Wie Banken und Versandhäuser den Weg in die Schuldenfalle fördern

mlzSchuldnerberatung

Die Zahl der überschuldeten Personen in Deutschland ist 2018 erneut gestiegen. Der Kreis Unna liegt dabei über dem Bundestrend. In Lünen macht vor allem eine Personengruppe Sorgen.

Lünen

, 10.01.2019, 05:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

6,9 Millionen Deutsche über 18 Jahren waren im Jahr 2018 überschuldet - das bedeutet, ihnen standen schlichtweg nicht die finanziellen Mittel zur Verfügung, um ihre Schulden zu bezahlen und gleichzeitig den Lebensunterhalt zu gewährleisten. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform, die den jährlichen Schuldneratlas für Deutschland herausgibt, stellt damit eine Überschuldungsquote von 10,04 Prozent fest - ein Anstieg von 0,3 Prozent gegenüber 2017. In absoluten Zahlen ausgedrückt: 19.000 Überschuldete mehr.

Der Kreis Unna liegt mit einer Überschuldungsquote von 11,8 Prozent über dem Durchschnitt. Für Lünen geht Beate Lötschert, Abteilungsleiterin Wohnen und Soziales, von einer Quote um die 13 Prozent aus - die Quoten schwanken in den drei Postleitzahlengebieten zwischen 11,88 und 15,88 Prozent. „Gerade deshalb sind wir froh, dass wir hier überhaupt eine Schuldnerberatung anbieten können.“

„Wir kommen an unsere Grenzen“

Diese Beratung ist eigentlich Pflichtaufgabe des Kreises. Der hat diese Aufgabe wiederum an die Arbeiterwohlfahrt (AWO) mit Sitz in Kamen übertragen, die für das restliche Kreisgebiet zuständig ist. Lünen hält zusätzlich drei Mitarbeiter auf 2,1 Vollzeitstellen bereit, um Menschen den Weg aus der Schuldenfalle zu weisen. „Weil wir aber bei manchen Kunden aufgrund deren gesamtwirtschaftlicher Situation an unsere Grenzen kommen, gibt es bei uns zusätzlich auch die Insolvenzberatung“, so Beate Lötschert.

Die Privatinsolvenz ist so etwas wie die Ultima ratio - wenn gar nichts anderes mehr geht, muss der Betroffene für sechs Jahre mit erheblichen Einschränkungen rechnen. Am Ende besteht jedoch die Aussicht auf Schuldenfreiheit. „Wir können beraten und hören auch gerne zu. Aber am Insolvenzverfahren selbst sind wir nicht beteiligt“, betont Sabine Otto, Schuldnerberaterin der Stadt Lünen. Hier hat der Insolvenzberater das Sagen - was vor allem dann problematisch wird, wenn es Sprachbarrieren gibt.

Keine Beratung ohne Sprachkurs

So berichtet Sabine Otto von einer türkischen Frau, die zu jedem Beratungstermin eine neue Freundin als Dolmetscherin mitgebracht hat. „Irgendwann habe ich dann gesagt, dass das ohne Sprachkurs nicht geht.“ Wenn der Insolvenzverwalter einen Brief rausschickt, in dem steht, dass man binnen 14 Tagen seine Gehaltsabrechnung vorlegen soll, dann müsse man diesen Brief auch lesen können. „Der schreibt nur einmal. Kommt man der Forderung nicht nach, kann das schnell ein Ausschlusskriterium sein.“

Wobei Menschen mit Migrationshintergrund nur eine von vielen Gruppen sind, die in der Schuldnerberatung vorstellig werden. „Da ist alles dabei, vom Jugendlichen bis zum Senior.“ Zwar sei es statistisch noch nicht belegt, aber vom Gefühl her sei eine Gruppe zuletzt besonders stark gewachsen: „Alte Frauen, die Witwe geworden sind“, so Sabine Otto.

Ein Hauptproblem für die hohen Schuldenquoten ist nach Meinung der Schuldnerberaterin, dass es den Menschen derzeit zu einfach gemacht werde. „Banken bieten niedrige Zinsen und hohe Dispo-Kredite an, und bei Versandhäusern kann ohne Probleme zu null Prozent finanziert und bestellt werden.“ Dies fördere den Eindruck, dass man sich alles leisten könne. „Und genau das klappt eben nicht - und führt am Ende zum bösen Erwachen.“

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