationen. Auch Kevin will demnächst in den Schützen-Verein eintreten und damit dem Beispiel seines Vaters folgen. „Wir haben überhaupt keine Probleme, Nachwuchs zu finden“, sagt Christoph Berka. Auch das sei typisch Wethmar.

Dieter Kohlborn aus dem Schützen-Verein Wethmar

Dieter Kohlborn aus dem Schützen-Verein Wethmar © Peter Fiedler

„Das Zusammenleben hier verdient die Note 1“
Dieter Kohlborn

„Es ist der Zusammenhalt, das gegenseitige Unterstützen der Vereine, das Miteinander. Das Zusammenleben hier verdient die Note 1“, erklärt Dieter Kohlborn. Der 69-Jährige aus der Dorfstraße hat sich 18 Jahre im Vorstand der Schützen-Vereins Wethmar engagiert, was der Verein mit dem Titel Ehren-Oberst würdigte. Kohlborn weiß, wie Wethmar tickt.

Was (noch) positiv bewertet wurde

Kinderbetreuung/Familienfreundlichkeit: Die überdurchschnittlichen Noten kann Familie Berka gut nachvollziehen: „Wir haben drei Kindergärten und zwei Grundschulen, beide Schulen haben einen guten Ruf“, sagt Daniela Berka.

Grünflächen: Der Stadtteil liegt im Grünen. Schnell sind die Wethmarer am Cappenberger See und im Cappenberger Wald im Norden oder an der Lippe im Süden. Auch das Wäldchen rund um den Biohof Schulze Wethmar ist beliebt bei Spaziergängern.

Seelsorge: Wethmar wird mit Horstmar, Lünen-Nord und Nordlünen am besten bewertet. Aus Sicht von Dieter Kohlborn kein Wunder: „Dass evangelische und katholische Gemeinde sich so gut verstehen, ist ein Riesenplus für den Ortsteil.“ Die Berkas heben besonders die Jugendgruppe St. Gottfried hervor, die u.a. Sommerlager, Pfingstfreizeit und Tour de Wethmar auf die Beine stellt. „Das ist doch die einzige Jugendgruppe in Lünen, die noch richtig funktioniert“, so Christoph Berka.

Jugendliche: Mit fünf Punkten ist das Urteil für Wethmar nicht wirklich positiv, aber etwas besser als in den meisten anderen Stadtteilen. Auch hier könnte die gute kirchliche Jugendarbeit eine Rolle spielen. Kevin Berka lobt den Bolzplatz in der Wethmar Mark: „Da treffen sich viele Kinder und Jugendliche.“ Darüber hinaus gebe es für Jugendliche „nicht so viele Sachen“. Aus Sicht von Kevin aber kein großes Problem. Er spielt bei Westfalia Wethmar Fußball und wird bald Mitglied im Schützenverein. Ein Jugendzentrum im Stadtteil vermisse er daher nicht.

Was negativ bewertet wurde

Verkehrsanbindung/Verkehrsbelastung: Staus auf der Münsterstraße im Berufsverkehr und die vielen LKW merken Teilnehmer unseres Stadtteil-Checks negativ an. Für Daniela Berka kein großes Problem. Sie arbeitet als Schulsekretärin am Gymnasium St. Christophorus in Werne und fährt morgens Richtung Osten. Ihr Mann Christoph allerdings, Hundeführer bei der Polizei in Dortmund, kennt die tägliche Stauerfahrung Richtung Dortmund und ärgert sich darüber. „Der LKW-Verkehr ist Wahnsinn. Seit Amazon in Werne da ist, ist das deutlich mehr geworden.“ Und wenn noch Unfälle auf der Autobahn hinzukämen, gehe wegen des Ausweichverkehrs gar nichts mehr.

Der LKW-Verkehr auf der Münsterstraße nervt in Wethmar. Zumal viele dieser LKW Durchgangsverkehr sind.

Der LKW-Verkehr auf der Münsterstraße nervt in Wethmar. Zumal viele dieser LKW Durchgangsverkehr sind. © Peter Fiedler

Dieter Kohlborn teilt die Beobachtungen: „Die Verkehrssituation hat sich mit den Jahren deutlich verschlechtert, zum Nachteil der Bevölkerung. Generell fehle in Lünen „eine Umgehungsinfrastruktur“. Laut Kohlborn gibt es auch zunehmenden Schleichverkehr durch Wethmars Nebenstraßen.

Bürgermeister Jürgen Kleine-Frauns würde den LKW-Durchgangsverkehr zwar am liebsten von den Lüner Hauptstraßen verbannen. Aber die „diesbezüglichen Gespräche mit den Behörden ließen wenig Entgegenkommen vermuten“, teilt Stadtsprecher Benedikt Spangardt mit. Im Alleingang kann Lünen kein Durchfahrtsverbot verfügen, braucht die Zustimmung übergeordneter Behörden.

