Durch den Druck des Wassers ist im Keller von Kirsten und Henning Iller Auf dem Eigengrund in Lünen eine Fensterscheibe geborsten. Zudem hat es den Rahmen herausgedrückt. © Julian Preuß
Wasserschäden

Zerborstene Kellerfenster und Schlamm: „So schlimm war es noch nie“

Die Regenmassen trafen die Häuser der Straße Auf dem Eigengrund wieder mit voller Wucht. Die Schäden sind massiv und die Anwohner nervlich am Ende. Ein Besuch am Tag danach.

Es sieht fast ein wenig idyllisch aus, als sich am Donnerstagvormittag die Sonne ihren Weg durch die Wolken kämpft. Sogar der Himmel ist stellenweise über der kleinen Siedlung zu sehen. Von den schweren und dunklen Regenwolken, die am Mittwochabend über Lünen und ganz Nordrhein-Westfalen (NRW) zogen, fehlt jede Spur. Offene Garagentore und vereinzelter Müll lassen auf den ersten Blick nur erahnen, dass sich am Vortag enorme Wassermassen durch die Siedlung geschoben haben.

Im Eingangsbereich des Einfamilienhauses von Nail Altintas und Navin Cartilli-Altintas stehen Nachbarn zusammen. Im Gespräch versuchen sie, das Erlebte zu verarbeiten. Der Tenor: Das Wasser steht den Anwohnerinnen und Anwohnern sprichwörtlich bis zum Hals. Das Ehepaar hat kaum ein Auge zugetan. Bis spät in die Nacht hinein haben sie das Wasser aus ihrem Keller gepumpt.

„Wir hatten vier Pumpen im Einsatz“, berichtet Nail Altintas. Da die Siedlung immer wieder Probleme mit vollgelaufenen Kellern hat, gehören mittlerweile zwei Pumpen zur Ausrüstung der Familie. Dreimal hat die Familie schon erlebt, wie Wasser den Keller flutete. Doch zwei Pumpen reichten am Mittwochabend nicht. „So schlimm war es noch nie“, sagt Navin Cartilli-Altintas. Von den Nachbarn leihen sie sich weitere zwei Pumpen.

Waschmaschine und Trockner kaputt, Heizung fällt aus

Doch noch immer befindet sich Wasser im Keller. „Es drückt von außen immer noch rein“, erklärt Altintas. An der dreckigen Linie am Trockner zeigt sich, wie hoch das Wasser stand. Kniehoch sei es gewesen. Zwar standen Waschmaschine und Trockner bereits auf jeweils einem Sockel, doch gerettet hat dies die Geräte nicht. Auch die Heizung ist hinüber – wie in vielen anderen Häusern der Straße auch.

Etwa kniehoch stand das Wasser im Keller. Nail Altintas deutet es am Wäschetrockner an.
Etwa kniehoch stand das Wasser im Keller. Nail Altintas deutet es am Wäschetrockner an. © Julian Preuß © Julian Preuß

Wie hoch der finanzielle Schaden der Familie ist, kann Altintas nur schwer beziffern. Er schätzt ihn auf mindestens 20.000 bis 25.000 Euro. Gespräche mit der Versicherung stehen noch an. Für das Paar und seine Kinder bedeutet das Stress. Dabei sollte eigentlich in wenigen Tagen der Urlaub beginnen. „Wir trauen uns gar nicht wegzufahren“, sagt Navin Cartilli-Altintas bedrückt. „Immerhin sind wir nicht die einzigen Betroffenen“, fügt sie mit etwas Galgenhumor hinzu. Die Nachbarschaft, sagt Cartilli-Altintas, sei eine schöne Gemeinschaft. „Wir stecken in der gleichen Situation und helfen uns gegenseitig.“

Unterstützung können Kirsten, Hennig und Manfred Illner ebenfalls gut gebrauchen. Denn die Fluten stiegen nicht nur bis auf Kniehöhe. Sie füllten die kompletten Kellerräume aus – bis unter die Decke, teilweise gar bis in die Wohnräume. Umso drastischer sind die Schäden.

Als Kirsten Illner die Treppe hinunter geht, drücken sich die Füße in die nassen Treppenauflagen. Die an der Wand hängenden Fußballtrikots sind ebenfalls durchnässt. Das Unheil zeigt sich allerdings erst weiter unten. Müll fällt sofort ins Auge, überzogen von einer leichten Schicht, aus Erde und Schlick. Ein Blick zur linken Seite demonstriert, mit welcher Kraft sich das Wasser von außen in den Keller gebahnt hat.

Fenster bersten unter dem Druck des Wassers

Beide Fenster sind nicht mehr zu gebrauchen. Eine Scheibe ist unter dem Wasserdruck zerborsten. Zudem hat es den Rahmen des zweiten Fensters herausgedrückt. Die Tür zum nächsten Raum gleicht einer zerknüllten Spielkarte aus Papier. „Wir haben mit den Kindern und Enkelkindern bis ein Uhr in der Nacht, einigermaßen Trockenheit in die Wohnung zu bekommen“, erzählt Manfred Illner. Im Badezimmer sei das Wasser durch die Tür hineingelaufen. Im Flur habe er es mit Handtüchern einigermaßen zurückhalten können. Auch Tapeten haben sich mit Wasser vollgesogen.

Selbst in die Wohnräume ist das Wasser eingedrungen. Die Tapeten haben das Wasser aufgesogen.
Selbst in die Wohnräume ist das Wasser eingedrungen. Die Tapeten haben das Wasser aufgesogen. © Julian Preuß © Julian Preuß

Damit bleibt auch bei den Illners ein enormer finanzieller Schaden. Und was Manfred Illner besonders ärgert: „Wir haben Verständnis für die Feuerwehr. Die können nicht überall sein. Dass sie hier gar nicht erschienen, ist schlimm.“ Erst am Donnerstagvormittag kam zum ersten Mal ein Feuerwehrfahrzeug vorbei und pumpte am anderen Ende der Straße einen Keller leer.

Die Feuerwehr traf erst am Donnerstagvormittag Auf dem Eigengrund ein.
Die Feuerwehr traf erst am Donnerstagvormittag Auf dem Eigengrund ein. © Julian Preuß © Julian Preuß

Ob sie Auf dem Eigenbruch noch weitere Stationen abfahren werden, konnten beide Feuerwehrleute nicht beantworten. Sie wüssten nicht, wo sie die Leitstelle als nächstes hinschickt. Zu viele Anrufe habe es am Vortag gegeben. Diese Erfahrung musste auch Navin Cartilli-Altintas machen. Bei der Feuerwehr kam sie nicht durch. Die Polizei sagte ihr, sie solle versuchen, das Wasser fernzuhalten.

Meinung der Anwohner: SAL findet keine Lösung

Die eigentliche Wut richtet sich aber nicht gegen die Einsatzkräfte, sondern gegen den Stadtbetrieb Abwasserbeseitigung Lünen (SAL). Obwohl die Probleme mit dem Regenwasser schon lange bekannt seien, tue sich nichts. „SAL findet keine Lösung dafür“, sagt Nail Altintas. Die Angst, dass die Häuser beim nächsten starken Regen erneut unter Wasser stehen, bleibt damit weiter bestehen.

Vor allem bleiben erstmal die Schäden. Bis die Keller getrocknet, die Heizungen repariert und neue Trockner und Waschmaschinen angeschafft sind, wird viel Zeit vergehen. Da ist der leichte Sonnenschein am Tag danach nur ein schwacher Trost.

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