Nahversorgung: Neun Stadtteile schneiden besser ab als Wethmar. „Ein Supermarkt fehlt schon, insbesondere für ältere Menschen ist es schwierig“, meint Daniela Berka. Für ihre eigene Familie sei das aber nicht so ein großes Problem, „weil wir mobil und schnell in der Stadt sind“. Schade findet die Familie, dass Tischer´s Bude in der Münsterstraße schließen musste. Ein Niemandsland der Nahversorgung ist Wethmar allerdings auch nicht, meint Christoph Berka und zählt auf, was es gibt: Bäckerei, Fleischerfachgeschäft, Hofladen, Getränkemarkt. Aber eben keinen Discounter. „Für Wethmar besteht ein Versorgungsdefizit bezogen auf das Ziel, eine Nahversorgung für alle Menschen fußläufig erreichbar vorzuhalten“, teilt Stadtsprecher Benedikt Spangardt zum Thema mit.

Ursprünglich sollte im geplanten neuen Wohngebiet Wethmar-Ost auch ein Discounter angesiedelt werden. Doch ein Gutachten sprach sich dagegen aus. Spangardt verweist darauf, dass zur Zeit am neuen „Masterplan Einzelhandel“ gearbeitet werde. Am 21. Mai solle ein erster Entwurf im Ausschuss für Stadtentwicklung vorgestellt werden.

Das Thema Wohnen

9 von 10 Punkten gibt es für Wethmars herausragende Lebensqualität, aber nur 6 Punkte beim Thema Wohnen. Ein Widerspruch? Eine Rolle könnte spielen, dass Wohnungen nur schwer zu finden sind. Kritik üben Teilnehmer des Stadtteil-Checks am Zustand der Wohnungen von Vivawest zwischen Münsterstraße und Schneider-Paas-Straße: „Die Häuser der Vivawest werden nicht in Ordnung gehalten vom Vermieter. Seit 20 Jahren nicht renoviert.“

Einer der Wohnblöcke von Vivawest in Wethmar: Vernachlässigt das Unternehmen den Bestand? Notwendige Instandhaltungen würden erledigt, heißt es bei Vivawest.

Einer der Wohnblöcke von Vivawest in Wethmar: Vernachlässigt das Unternehmen den Bestand? Notwendige Instandhaltungen würden erledigt, heißt es bei Vivawest. © Peter Fiedler

Vivawest erklärt auf Anfrage, es handele sich um 144 Wohnungen aus den Baujahren 1960 bis 1975. Dem Unternehmen lägen „keine Mieterbeschwerden zu Bewirtschaftungsproblemen vor.“ Wo Instandhaltungsarbeiten notwendig seien, würden sie auch durchgeführt. Vivawest sehe für die Wohnungen „langfristig einen Modernisierungsbedarf“. Ein Zeitpunkt dafür stehe noch nicht fest.

Zu den Plänen für das Baugebiet Wethmar-Ost hat Dieter Kohlborn vom Schützen-Verein seine eigene Meinung: „Die grüne Infrastruktur macht den Wohnwert in Wethmar aus. Ich bin gegen eine Freiflächenvernichtung und wäre nicht böse, wenn es nur zu einer kleineren Lösung kommt.“ Kleinere Lösung hieße: Nur die Fläche des ehemaligen Sportplatzes wird bebaut.

Jetzt lesen

Historie

Wiege der Lüner Industrie

Wethmar war in seinen Ursprüngen eine Bauernschaft. Mit Nordlünen und Alstedde bildete Wethmar seit 1815 die Gemeinde Altlünen im Amt Bork im Kreis Lüdinghausen.
Einfahrt zum Westfaliagelände im Jahr 1941. Das Gebäude der früheren Kantine hinten steht unter Denkmalschutz.

Einfahrt zum Westfaliagelände im Jahr 1941. Das Gebäude der früheren Kantine hinten steht unter Denkmalschutz. © Foto: Stadtarchiv

1826 gründete Caspar Diederich Wehrenbold mit der „Eisenhütte Westfalia“in Wethmar den ersten Industriebetrieb Lünens. Über die Lippe wurde Raseneisenerz transportiert. 1876 stellte der Betrieb die Eisenerzeugung ein und konzentrierte sich auf Eisenverarbeitung. Heute produziert der amerikanische Konzern Caterpillar am früheren Westfalia-Standort. Seit Anfang 1975 ist Wethmar ein Stadtteil Lünens, weil die damalige Gemeinde Altlünen mit der Stadt Lünen vereinigt wurde.
Lesen Sie jetzt
Münsterland Zeitung Legende des Lüner Nachtlebens
„Omi‘s Schnapshaus“ wird abgerissen: Die Pläne für Neubau und „Omi‘s Deele“